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OTC-Markt in der Pandemie

Stagnation und Verlagerung zum Versand – Marktdaten von Insight Health

tmb | Der Gesamtmarkt der Apothekenprodukte ist in der Pandemie weiter gewachsen. Doch das OTC-Geschäft stagniert. Zugleich haben sich in der Pandemie offenbar zusätzlich OTC-Umsätze von den Vor-Ort-Apotheken zum Versand verlagert. Dies ergibt sich aus den jüngsten Marktforschungsdaten von Insight Health für das erste Halbjahr 2020. Doch die Daten lassen offen, was dies langfristig für die Relation zwischen Vor-Ort- und Versand-Umsätzen bedeutet.

Bisher gab es zur Pandemie eher kurzfristige Marktbetrachtungen. Doch Monatsdaten werden stark durch die Umsatzverlagerungen aufgrund des Lockdowns geprägt. Nun bietet das Marktforschungsunternehmen Insight Health Daten, die bis zum Juni 2020 reichen. Sie beziehen sich auf den 12-Monatszeitraum, der Ende Juni 2020 endet, also auf die Zeit von Juli 2019 bis Juni 2020. Dieser wird nachfolgend als Betrachtungszeitraum bezeichnet. Als Vergleichszeiträume dienen vollständige Kalenderjahre, insbesondere das Jahr 2019. Damit ergeben sich die Unterschiede zwischen dem Betrachtungszeitraum und dem Jahr 2019 aus dem Vergleich des ersten Halbjahres 2020 mit dem ersten Halbjahr 2019.

Wachsender Markt für das Apothekensortiment

Der Apothekeneinkauf zu Abgabepreisen der pharmazeutischen Unternehmer betrug im Betrachtungszeitraum 38.995 Millionen Euro im Vergleich zu 37.893 Millionen Euro im Jahr 2019. Dabei war der Großhandelsumsatz mit 32.644 Millionen Euro um 3,2 Prozent höher und das Direktgeschäft mit 6.351 Millionen Euro um 1,6 Prozent größer. Der Gesamtmarkt des Apothekensortiments nahm also zu. Die Pandemie hat zwar Umsätze zeitlich verschoben, aber das Apothekensortiment insgesamt ist bis Ende Juni nicht zu einem Verlierer der Corona-Krise geworden.

Kaum Zuwachs beim OTC-Einkauf

Für den OTC-Markt ohne Diagnostika ist der Zuwachs beim Einkauf jedoch nur sehr gering, nachdem 2019 sogar ein Rückgang gegenüber 2018 zu verzeichnen war. Für dieses Segment, das auch Nichtarzneimittel und nicht apothekenpflichtige Arzneimittel umfasst, betrug der Apothekeneinkauf 5.513 Millionen Euro im Jahr 2018, 5.455 Millionen Euro im Jahr 2019 und 5.494 Millionen Euro im Betrachtungszeitraum. Dabei wuchs der Großhandelsumsatz im Betrachtungszeitraum um 1,9 Prozent auf 3.775 Millionen Euro, während das Direktgeschäft um 1,9 Prozent auf 1.719 Millionen Euro sank. Diese Daten sagen jedoch nichts über die Verteilung auf Vor-Ort- und Versand-Apotheken aus.

Aufwärtstrend beim Versand

Diese Verteilung zeigt beispielsweise der Verkauf von OTC-Artikeln ohne Diagnostika zu Abgabepreisen der pharmazeutischen Unternehmer. Dies sind also keine Umsätze zu Apothekenverkaufspreisen. In den Vor-Ort-Apotheken waren 2019 noch 5.017 Millionen Euro zu verzeichnen, aber im Betrachtungszeitraum waren dies nur 4.986 Millionen Euro. Für Versender wurde dagegen seit Beginn der Datenreihe im Jahr 2017 jährlich ein deutlicher Zuwachs verzeichnet, der sich auch in der Pandemie fortgesetzt hat. Für 2019 wurden 1.645 Millionen Euro ermittelt, im Betrachtungszeitraum 1.712 Millionen Euro. Insight Health bietet Daten zu Versandapotheken neuerdings in Kooperation mit dem Marktforschungsunternehmen DatamedIQ an. Dies wurde von DocMorris und der Shop Apotheke gegründet und vermarktete zunächst nur deren Daten, aber inzwischen erfasst DatamedIQ auch Daten weiterer Versender und auch großer deutscher Versandapotheken.

Verlagerung zum Versand beim OTC-Absatz …

Die beschriebene Entwicklung zeigt sich auch an den Absatzzahlen, also bei der Zahl der abgegebenen Packungen. Gemäß Daten von Insight Health und DatamedIQ betrug der Apothekenabsatz von OTC-Produkten ohne Diagnostika im Betrachtungszeitraum 1.055 Millionen Packungen (2019: 1.067 Millionen Packungen). Davon gaben die Versender im Betrachtungszeitraum 198 Millionen Packungen (6,3 Prozent mehr als 2019) und die Vor-Ort-Apotheken 857 Millionen Packungen (2,7 Prozent weniger als 2019) ab. Zuvor gab es für die Vor-Ort-Apotheken beim Vergleich kompletter Kalenderjahre „nur“ Rückgänge um 1,3 Prozent (für 2018) und um 0,5 Prozent (für 2019). Demnach hat die Pandemie die Verlagerung von OTC-Absätzen zu den Versendern verstärkt.

… und beim OTC-Umsatz

Dies schlägt sich auch in den Apothekenumsätzen nieder. Im Betrachtungszeitraum wurden OTC-Produkte ohne Diagnostika im Wert von 11.187 Millionen Euro umgesetzt, gemessen in realen Apothekenverkaufspreisen (2019: 11.126 Millionen Euro). Anders als bei den Absatzzahlen gab es hier also noch einen kleinen Zuwachs in der Gesamtbetrachtung. Dabei entfielen im Betrachtungszeitraum auf die Versender 2.285 Millionen Euro (7,4 Prozent mehr als 2019) und auf die Vor-Ort-Apotheken 8.902 Millionen Euro (1,1 Prozent weniger als 2019). Beim Vergleich zwischen den Vorjahren hatten die Vor-Ort-Apotheken noch stets Umsatz zugelegt, 1,4 Prozent im Jahr 2018 und 2,7 Prozent im Jahr 2019.

Versender haben Preise erhöht

Die Umsätze sind nicht nur ein Ergebnis der Mengenentwicklung. Die Daten zeigen auch, dass die Versender offenbar in der Pandemie ihre Preise erhöht haben. Seit Beginn der Datenreihe liegen die realen Verkaufspreise der Vor-Ort-Apotheken für OTC-Arzneimittel zwischen 8,2 und 9,0 Prozent unter den Listenpreisen. In den beiden ersten Quartalen 2020 lagen sie 9,0 und 8,9 Prozent darunter und damit niedriger als im Jahr 2019 mit 8,4 bis 8,6 Prozent unter den Listenpreisen. Die Preise der Versender bewegten sich dagegen von 2017 bis 2019 im Bereich von 25,2 bis 27,5 Prozent unter den Listenpreisen, im vierten Quartal 2019 waren es 26,4 Prozent. Doch in den ersten Quartalen 2020 schrumpften diese Differenzen auf 23,6 Prozent und 20,6 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung weisen die Marktforscher für Nichtarzneimittel aus. Demnach erhöhten die Versender in der Pandemie ihre Preise deutlich, während die Vor-Ort-Apotheken sie sogar etwas senkten. Dennoch wanderten mehr Umsätze zu den Versendern als zuvor. Doch die Rückgänge vor Ort entsprechen nicht zwangsläufig den Zuwächsen im Versand. Dies zeigt das Beispiel der umsatzstärksten OTC-Indikationsgruppe der Expektorantien ohne Antiinfek­tiva. Deren Umsatz sank vor Ort um 18,3 Millionen Euro, stieg aber im Versand „nur“ um 12,6 Millionen Euro.

Wirkt die Verlagerung langfristig?

Insgesamt zeigen die Daten, dass die Pandemie die Umsatzverschiebung von den Vor-Ort-Apotheken zum Versand bei OTC-Artikeln verstärkt hat. Die Veränderungen erscheinen aber nicht als „Erdrutsch“, sondern eher wie ein „Knick in der Kurve“. Außerdem bleibt offen, ob sie nur eine kurzfristige Folge der Kontaktbeschränkungen waren. Erst künftige Daten werden zeigen, ob sich die Umsatzverlagerung zum Versand wieder verlangsamen wird. Doch die Bedrohung für die Wirtschaftlichkeit der Vor-Ort-Apotheken ist offensichtlich. Nur die künftige Geschwindigkeit des Trends ist fraglich. |

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