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„Wir sind schnell auf offene Türen gestoßen“

AVNR-Chef Thomas Preis über das geplante Modellvorhaben zur Grippeschutzimpfung

eda | Der Apothekerverband Nordrhein (AVNR) ist vorangegangen: Mit der AOK Rheinland/Hamburg konnte der bundesweit erste Vertrag über Modellprojekte zur Grippeschutzimpfung in den Apotheken abgeschlossen werden. „Unser Ziel ist es, die Durchimpfungsraten weiter zu steigern. Dabei sehen wir unser Angebot als eine Ergänzung zum Impfangebot der Ärzteschaft“, betonte der Verbandsvorsitzende Thomas Preis in einer ersten Mit­teilung vergangene Woche.

Mit der Verkündung des erfolgreichen Vertragsabschlusses wurde gleichzeitig auch bekannt, welches Honorar die Apothekerinnen und Apotheker in den Modellregionen erhalten werden. Ein Aspekt, der in der Vergangenheit immer wieder zu hitzigen Debatten geführt hatte – und es auch noch weiterhin tun wird. Wir haben uns mit Thomas Preis über Einzelheiten des anstehenden Modellvorhabens unterhalten.

Foto: AVNR

Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein

DAZ: Herr Preis, in Nordrhein stehen die Modellvorhaben zur Grippeschutzimpfung in den Apotheken nun fest. Ihre eigene Apotheke befindet sich in Köln, also nicht in einer der vier Modellregionen, daher werden Sie persönlich zunächst keine Patienten gegen Grippe impfen dürfen. Erklären Sie uns kurz, wie Sie gemeinsam mit der AOK Rheinland/Hamburg auf die Regionen gekommen sind.

Preis: Gerade die Modellregionen sollen ja simulieren, wie die Versorgung der Patienten in ländlichen und städtischen Gebieten gelingen kann. Daher haben wir uns für vier Modellregionen entschieden: zwei städtische und zwei ländliche. So werden Apotheken in Düsseldorf und Umgebung einbezogen, in der Metropolregion Essen/Mülheim/Oberhausen sowie in vergleichsweise ländlicheren Strukturen in Bonn Rhein-Sieg und Rechter Niederrhein (Duisburg/Niederrhein).

DAZ: Auffällig ist, dass im Zusammenhang mit den Impf-Modellprojekten offenbar immer die AOKen der jewei­ligen Bundesländer mit am Verhandlungstisch sitzen. Hängt das mit der Größe der Krankenkasse zusammen?

Preis: Wir sehen die AOK Rheinland/Hamburg als sehr zukunftsorientiert an, die ihren Versicherten immer besonders innovative Versorgungsansätze bieten möchte. Das äußert sich eben auch im Rahmen solcher Modellvor­haben. Deshalb sind wir bei der AOK Rheinland/Hamburg schnell auf offene Türen gestoßen.

DAZ: Seit März existiert ja die gesetz­liche Grundlage für die Modellvorhaben. Sind Sie dann auch erst mit den Kassen in Verhandlungen getreten?

Preis: Die Partnerschaft mit der AOK Rheinland/Hamburg existiert schon länger und wir haben uns über die möglichen Impf-Projekte in den Apotheken schon im Oktober letzten Jahres sehr konkret ausgetauscht.

DAZ: Ist denn jetzt alles soweit in trockenen Tüchern oder sind noch Punkte offen?

Preis: Von unserer Seite aus ist der größte Teil erledigt. Der unmittelbar nächste Schritt ist, dass wir die Verträge und das Curriculum an das Robert Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut senden. Diese Behörden nehmen dann Stellung.

DAZ: Wie sieht es mit der Schulung der Apothekerinnen und Apotheker aus?

Preis: Die Schulungen zu Grippeimpfungen werden ja von Ärzten durch­geführt. Organisieren wird die Apothekerkammer Nordrhein die Veranstaltungen, die von Ende August bis Ende September angeboten werden. Wir rechnen damit, dass die acht Pflichtstunden innerhalb von zwei Tagen absolviert werden können.

DAZ: Mit wie vielen Apotheken rechnen Sie eigentlich insgesamt?

Preis: Wir gehen von etwa 25 Apotheken in jeder Modellregion aus – das sind also 100 Apotheken insgesamt. Wenn dann in der kommenden Saison durchschnittlich nur zehn Impfungen pro Apotheke durchgeführt wurden, können wir in Nordrhein auf die Erfahrungen aus 1000 Patientenkontakten zurückblicken.

DAZ: Kommen wir jetzt zu einem sehr spannenden und heiß diskutierten Thema: Honorar. Zunächst mal abgesehen von der konkreten Höhe: Sie sprechen von einem Netto-Honorar, d. h. die Mehrwertsteuer muss noch dazugerechnet werden. Das ist ja ein Punkt, den man für die Apothekendienstleistungen am liebsten abschaffen würde.

Preis: Das ist korrekt. Durch die Mehrwertsteuer wird das Honorar für die Grippeimpfung in den Apotheken zwangsläufig höher als verhandelt ausfallen, ohne dass dies den Betrieben selbst zugute kommt. Wir können das im Rahmen des Modellvorhabens nicht beeinflussen. Hier muss der ­Gesetzgeber aktiv werden und das ­Honorar für pharmazeutische Dienstleistungen von der Mehrwertsteuer generell befreien, wie bei der ärzt­lichen Vergütung.

DAZ: 12,61 Euro netto pro Impfung sollen die Apotheker im Rahmen Ihres Modellvorhabens erhalten. Was halten Sie von diesem Wert?

Preis: Der Betrag ist in der Tat sehr, sehr knapp bemessen. Es gibt ja verschiedene Kostenrechnungen und Gutachten, beispielsweise von Prof. Dr. Uwe May und Kollegen, die auf ein Honorar von 15 Euro plus Mehrwertsteuer kommen. Aber man muss sagen, dass mehr aktuell einfach nicht möglich war. Ich finde aber, wir haben uns auf einen akzeptablen Preis einigen können.

DAZ: Die Honorierung für die Durchführung von Grippeschutzimpfungen beträgt bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein 7,71 Euro.

Preis: Ein großer Unterschied ist, dass bei den Modellvorhaben in den Apotheken tatsächlich der Heilberufler impft, während in den Arztpraxen die Impfung auch durch das Assistenzpersonal durchgeführt werden kann. Auch dies sollte sich im Honorar abbilden. Außerdem muss man bedenken, dass die Ärzte durch weitere Untersuchungen weiteres Honorar abrechnen dürfen. Pro Patient kommen so in Summe durchschnittlich 30 bis 40 Euro zusammen.

DAZ: Wie werden die Apotheken auf das neue Angebot aufmerksam machen können?

Preis: Durch direkte Ansprache der Patienten. Wir werden die Apotheken mit Infomaterial, wie Flyern und Postern unterstützten. Außerdem erfahren die Patienten auch von der AOK Rheinland/Hamburg über das Modellvorhaben.

DAZ: Wie sehen Sie das Impfen in den Apotheken perspektivisch?

Preis: Ich hoffe, dass diese Dienst­leistung in den nächsten drei bis fünf Jahren zur Regelleistung wird. Ge­rade im Hinblick auf die Corona-Pandemie und die Erhöhung der Impfquote allgemein, müssen die Apotheken flächendeckend diese Präventionsleistung anbieten.

DAZ: Herr Preis, vielen Dank für das Gespräch. |

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