Arzneimittel und Therapie

Schulung im Pflegeheim ohne Nutzen

Keine Reduktion der Antipsychotika-Verordnungen durch „Academic Detailing“

In einer kanadischen Studie wurde untersucht, ob sich durch Schulungsmaßnahmen, die unter dem Begriff „Academic Detailing“ zusammengefasst werden, die Antipsychotika-Verordnungen in Pflegeheimen reduzieren lassen – mit negativem Ergebnis.

Antipsychotika werden in Pflegeheimen häufig eingesetzt, doch nicht immer ist die Verordnung auch angemessen. In Kanada hatte beispielsweise eine Studie in der Provinz Ontario ­ergeben, dass 35 Prozent der Pflegeheimbewohner Antipsychotika-Verordnungen erhielten, jedoch nur 4,6 Prozent der Senioren, die in privaten Haushalten leben. Wegen der unerwünschten Wirkungen der Antipsychotika wäre die Beschränkung auf nur wirklich notwendige Verordnungen sinnvoll. Verschiedene Institutionen hatten sich mit dieser Problematik beschäftigt und in einigen Pflegeheimen bereits Qualitätssicherungsmaßnahmen etabliert. Darüber hinaus führte ein medizinisches Forschungszentrum in Toronto (Kanada) in den Jahren 2015 und 2016 eine Studie durch, die einen möglichen Zusatznutzen von „Academic Detailing“ evaluieren sollte (s. Kasten „Alterna­tive zum Pharmareferent“).

Alternative zum Pharmareferent

Um sich ohne viel Zeitaufwand über den aktuellen Arzneimittelmarkt auf dem Laufenden zu halten, greifen viele Ärzte auf die Informationen des Pharma­außendienstes zurück. Nachteilig wirkt sich hier die firmenbezogene, oft einseitige Beleuchtung der Arzneimittel aus. In Kanada wurde daher ein Schulungskonzept entwickelt, das in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist: Academic Detailing. Dieser Begriff beschreibt Weiterbildungsmaßnahmen für verordnende Ärzte, in denen sie möglichst neutral über Arzneimittel informiert werden. Die Schulung erfolgt auf Anforderung direkt in der Arztpraxis oder in der Klinik durch Apotheker, Ärzte oder auch speziell ausgebildete Krankenpfleger. Die Informationen sollten evidenzbasiert und – im Gegensatz zu den Besuchen von Pharmareferenten – frei von kommerziellen Interessen sein.

40 Pflegeheime im Fokus

Über sechs Monate erfasste man in 40 Pflegeheimen der Provinz Ontario die Verordnungspraxis bei Antipsychotika. Es erfolgte eine Einteilung in 18 Interventionshäuser mit 2303 und 22 Kontrollhäuser mit 3060 Bewohnern, deren medianes Alter 86 bzw. 85 Jahre betrug. Die Schulungsmaßnahmen erfolgten in zwei Wellen, wobei aus methodischen Gründen nur die erste für die Auswertung berücksichtigt werden konnte. Die Schulungen wurden von Mitarbeitern der Gesundheitsberufe, wie Apothekern und Krankenpflegern, durchgeführt. Sie organisierten verschiedene Veranstaltungen wie Meetings, Präsentationen oder Gruppengespräche mit zwei bis sechs Ärzten sowie die herkömmlichen Academic-Detailing-Besuche, bei denen ein Berater einen Arzt informiert. Jedem Pflegeheim wurden im Beobachtungszeitraum im Mittel rund acht Einzelbesuche und etwa sechs Meetings und Präsentationen zuteil. Zu vordefinierten Zeitpunkten bestimmte man bei den Pflegeheimbewohnern den Verschreibungsstatus sowie verschiedene klinische Parameter. Primärer Endpunkt waren die Tage mit Antipsychotika-Verordnung in der jeweils vorangegangenen Woche.

Enttäuschendes Ergebnis

Zu Beginn des Beobachtungszeitraums nahmen 559 Bewohner (25,0%) in der Interventionsgruppe und 805 in der Kontrollgruppe (27,0%) täglich (bezogen auf die vorangegangenen sieben Tage) Antipsychotika ein. Weder die Unterschiede in den Gruppen noch der Vergleich der Veränderungen in der Verschreibungspraxis über 12 Monate waren statistisch signifikant (Odds ­ratio (OR) = 1,06; 95%-Konfidenzintervall 0,93 bis 1,20, p = 0,49). Erstaunlicherweise kam es jedoch nach sechs Monaten in der Interventionsgruppe im Vergleich zu den Kontrollpatienten zu einer statistisch signifikanten Schmerzreduktion (mittlerer Schmerzscore 0,30 vs. 0,38, p < 0,001) und einer Abnahme der Depression, gemessen mit dem Depression Rating Scale Score (2,18 vs. 2,81, p < 0,001).

Mögliche Ursachen

Die Autoren diskutieren verschiedene Ursachen für das negative Ergebnis der Studie. Möglicherweise hätte ein anderes Studiendesign einen größeren Nutzen des Academic Detailings ergeben können. Es könnte aber auch sein, dass die vor der Studie eingeleiteten Qualitätssicherungsmaßnahmen die Verordnungspraxis bereits soweit optimiert hatten, dass durch Academic Detailing kein zusätzlicher Effekt mehr zustande kam. Die statistisch signifikante Abnahme von Schmerzen und Depression bei den Bewohnern der Interventionsgruppe im Vergleich zu den Kontrollen könnte dadurch entstanden sein, dass sich die Academic-Detailer angesichts optimierter Antipsychotika-Medikation in den Beratungsgesprächen mit den Ärzten auf andere relevante Symptome bei Älteren konzentriert hatten. |

Literatur

Tadrous M et al. Effect of Academic Detailing on promoting appropriate prescribing of antipsychotic medication in nursing homes. A cluster randomized clinical trial. JAMA Network Open 2020;3(5):e205724, DOI:10.1001/jamanetworkopen.2020.5724

„Academic Detailing“ – Wissenschaftliche Weiterbildung direkt in der Arztpraxis: Eine Alternative zum Pharmareferenten, www.forum-gesundheitspolitik.de/artikel/artikel.pl?artikel=0959, Abruf am 22. Juni 2020

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

Das könnte Sie auch interessieren

Folgerezepte, Notfallmedikation, Verschreibungen

Kanadas Apotheker erhalten immer mehr Kompetenzen

Bewohner von Altenpflegeheimen ohne Benefit

Sport hilft nicht bei Depression

PreDIVA-Studie konzentriert sich auf kardiovaskuläre Risikofaktoren

Einer Demenz vorbeugen

Demenz-Patienten benötigen eine gezielte Antipsychotika-Therapie

Herausforderndes Verhalten

Pollenflug und Herzinfarkt

Mehr Pollen, mehr Notfälle

Warum Antibiotic Stewardship im Pflegeheim etabliert werden sollte

Mit geschulten Pflegern Antibiotika sparen

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.