Pandemie Spezial

Verwirrung um Corona-Fallzahlen

Wie aussagekräftig sind Sentinel-Erhebungen in der epidemiologischen Überwachung?

hvf | Die Arbeitsgemeinschaft Influenza des Robert Koch-Instituts überwacht mithilfe von Sentinel-Erhebungen die epidemiologische Situation akuter Atemwegserkrankungen in Deutschland – insbesondere der Influenza. Die Aussagekraft der Berichte im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen in der Corona-Pandemie ist aber nur sehr begrenzt. Ergebnisse dürfen nicht missinterpretiert werden.

Die Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) des Robert Koch-Instituts (RKI) überwacht ganzjährig den Verlauf akuter Atemwegserkrankungen, speziell der Influenza, und untersucht die spezifischen Merkmale der zirkulierenden Influenzaviren. Während der Grippesaison werden die Ergebnisse wöchentlich bereitgestellt, im Sommer wird ein Monatsbericht veröffentlicht. Der aktuelle Influenza-Monatsbericht der AGI für die Kalenderwochen 25 bis 28 (13. Juni bis 10. Juli 2020) führte zu Verwirrungen, es wird berichtet, dass es seit der Kalenderwoche 16 keine Nachweise mehr von SARS-CoV-2 im Sentinel gab [1, 2, 3]. Am 16. Juli stieg aber laut des Lage-/Situationsberichts zu COVID-19 vom RKI die Zahl der Infizierten mit SARS-CoV-2 um 534 im Vergleich zum Vortag [4]. Der Grund für die Diskrepanz sind die unterschiedlichen Datenquellen, auf denen die Zahlen beruhen.

Die Datengrundlage der AGI sind Sentinel-Erhebungen. Primärversorgende Arztpraxen (pädiatrische, allgemeinmedizinische und hausärztlich tätige internistische Praxen) senden freiwillig und anonymisiert kontinuierlich epidemiologisch relevante Patientendaten ein, die von der AGI gesammelt und analysiert werden [3, 5]. In der Saison 2019/20 haben sich bisher 589 Arztpraxen mit mindestens einer Wochenmeldung beteiligt [2]. Zusätzlich können direkt Proben an das nationale Referenzzentrum (NRZ) für Influenzaviren in Berlin eingesendet werden, um die konkreten respiratorischen Viren zu identifizieren [6]. Anhand der eingesendeten Daten erfolgt die Hochrechnung auf die Grundgesamtheit [7]. Die Datengrundlage bezogen auf die Influenza wird laut RKI international als repräsentativ erachtet. Aussagen zur epidemiologischen Situation in Deutschland sind so anhand statistischer Auswertung zulässig [3]. Die Sensitivität ist jedoch nicht sehr hoch, ein Influenzavirus-Nachweis steht für 1000 bis 3000 Infizierte innerhalb der Bevölkerung, so das RKI auf Anfrage. Neben den Influenza­viren wird auf humane Rhinoviren, respiratorische Synzytialviren, Para­influenzaviren, humane Metapneumoviren und seit dem 24. Februar auch auf SARS-CoV-2 getestet [8]. Seit der Kalenderwoche 8 (17. Februar 2020) wurden bis jetzt 13 der insgesamt 1883 untersuchten Proben der viro­logischen Surveillance positiv auf SARS-CoV-2 getestet, ab der 16. Kalenderwoche (19. April 2020) wurde kein SARS-CoV-2 mehr nachgewiesen [2].

„Epidemiologie in Echtzeit“

Foto: Robert Koch-Institut

Auch die Bevölkerung kann die Arbeitsgemeinschaft Influenza unterstützen. Seit 2011 kann sich jeder aus Deutschland mit einem Mindestalter von 14 Jahren für das Online-Portal GrippeWeb des RKI registrieren. Eltern können Kinder über ihren Account zusätzlich mit erfassen. GrippeWeb dient der Ergänzung der Daten der niedergelassenen Ärzte. Die registrierten Personen melden wöchentlich anonym, ob Symptome wie Husten, Schnupfen, Halsschmerzen oder Fieber aufgetreten sind. Die Befragung dauert weniger als eine Minute. Registrierung unter: https://grippeweb.rki.de/Register.aspx

Daten sind nicht repräsentativ

Die mögliche Interpretation, dass es in Deutschland keine neuen SARS-CoV-2- Infektionen gab, ist aber falsch. Die Aussage des aktuellen Influenza­Monatsberichts ist zwar korrekt, die Daten sind jedoch nicht repräsentativ für die aktuellen Entwicklungen in der Corona-Pandemie. Ab der 16. Kalenderwoche bis einschließlich dem 10. Juli wurden 567 Sentinelproben untersucht, die alle negativ auf SARS-CoV-2 waren. Im Vergleich dazu wurden aber allein in der Kalender­woche 28 (6. Juli 2020) gezielt 503.220 Coronatests durchgeführt, von denen 2933 positiv waren [10]. Anhand der Größenunterschiede wird deutlich, dass die Sentinel-Erhebungen der AGI nur ein Teil des Datensatzes für den aktuellen Lagebericht zu COVID-19 sind. Das RKI nutzt insgesamt Informationen aus 15 weiteren Datenquellen, unter anderem aus dem Melde­system des Infektionsschutz­gesetzes, um aussagekräftige Zahlen zu präsentieren [10]. |

Literatur

 [1] Wochenberichte der AGI. Informationen des Robert Koch-Instituts, Stand 17. Juli 2020, https://influenza.rki.de/wochenberichte.aspx

 [2] Buda S, Dürrwald R, Biere B, Buchholz U, Tolksdorf K, Schilling J, Streib V, Preuß U, Prahm K, Haas W und die AGI-Studiengruppe. Influenza-Monatsbericht, Kalenderwochen 25 bis 28 (13. Juni bis 10. Juli 2020)

[3] Arbeitsgemeinschaft Influenza. Informationen des Robert Koch-Instituts, Zugriff am 17. Juli 2020, https://influenza.rki.de/Arbeitsgemeinschaft.aspx

 [4] Aktueller Lage-/Situationsbericht des RKI zu COVID-19. Informationen des Robert Koch-Instituts, Stand 16. Juli 2020, www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Gesamt.html

 [5] Sentinels. Informationen des Robert Koch-Instituts, Zugriff 17. Juli 2020, www.rki.de/DE/Content/Infekt/Sentinel/sentinel_node.html

  [6] Nationales Referenzzentrum (NRZ) für Influenzaviren. Informationen des Robert Koch-Instituts, Stand 20. Juli 2020

www.rki.de/DE/Content/Infekt/NRZ/Influenza/influenza_node.html

 [7] Siedler A, Leitmeyer K. Die Bedeutung von Sentinels für die Implementierung und Evaluation von Impfstrategien. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 2004;47:1136-1143 doi.org/10.1007/s00103-004-0947-8

 [8] Die Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI erweitert die virologische Surveillance um SARS-CoV-2. Informationen des Robert Koch-Instituts, Epidemiologisches Bulletin, 2020;9:14

[9] Erfassung der SARS-CoV-2-Testzahlen in Deutschland. Informationen des Robert Koch-Instituts, Stand: 16. Juli 2020, Epid Bull 2020;29:15-16 doi.org/10.25646/7010

[10] COVID-19: Surveillance und Studien am RKI, Informationen des Robert Koch-Instituts, Zugriff am 17. Juli 2020, www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/Projekte.html;jsessionid=0E127E33285ADCD2446D11983B17F5E6.internet072

 

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