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Damoklesschwert Lieferausfälle

Foto: DAZ/Kahrmann

Dr. Doris Uhl, Chefredakteurin der DAZ

Immer mehr Menschen erkranken an Covid-19 (Coronavirus-Disease-19). Das neuartige, als SARS-Coronavirus 2019 (SARS-CoV-2) bezeichnete Virus ist wohl nicht zu stoppen. Eine Pandemie wird vielleicht schon bestätigt sein, wenn Sie diese Ausgabe in den Händen halten. Isolierung der Betroffenen und der Kontaktpersonen ist der einzige verzweifelte Versuch, die Infektions­ketten zu unterbrechen. Ganze Städte werden abgeriegelt, und das nicht nur in China, sondern inzwischen auch bei uns vor der Haustüre in Norditalien. Während man den Ausbruch in der bayerischen Firma Webasto mit großer Kraftanstrengung eingrenzen konnte, nicht zuletzt auch deshalb, weil der ­Patient Null bekannt war und die Infektionsketten gut zu rekonstruieren waren, suchte man zumindest noch zu Wochenbeginn in Italien nach diesem „Patiente Zero“ und weiteren potenziell Infizierten. Die Sorge ist groß, dass es auch in Deutschland zu solchen nicht mehr zu kontrollierenden Ausbrüchen kommt. Hiobsmeldungen von ausverkauften Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln verstärken die Angst in der Bevölkerung, der neuen Bedrohung schutzlos ausgeliefert zu sein – auch wenn immer noch gilt, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 trotz ­steigender Todesfälle oft symptomlos bis leicht verläuft und nach wie vor die ebenfalls grassierenden Influenza­infektionen wesentlich gefährlicher sind. Händeringend wird ein Impfstoff herbeigesehnt.

Wenn dann aber ein Impfstoff gegen so eine gefürchtete Infektionskrankheit zur Verfügung steht, treten Impfkritiker auf den Plan und torpedieren diese sinnvolle Schutzmaßnahme. Das Thema Masern ist ein Paradebeispiel dafür. Trotz intensiver Aufklärung sind die Impflücken in Deutschland immer noch groß. Masernparties feiern fröhliche Urständ, obwohl bekannt ist, dass die Erreger auch Jahre nach einer vermeintlich durchgestandenen Infektion schwerste bis tödlich verlaufende Komplikationen hervorrufen können. Nun hat der Staat im Rahmen seiner Für­sorgepflicht das zum 1. März in Kraft tretende Masernschutzgesetz durchgeboxt. Für Kinder in Kindertagesstätten, Kindergärten, Schulen und Gemeinschaftseinrichtungen ebenso wie für das dort arbeitende Personal muss der Nachweis erbracht werden, dass sie gegen Masern geimpft sind (s. S. 9). Der Widerstand gegen dieses Gesetz ist ungebrochen, eingefleischte Impfgegner, so die Befürchtung, werden eher das Bußgeld von 2500 Euro in Kauf nehmen als sich bzw. ihre Kinder impfen zu lassen. Sollte dann tatsächlich ein schwerer Krankheitsverlauf auftreten, hoffen auch diese selbstverständlich auf ein funktionierendes Gesundheitswesen und wirksame Therapien.

Doch vielleicht wird der eine oder ­andere Impfgegner durch die dramatische Entwicklung der Coronavirus-Infektionen aufgerüttelt. Denn sie zeigt nicht nur, wie hilflos wir ohne Impfstoffe und antivirale Medikamente sind, sie lässt auch spürbar werden, wie abhängig unser Gesundheitssystem von den Rohstoff- und Wirkstofflieferanten in China ist (s. S. 16). Die schon jetzt angespannte Versorgungssituation mit ­lebenswichtigen Hilfs- und Arznei­mitteln könnte uns aufgrund von Produktionsausfällen, ­Lieferkettenabriss und gestiegenem ­Eigenbedarf in China in wenigen ­Wochen mit voller Wucht treffen. Das Horror­szenario, dass Menschen sterben müssen, weil China beispielsweise nicht mehr ausreichend Antibiotika liefern kann, schwebt wie ein Damoklesschwert über uns – auch wenn die Vertreter unserer zuständigen Behörden noch nicht von einer akuten Bedrohungssituation sprechen möchten.

Doris Uhl

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