Die Seite 3

Digitales Machtvakuum

Foto: DAZ/Alex Schelbert

Dr. Armin Edalat, Chefredakteur der DAZ

Dass der DocMorris-Mutterkonzern, die Zur-Rose-Gruppe, in der vergangenen Woche den Telemedizin-Marktführer TeleClinic geschluckt hat, ist ein bemerkenswerter Vorgang. Diesmal ging es nicht um die x-te Akquisition eines Logistik- oder IT-Dienstleisters, sondern darum, einen wichtigen Pfeiler im deutschen Gesundheitswesen zu ramponieren. Verordnung und Abgabe von Arzneimitteln laufen bei Zur Rose nun parallel. Die Konzerneigentümer verdienen an der ärztlichen und apothekerlichen Tätigkeit und können unmittelbar auf sie einwirken.

Die jahrhundertelange Trennung zwischen Arzt und Apotheker, das Edikt von Salerno, das vorrangig dem Patientenschutz dienen soll, scheint damit in der digitalen Welt passé zu sein – und von keiner der beiden Berufsgruppen hat man bisher ein offizielles Wort des Protests gehört. Gefährliches Schweigen herrscht im Wald.

Nein, wer auf diesen Missstand hinweist, agiert nicht aus Nostalgie, Wehmut und Innovationsfeindlichkeit heraus. Die Zur-Rose-TeleClinic-Akquisition zeigt auf perfide Weise das Wirken von Jens Spahns Gesundheitspolitik: Ein vermeintlicher Game-Changer, das eRezept, wird allen Playern in Aussicht gestellt, ohne gleichzeitig klar die Leitplanken zu kommunizieren. Goldgräberstimmung herrscht. Modellprojekte entarten zu PR-Veranstaltungen. Apps, Hardware, Software und andere Technologien werden den Heilberuflern angeboten und nicht wenige haben längst den Überblick verloren, was muss, was kann und wovon man eher die Finger lassen sollte.

Spahn hat dieses Vakuum bewusst provoziert, vor allem um damit die Selbstverwaltungen unter Druck zu setzen. Das wirkt sich innerhalb der Ärzteschaft bereits deutlich aus (siehe Seite 16). Die Folge: Vollendete Tatsachen schaffen derzeit weder die Politik noch die freien Heilberufe, sondern Großkonzerne, Startups und sonstige Glücksritter. Die DocMorris-TeleClinic-Vereinigung ist dafür schon jetzt ein mahnendes Beispiel.

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