Foto: miket – stock.adobe.com

Pandemie Spezial

Die „Sturgis Motorcycle Rally“

Ein ausbruchsförderndes Ereignis im XXL-Format

Immer häufiger sehen sich die Gesundheitsämter mit SARS-CoV-2-Infektionen konfrontiert, die mit Veranstaltungen im privaten oder im öffentlichen Raum zusammenhängen. Ein Biker-Event in Süd-Dakota in den USA zeigt exemplarisch, wie durch Missachtung sämtlicher Infektionsschutzregeln die Dynamik der Corona-Virus-Pandemie in dramatischer Weise beeinflusst wurde. | Von Hermann Feldmeier 

Anfang September kehrte eine 26-jährige Amerikanerin von einem Griechenlandurlaub in ihren Heimatort Garmisch-Partenkirchen zurück. Sie hatte sich mit COVID-19-verdächtigen Symptomen beim Gesundheitsamt gemeldet. Bis zum Eintreffen des Resultats des PCR-Tests stand die Frau unter Quarantäne, besuchte aber trotzdem diverse Kneipen und Bars. Binnen einer Woche ließen sich mehrere Dutzend Neuinfektionen auf die infizierte Amerikanerin zurückführen, unter anderen im „Edelweiß Lodge and Resort“, eine Urlaubs- und Erholungseinrichtung der US-Streitkräfte. Dadurch schnellte in Garmisch-Partenkirchen die Zahl der Neuinfektionen binnen weniger Tage über den kritischen Grenzwert von 50 neuen Fällen pro 100.000 Einwohner. Per Stand 19. September war die Maßzahl immer noch 58,8. Das Beispiel belegt zum wiederholten Mal, dass eine einzige Person ein signifikantes ausbruchförderndes Ereignis in Gang setzen und die lokale Pandemie-Dynamik grundlegend verändern kann.

Was passiert, wenn einige Dutzend oder einige Hundert mit SARS-CoV-2 infizierte Personen sich nicht an Infektionsschutzregeln halten, zeigt eine gerade publizierte Studie aus den USA.

„Das“ Motorradsportevent in den USA

Jedes Jahr Mitte August machen sich bis zu einer halben Million Motorradfahrer auf den Weg nach Sturgis, einer Kleinstadt von 7000 Einwohnern im Mead County im Nordwesten der USA. Zuerst in kleinen Pulks, dann in immer größer werdenden Kolonnen, legen die Biker bis zu 3500 km zu ihrem Ziel im Hinterland von Süddakota zurück. Dort findet seit 80 Jahren das Motorradsportevent der USA statt, die „Sturgis Motorcycle Rally“. Das Outfit der Biker variiert zwischen Easy Rider und Heavy Metal. Harley-Davidson-Motorräder dominieren. In diesem Jahr begann die Rallye am 7. August und endete nach zehn Tagen.

Sturgis bietet alles, was das Herz eines amerikanischen Bikers höher schlagen lässt: Dragster-Rennen, Motocross- und Schaufahren, Boxkämpfe, Pokerturniere sowie Wettbewerbe und Ausstellungen der unterschiedlichsten Art. Tätowierer bieten ihre Dienste an, Händler verkaufen Motorradzubehör, und die „Haute Couture“ der Motorradbekleidung kann bestaunt und anprobiert werden. 2020 rundeten über 30 Open-Air-Konzerte das Programm ab. Bars, Restaurants und Alkoholläden blieben rund um die Uhr geöffnet. In dem Konzert der Top-Band „Smash Mountain“ wurde die Gesinnung der Teilnehmer in einem Refrain akzentuiert: „Now we‘re all here together tonight. And we‘re being human once again. F*ck that Covid sh*t“, so der Sänger der Band, Steve Harwell.

„Now we‘re all here together tonight“

Für die oberste amerikanische Gesundheitsbehörde, den Centers for Disease Control (CDC) barg die „Sturgis-Rally“ per definitionem ein hohes Potenzial für ein ausbruchsförderndes Ereignis: „ein mehrtägiges Aufeinandertreffen einer großen Zahl von Personen an einem Ort, wo der Mindestabstand von sechs Fuß (1,80 Metern) nicht eingehalten werden kann oder nicht eingehalten wird und die Teilnehmer von weither anreisen“. Ähnlich sahen es die Gesundheitsbehörden der Nachbarstaaten. „Die Rallye könnte zu einer Drehscheibe für SARS-CoV-2 werden“, so der oberste Gesundheitsbeamte von Minnesota, Jan Malcolm, und riet dringend davon ab, teilzunehmen. Im Vergleich zu anderen Bundesstaaten war Süddakota bislang verhältnismäßig gut durch die Corona-Virus-Pandemie gekommen. Stand Ende Juli waren nur 970 Fälle von COVID-19 pro 100.000 Einwohner dokumentiert; in Kalifornien war im Vergleichszeitraum die Infektionszahl um einen Faktor 14 höher. Vor Beginn der Rallye hatten der Landkreis Mead zusammen mit Sturgis weniger als ein Prozent aller COVID-19-Fälle von Süddakota.

Ohne Schutzmaßnahmen ...

Die republikanische Gouverneurin Kristi Noem, eine treue Unterstützerin von Präsident Trump, hatte die Strategie einer Verniedlichung der Pandemie und die „Hands-off“-Empfehlungen aus dem Weißen Haus verinnerlicht. Sie fühlte sich auf der sicheren Seite, da Süddakota mit gerade einmal 814.000 Einwohner auf 200.000 Quadratkilometern einer der drei am dünnsten besiedelten Bundesstaaten ist. Das Tragen von Masken wurde nicht empfohlen, Kontaktbeschränkungen nicht angeordnet, und Menschenansammlungen jeglicher Größe waren erlaubt. Schulen, Restaurants und Bars waren auf Rat des Präsidenten bereits wieder eröffnet worden, als die demokratisch regierten Bundesstaaten noch im Shutdown verharrten [1].

... zum größten ausbruchsfördernden Ereignis

So gab es für die Veranstalter und Teilnehmer der Rallye keinerlei infektionsmedizinische Vorschriften. Jeder konnte tun oder lassen, was er für richtig hielt. Wie zu erwarten und Video-Aufnahmen zeigen, trug so gut wie niemand eine Mund-Nasen-Bedeckung („Masken? Die sind für Schwächlinge!“, so ein Biker zu einem Journalisten) und Abstandsregeln wurden bewusst ignoriert. Wie sich herausstellte, wurde das Event zu einer unheilvollen Mischung aus politisch geförderter Ignoranz und bewusster Ablehnung von Infektionsschutzmaßnahmen jeglicher Art – und wird vermutlich als das größte ausbruchsfördernde Ereignis in die Annalen der Infektionsmedizin eingehen.

Standort-Daten von Mobiltelefonen analysiert

Eine Gruppe amerikanischer Mathematiker, Statistiker und Ökonomen hat die Auswirkungen der „Sturgis Motorcycle Rally“ in Bezug auf die Ausbreitung von SARS-CoV-2 in den USA in einer akribisch geplanten und mit großem datentechnischen Aufwand durchgeführten Studie untersucht [2]. Da es in den USA kein standardisiertes Testschema für den Nachweis einer SARS-CoV-2-Infektion gibt (die Dunkelziffer bei Neuinfektionen also unbekannt ist und wahrscheinlich zwischen einzelnen Bundesstaaten und Landkreisen stark schwankt), und die Nachverfolgung von Infektionsketten aufgrund der hohen Infektionszahlen faktisch unmöglich ist, entschieden sich die Wissenschaftler dafür, Standort­daten von Mobiltelefonen zu nutzen, um Risikofaktoren für eine Infektion auf indirektem Wege nachzuweisen. Zu diesem Zweck analysierten sie die Standortdatenbank der US-amerikanischen Datenfirma SafeGraph mit Daten von 45 Millionen anonymisiert gespeicherten Mobiltelefonen. Über die Standortdaten konnten die Forscher den Herkunftsort, die An- und Abreise nach Sturgis und die lokalen Bewegungsmuster der Teilnehmer quasi in Echtzeit nachverfolgen. Um den Rechenaufwand zu begrenzen, wurde als Standort eine GPS-Funkzelle mit einer Fläche von 153 × 153 Metern definiert.

In einem ersten Schritt ermittelten die Forscher von der Bent­ley University in Massachusetts und der San Diego State University in Kalifornien den Herkunftsort jedes einzelnen Teilnehmers der Rallye und dokumentierten die Aufenthaltsdauer in Sturgis. In einem zweiten Schritt wurden die von den Bikern am Ort der Rallye zu Fuß zurückgelegten Bewegungsmuster ermittelt. Gleichzeitig wurden die Standortmeldungen der Mobiltelefone der Einwohner von Mead County analysiert. Die Ergebnisse sind in einer Publikation mit 73 Seiten in der Discussion Paper Series des IZA Institute of Labor Economics nachzulesen [2].

Fast eine halbe Million Biker auf einem Fleck

462.182 Biker nahmen an der Rallye teil, die Mehrzahl von ihnen blieb die gesamten zehn Tage auf dem Event. In Sturgis angekommen, ließ ein Teil der Motorrad-Fans ihre Maschinen stehen und machte sich zu Fuß auf in die Stadt. Anhand öffentlich zugänglicher GPS-Daten der in der Stadt vorhandenen Geschäfte ließ sich ermitteln, wohin es die Biker im Städtchen zog, nämlich zu Restaurants, Bars und anderen Vergnügungsstätten sowie zu Lebensmittel- und Alkoholläden. Die Zahl der Standortmeldungen nahm um nahezu 90 Prozent im Vergleich zu der Zeit vor der Rallye zu. In den diversen Etablissements muss also über Stunden die Personendichte groß gewesen sein. Die Tatsache, dass der Alkoholverbrauch um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr stieg, obwohl 7,5 Prozent weniger Teilnehmer nach Sturgis gekommen waren, interpretieren die Wissenschaftler so, dass ein hoher Alkoholkonsum den laxen Umgang mit Corona-Regeln perpetuiert hat. Lautes Sprechen und Alkoholgenuss führen überdies dazu, dass vermehrt Tröpfchen und Aerosole in die Umgebungsluft gelangen.

Doch nicht nur die Biker bevölkerten die Straßen, Geschäfte und Bars der Stadt, auch die Bewohner von Sturgis zeigten sich mobiler: Etwa zehn Prozent weniger verbrachten die Einheimischen in ihren vier Wänden als normalerweise. Auch wenn anhand von Standortdaten nicht einwandfrei nachweisbar war, wo sich Einheimische und Biker trafen, ist anzunehmen, dass es zu engen Kontakten zwischen den ­beiden Gruppen kam.

Danach: rund 266.000 Neuinfektionen

Von infektionsmedizinischer Brisanz ist die Analyse des auf die Rallye folgenden Infektionsgeschehens. Zu diesem Zweck korrelierten die Forscher die Zunahme von COVID-19-Fällen in den Herkunfts-Landkreisen der Biker mit der Anzahl der Teilnehmer, die aus dem betreffenden Landkreis nach Sturgis gereist waren. Es zeigte sich, dass in den Landkreisen, in die verhältnismäßig viele Biker von der Rallye zurückkehrten, die Infektionszahlen in den 24 Tagen nach Beginn der Rallye zwischen 10,1 und 13,5 Prozent ­anstiegen. Hochgerechnet auf die USA hatte die Teilnahme an der Rallye zu rund 266.000 Neuinfektionen geführt – 19 Prozent aller in dem betreffenden Zeitraum im gesamten Land gemeldeten Ansteckungsfälle.

Auch für Mead County wurde mit 100 Prozent eine dramatische Zunahme neuer COVID-19-Fälle dokumentiert. Selbst auf Bundesstaatenebene war eine signifikante Zunahme von Neuerkrankungen nachweisbar. Sie war mit 35 Prozent allerdings deutlich geringer als im Mead County. Auffällig war, dass in den Territorien der indigenen Bevölkerung von Süd-Dakota die Zahl der COVID-19-Fälle nicht anstieg. Die autonomen Verwaltungen der Territorien hatten bereits Wochen vor Beginn der Rallye Checkpoints an den Zufahrtsstraßen errichtet und Fahrer abgewiesen, wenn diese nach Sturgis wollten oder von der Rallye zurückkehrten. Außerdem hatte sich die politische Führung strikt dagegen ausgesprochen, dass Bewohner der Territorien an der Rallye teilnahmen.

12,2 Milliarden US-Dollar Folgekosten

Unter der – unrealistischen – Annahme, dass keiner der rund 266.000 Infizierten verstarb, und die Behandlungskosten pro COVID-19-Fall durchschnittlich 46.000 US$ betragen [2], belaufen sich die medizinischen Folgekosten der „Sturgis-Motorcycle-Rally“ auf 12,2 Milliarden US$ (umgerechnet 10,3 Milliarden Euro). Man hätte also – darauf weisen die Ökonomen der Studie mit mathematischer Präzision hin – jedem Biker umgerechnet 26.553,64 US$ zahlen können, wenn er auf die Teilnahme an der Rallye verzichtet hätte.

Fazit

Die Studie mit einem bislang noch nicht angewandten epidemiologischen Design ermöglicht mehrere Schlussfolgerungen: Massenveranstaltungen, bei denen die Mehrzahl der Teilnehmer von weit her anreist und bei denen Infektionsschutz – beispielsweise durch Mindestabstand – nicht möglich ist, beinhalten ein großes Risiko, dass sich SARS-CoV-2 nach Rückkehr der Teilnehmer an ihre Herkunftsorte in der Fläche ausbreitet. Das Oktoberfest 2020 abzusagen war also eine weise Entscheidung der bayerischen Landesregierung. Die Entscheidung der Berliner Behörden, die Anti-Corona-Demos im August zu verbieten, weil absehbar war, dass Infektionsschutzmaßnahmen bewusst unterlaufen würden, wird durch die Daten aus Sturgis retrospektiv legitimiert. Auch wenn im Nachhinein unklar bleibt, wie viele Infektionen in Innenräumen und wie viele bei engem Kontakt und fehlender Mund-Nasen-Bedeckung auf den Freiluft-Events entstanden sind, ist anzunehmen, dass in beiden Umfeldern eine Übertragung von SARS-CoV-2 auch über Aerosole erfolgte. Es ist offensichtlich, dass nur von langer Hand im Vorfeld eines potenziellen ausbruchsfördernden Ereignisses geplante prospektive Studien, wie die des amerikanischen Forscherteams, zu belastbaren Daten führen. Die in Europa bislang durchgeführten Untersuchungen sind als retrospektive ­Datenauswertungen deutlich weniger aussagekräftig. |

Literatur

[1] South Dakota Department of Health. (2020). “South Dakota’s Back to Normal Plan.” Available at: https://doh.sd.gov/documents/COVID19/COVID_SDPlan_BackToNormal.pdf

[2] Dave et al., The Contagion Externality of a Superspreading Event: The Sturgis Motorcycle Rally and COVID-19; https://www.iza.org/publications/dp/13670

Autor

Prof. Dr. med. Hermann Feldmeier, Arzt für Mikrobiologie, Infektions­epidemiologie und Tropenmedizin. Außerordentlicher Professor an der Charité Universitätsmedizin Berlin, Mitglied internationaler Fachgremien, die sich mit vernachlässigten Tropenkrankheiten beschäftigen.

Institut für Mikrobiologie und Infektionsimmunologie, Charité Universitätsmedizin Berlin

autor@deutsche-apotheker-zeitung.de

 

Das könnte Sie auch interessieren

Die SARS-CoV-2-Übertragung über Aerosole rückt zunehmend in den Fokus

Nicht nur Tröpfchen

Zahlreiche Projekte zu einer attraktiven Option

Mit Nasensprays gegen Corona

Rückschau auf die vergangenen sechs Monate Corona-Pandemie in Deutschland

Licht und Schatten

Mutationen und Impfdebakel verschärfen die aktuelle Corona-Situation

Kaum Spielraum

Die Corona-Virus-Pandemie in Deutschland – ein Ausblick

Quo vadis?

Pharmazeuten aus Saarbrücken entwickeln Simulator zur Pandemievorhersage

Der „Teil-Lockdown“ und seine möglichen Szenarien

Wie geht es weiter mit der Notbremse?

Die Corona-News des Tages

Unklare Datenlage zu SARS-CoV-2-Übertragung muss bei Präsenzunterricht berücksichtigt werden

Die Rolle der Kinder

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.