Pandemie Spezial

Die politisierte FDA

Offener Brief an Leiter der FDA sorgt für Aufsehen

du | Der Kampf gegen COVID-19 ist schon längst zu einem Politikum geworden. Russland steht in der Kritik, einen unzureichend getesteten Impfstoff für die Immunisierung der Bevölkerung freigegeben zu haben. Aber auch Trump möchte mit einem Impfstoff und Erfolgen in der Bekämpfung von COVID-19 noch vor der Präsidentschaftswahl in den USA trumpfen. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA scheint ihm dazu den Weg frei zu machen, unter Aufgabe ihres Leitbildes, so die Kritik.

Ende August wendete sich Dr. Eric J. Topol, Editor in Chief von Medscape, eines in mehreren Sprachen erscheinenden medizinischen Informationsportals, in einem offenen Brief an Dr. Stephen Michael Hahn, den Leiter der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA). Er warf Hahn in Sachen Zulassung von Impfungen und Therapien gegen COVID-19 ein unwissenschaftliches und unehrliches Vorgehen vor und belegte dies mit folgenden Beispielen:

EUA Hydroxychloroquin

Nachdem Trump diesen Wirkstoff als Wundermittel gegen COVID-19 angepriesen hatte, erteilte die FDA am 30. März 2020 eine Notfallzulassung (Emergency Use Autorisation; EUA). Ohne ausreichende und aussagekräf­tige Belege, so Topol in seinem Schreiben. Am 15. Juni 2020 musste diese Genehmigung wegen mangelnder Wirksamkeit und schwerwiegender – unter anderem kardiotoxischer – Nebenwirkungen widerrufen werden.

Foto: Maksym Yemelyanov – stock.adobe.com

Eine FDA-Zulassung garantierte in der Vergangenheit eine sorgfältige Prüfung und Einordnung der Datenlage. Jetzt ist die Sorge groß, dass vor dem Hintergrund von COVID-19 evidenzbasierte Zulassungskriterien dem politischen Druck weichen müssen.

„Durchbruch“ mit Rekonvaleszenten-Plasma

Am 23. August 2020 wurde im Rahmen einer Pressekonferenz mit Donald Trump der Nutzen von „Rekonvaleszenten-Plasma“ als historischer Durchbruch im Kampf gegen COVID-19 gefeiert. An dieser Pressekonferenz nahm auch Hahn teil. Er wird mit folgenden Worten zitiert: „Eine optimale Behandlung mit Rekonvaleszentenplasma mit den höchsten Antikörper­titern bringt eine Verbesserung des Überlebens um 35%, das ist ein erheblicher klinischen Nutzen.“ Und weiter: „Das bedeutet – falls die Daten letztlich auch so veröffentlicht werden – [von] 100 Menschen, die an COVID-19 erkrankt sind, könnten 35 durch die Plasmagabe gerettet werden.“

Topol führt in seinem Schreiben an, dass diese Aussagen nicht haltbar seien. Die Daten, die auf einer Preprint-Publikation einer Arbeitsgruppe der Mayo Clinic (Michael Joyner et al.) beruhen, seien falsch dargestellt. Diese Arbeitsgruppe hatte im Rahmen einer retrospektiven Beobachtungsstudie die Daten von über 35.000 mit Rekonvaleszentenplasma behandelten Patienten analysiert. Kontrollgruppen, so zum Beispiel unbehandelte Patienten, fehlten. Topol wirft Hahn vor, die Daten einer Subgruppe von 1000 Patienten, die ein verbessertes Überleben erkennen ließen, bewusst missinterpretiert zu haben: „Sie wissen als Onkologe und Forscher genau, dass dies eine illegitime Analyse ist…“ Eine im Anschluss auf Twitter von Hahn vorgenommene Korrektur seiner Interpretation will Topol nicht gelten lassen. Er listet mehrere Punkte auf (s. Kasten „Das haben Sie nicht gesagt!“), die Hahn hätte benennen müssen, um Klarheit zu schaffen.

„Das haben Sie nicht gesagt!“

Dr. Eric J. Topol, Editor in Chief von Medscape, hätte sich von dem Leiter der FDA, Dr. Stephan Michael Hahn, folgende Klarstellung in Sachen Rekonvaleszentenplasma bei COVID-19 gewünscht:

1. Es gibt keine Daten oder Beweise aus prospektiven, randomisierten Studien für Rekonvaleszenten-Plasma, die einen Überlebens­vorteil belegen.

2. Die Daten, die ich zitiere, stammen aus einer Subgruppenanalyse eines Preprint, die lediglich zur Hypothesenbildung geeignet sind, ohne endgültige Ergebnisse oder Schlussfolgerungen.

3. Der Überlebensvorteil von 35% und die Rettung von 35 Menschenleben pro 100 COVID-19-Patienten sind völlig falsch. Wenn die Preprint-Daten in einer geeigneten randomisierten kontrollierten Studie untersucht würden, würde man vielleicht den Tod von 3 oder 4 Personen pro 100 Personen vermeiden. Wir wissen, dass weniger als 1 von 100 Menschen mit einer COVID-19-Infektion sterben. Daher ist es unmöglich, 35 von 100 Patienten zu retten, die an COVID-19 erkrankt sind. Sie hätten sagen müssen: ‚Ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht und entschuldige mich zutiefst dafür.‘

4. Es ist offen gesagt unwahrscheinlich, dass das Rekonvaleszenten-Plasma einen großen Überlebensvorteil bietet, da es eine breite Beimischung von sonstigen Antikörpern der Patienten enthält, von denen die meisten nicht neutralisieren – sie haben keine Wirkung gegen das Virus. Wir brauchen randomisierte Studien, um festzustellen, ob es irgendeinen Nutzen gibt, und wenn ja, in welcher Größenordnung. Solche Studien laufen und erfordern eine solide Unterstützung und Teilnahme.

5. Es gibt immer noch Sicherheitsbedenken bei Rekonvaleszenten-Plasma, die zu beachten sind, wie die Übertragung eines Virus oder eine Immunreaktion.

Auszug aus „Raus mit der Wahrheit oder Rücktritt!“ Medscape 4. September 2020.

EUA Remdesivir

Als weiteren Verstoß gegen evidenz­basiertes Vorgehen prangert Topol die Ausweitung der Remdesivir-Zulassung bei moderatem COVID-19-Verlauf an. Hierzu hatte die FDA am 28. August 2020 eine Notfallzulassung (EUA) erteilt. Die Datenlage dazu sei unzureichend, selbst für die Zulassung bei schwerem Verlauf basiere sie nur auf Daten einer kleinen Studie mit dem Endpunkt „Zeit bis zur Genesung“.

Prestigeprojekt Impfstoff

Besonders treibt Topol eine in der Financial Times von Hahn im Rahmen eines Interviews getätigte Ankündigung, Impfstoffe gegen COVID-19 zuzulassen, auch wenn Phase-III-Studien noch nicht abgeschlossen sind. Ein für Topol völlig inakzep­tables Vorgehen. Auch wenn die meisten Impfstoffe sicher seien, müsste in Studien nachgewiesen werden, dass die Teilnehmer keine schweren immunvermittelten Reaktionen bei Virusexposition entwickeln. Solche Studien würden viele Monate Zeit beanspruchen.

Wahrheit oder Rücktritt!

Topol schließt mit der Aufforderung an Hahn, zu erklären, wie sehr er unter Druck gesetzt wurde. Hahn müsse deutlich machen, dass er in der Lage und würdig sei, diese zentrale Leitungsfunktion der US-amerikanischen Zulassungsbehörde einzunehmen, dass er unter keinen Umständen einen Impfstoff vor Abschluss und Auswertung der Phase-III-Studien zulassen werde. Sollte er dazu nicht in der Lage sein, müsse er zurücktreten. Topols Schreiben endet mit den Worten: „Wir können die Gesundheit von 330 Millionen Amerikanern nicht einer Person anvertrauen, die Präsident Trumps Launen, beispielloser Förderung unbewiesener Therapien, empörender Lügen und politischer Motivationen unterworfen ist.

Sie haben zwei Möglichkeiten, um das Richtige zu tun. Wir können und werden nicht ruhen, bis Sie diese Wahl treffen.“ |

Literatur

Eric J. Topol. Dear Commissioner Hahn: Tell the Truth or Resign. Medscape 31. August 2020.

Übersetzung Heuvel M: „Raus mit der Wahrheit oder Rücktritt!“ Medscape 4. September 2020.

 

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