Gesundheitspolitik

„Müssen auch mal Visionen riskieren“

eda | Die Blockadehaltung der ABDA ist offenbar nicht mehr von Erfolg gekrönt. Im Gegenteil: Ralf König, Apotheker und Mitglied im Thinktank des Bundesgesundheitsministeriums, berichtete beim Kooperationsgipfel davon, dass es in Berlin eine gewisse Irritation hinsichtlich der Apothekerschaft gebe. Mit der ABDA werde immer weniger kommuniziert.

Impfen gegen Grippe, Testen auf Corona, neue Services für die Patienten – Apothekeninhaber Ralf König, der auch als Director Pharmacy im Health Innovation Hub das Bundesgesundheitsministerium berät, hält 2020 für das Jahr der heilberuflichen Chancen für den Berufsstand. Doch seiner Meinung nach wurden von der Standesvertretung zu viele Möglichkeiten vertan. Aktiv gestaltet worden sei wenig. In der Diskussionsrunde beim digitalen 13. Kooperationsgipfel des BVDAK (Bundesverband Deutscher Apothekenkooperationen) machte er am vergangenen Mittwoch deutlich, dass es mehrere Male einen Elfer ohne Torwart gegeben habe, und die ABDA sei noch nicht mal in der Lage gewesen, den Ball zu berühren. Königs Gesprächspartner waren Berlins Apothekerkammerpräsidentin Kerstin Kemmritz sowie Apo­theker Stefan Hartmann, erster Vorsitzender des BVDAK.

Fotos: BVDAK/Apothekerkammer Berlin/hih

Diskutierten über die Performance der Standespolitik: Dr. Stefan Hartmann, BVDAK-Vorsitzender, Dr. Kerstin Kemmritz, Präsidentin der Apothekerkammer Berlin, Ralf König, Health Innovation Hub (v. l.)

König wies darauf hin, dass es in Berlin eine gewisse Irritation gebe hinsichtlich des Eindrucks von der Apothekerschaft. Einerseits träfen die Politiker bei ihren Reisen durchs Land auf sehr fortschrittliche und engagierte Apothekerinnen und Apotheker, andererseits stießen sie nach ihrer Rückkehr in die Hauptstadt auf die ausgeprägte Blockadehaltung der ABDA. Das hat laut König inzwischen zur Folge, dass nur noch wenige Politiker mit der ABDA kommunizieren. Fassungslos habe ihn beispielsweise gemacht, dass sich die Standesvertretung zum Thema Antigen-Tests so zögerlich geäußert hat. Erst unmittelbar vor Weihnachten sei es zu positiven Signalen in Richtung Politik und Apotheken gekommen. Hier hätte er sich mehr proaktives Vorangehen gewünscht.

„Wir brauchen eine Art Thinktank für den ABDA-Tanker.“

Kerstin Kemmritz

Gastgeber Stefan Hartmann wies auf drei weitere konkrete Beispiele hin: So habe der Gesetzgeber die Impfmodellprojekte in Apotheken ermöglicht, den Botendienst liberalisiert sowie den Betrieb von Abholstationen erlaubt. „Das sind drei wertvolle Tools, gegen die sich die ABDA schon immer gewehrt hat“, so Hartmann.

Schuld sind die standes­politischen Strukturen

Das Angebot von Grippeimpfungen in der Apotheke verbessere die Bereitschaft in der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, und werte nicht zuletzt das Ansehen der Apotheker als Heilberufler auf. Mit dem liberalisierten und vor allem vergüteten Botendienst könne man eine patientengerechtere Versorgung gewährleisten und die Abholautomaten ermöglichten es den Apotheken, ihr Angebot und ihre Öffnungszeiten zu erweitern. Das sei gerade im Hinblick auf den Infektionsschutz in der Corona-Pandemie ein wichtiger Faktor.

Kerstin Kemmritz aus Berlin, die im vergangenen Jahr auch als Vizepräsidentin der Bundesapothekerkammer kandidiert hatte, konnte die Kritik nachvollziehen, doch wies gleichzeitig darauf hin, dass die gefühlte Blockadehaltung den standespolitischen Strukturen geschuldet sei. So habe die ABDA keine Basislegitimation, sondern baue vielmehr auf einer repräsentativen Demokratie auf. Das schließe aber nicht aus, auf Visionen und Expertise von der Basis zurück­zugreifen: „Wir brauchen eine Art Thinktank für den ABDA-Tanker.“ Gerade in der heutigen, schnell­lebigen Zeit und mit den immer weiter ausdifferenzierten Interessen im Berufsstand sei es wichtig, dass es regelmäßig zu einer Rückkopplung zwischen Spitze und Basis komme.

Der BVDAK-Vorsitzende Hartmann pflichtete seiner Berliner Kollegin bei: „Die Diskrepanz wird gefühlt immer größer.“ Er sieht es als den größten Nachteil, dass die ABDA nach wie vor versuche, immer auf einen kompletten Interessenausgleich zwischen allen Apotheken zu achten. Doch: „Beim Vorankommen darf man keine Rücksicht auf das schwächste Glied in der Kette nehmen.“ Zwar könne man ver­suchen, Dinge zu bewahren, aber das dürften tatsächlich nur die „wirklich guten“ sein. Das Motto „Wer wagt, gewinnt“ ist aber für Kemmritz in diesem Zusammenhang offenbar nicht vorbehaltlos zu unterschreiben. Sie formuliert es eher so: „Wir müssen auch mal Visionen riskieren.“

Zukunftsgestaltung – nicht mehr nur mit der ABDA

Als Ausblick auf die nahe Zukunft wünscht sich König eine bessere Kommunikation zwischen Ärzten und Apothekern. Hartmann betrachtet mit Sorge, dass es aktuell nur vier „Mini-Modellprojekte“ zur Grippeimpfung in den Apotheken gibt – er plädierte dafür, dieses Angebot zügig als Regelleistung zu eta­blieren. Kemmritz ergänzte, dass dies auch für Privatversicherte zu erweitern sei. Perspektivisch wünscht sich die Kammerpräsidentin eine wertschätzende Behandlung des Berufsstands von der Politik. Diese solle noch intensiver die Ideen und Bereitschaft der Apothekerinnen und Apotheker einbinden und ein­fordern. Hartmann hofft, dass es bei der Zukunftsgestaltung nicht mehr nur die ABDA geben wird. Vielmehr müsse es zu einem breiten Diskurs bei allen apothekenrelevanten Themen kommen. |

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