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PIMS ist nicht gleich Kawasaki

Neue Erkenntnisse zu COVID-19-assoziiertem Entzündungssyndrom bei Kindern

Vor wenigen Wochen waren aus den USA, England, Italien und Spanien schwere Erkrankungsfälle bei Kindern berichtet worden, deren Symptome dem seltenen Kawasaki-Syndrom ähnelten, aber auch wesentliche Unterschiede aufwiesen. Vermutet wurde ein Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen. Nach einer Serie weiterer Fallberichte, geht man nun von einer eigenständigen entzündlichen Erkrankung mit der Abkürzung PIMS-TS, kurz PIMS, aus.

Eines der typischsten Symptome des Kawasaki-Syndroms, benannt nach dem japanischen Arzt Tomisaku Kawasaki, ist hohes Fieber über etwa fünf Tage. Außerdem können Ausschläge an Händen und Füßen, Schwellungen der Halslymphknoten, Bindehautentzündungen sowie Veränderungen an Lippen und Mundschleimhaut auftreten. Bei einigen Kindern bilden sich Aneurysmen in den Herzkranzgefäßen und in anderen Arterien, was die Krankheit gefährlich macht. Trotz ihrer Seltenheit ist das Kawasaki-Syndrom in den hochentwickelten Industrieländern die Hauptursache für nicht angeborene Herzerkrankungen bei Kindern. Obwohl es bereits vor über 50 Jahren beschrieben wurde, ist die Ätiologie noch unklar. Man vermutet, dass bakterielle und virale Infektionen eine Rolle spielen, da viele betroffene Kinder gleichzeitig mit Erkältungs­viren infiziert waren. Darunter befanden sich auch Erreger der Coronavirus-Stämme NL63 und 229E, die banale Atemwegserkrankungen hervorrufen.

Foto: Javier Sanchez Mingorance – stock.adobe.com

PIMS-TS, Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome, temporally associated with SARS-CoV-2,betrifft wahrscheinlich häufiger Kinder im Schulalter.

Unterschiede zu den aktuellen Fällen

Das Kawasaki-Syndrom tritt in der Regel bei Kleinkindern mit einem medianen Alter von 2,7 Jahren auf. In der amerikanischen Fachzeitschrift JAMA wurde nun eine Fallserie mit 58 Kindern im Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen publiziert, in der die Kinder eine größere Altersspanne (3 Monate bis 17 Jahre, Median neun Jahre) aufwiesen. Sie litten seit mehreren Tagen unter hohem Fieber und konnten zusätzlich von Erbrechen, Kopf- und Bauchschmerzen, Durchfall, Rash, infektiöser Bindehautentzündung, Schleimhautveränderungen im Mund- und Lippenbereich oder geschwollenen Händen und Füßen betroffen sein. Etwa jedes zweite Kind musste intensivmedizinisch betreut werden, zum Beispiel weil es einen Schock erlitten hatte. Bei 25 Kindern war eine künstliche Beatmung notwendig.

Neue Kinderkrankheit?

Mit diesen Symptomen waren die Kriterien für das neuartige multisystemische Entzündungssyndrom PIMS-TS erfüllt, die das britische Royal College of Paediatrics and Child Health im Mai dieses Jahres aufgestellt hatte. PIMS-TS, kurz PIMS, steht für „Pediatric inflammatory multisystem syndrome temporally associated with severe acute respiratory syndrome coronavirus 2“. Die Institution hat dafür mittlerweile ein Surveillance-Programm gestartet. Auf ihrer Website findet man auch ein Informationsschreiben für Familien mit Verhaltenshinweisen, falls bei Kindern ungewöhnliche Symptome bemerkt werden. In Deutschland haben sich die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK) zu dieser Problematik geäußert. Sie bezeichnen die in Europa aufgetretenen Fälle als „inkomplettes Kawasaki-Syndrom“ bzw. Hyperinflammationssyndrom. In Deutschland waren zu diesem Zeitpunkt Häufungen derartiger Fälle noch nicht bekannt.

Zusammenhang unklar

Ein Zusammenhang mit dem neuen Coronavirus ist nach wie vor unklar. In der Fallserie waren nur 15 Kinder positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden, 40 hatten Antikörper gegen das Virus gebildet. Nach den PIMS-Kriterien kann der Corona-Test sowohl positiv als auch negativ sein. Anders verhält es sich bei den Kriterien für ein neues Entzündungssyndrom, die zwei weitere Institutionen kürzlich aufgestellt haben. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) hatten ein „Multisystem Inflammatory Syndrome in Children Associated with Coronavirus Disease 2019 (MIS-C)“ definiert, während die WHO zur selben Zeit die Charakteristika für ein „Multisystem inflammatory syndrome in children and adolescents with COVID-19“ veröffentlichte. Für diese Diagnosen ist ein positiver Corona-Test oder wenigstens ein Kontakt mit einem COVID-19-­Patienten für die Diagnosestellung obligatorisch.

Momentan befinden sich die Forscher am Anfang eines Weges, der vielleicht am Ende zu einer einheitlichen Definition für ein neuartiges fieberhaftes Entzündungssyndrom bei Kindern führt, das mehrere Organe betrifft. Da es – glücklicherweise – selten auftritt, muss noch viel Forschungsarbeit und Geduld aufgebracht werden. Zurzeit scheint lediglich klar zu sein, dass diese Krankheit nicht mit anderen entzündlichen Entitäten bei Kindern, wie beispielsweise dem Kawasaki-Syndrom, identisch ist. |

Literatur

Whittaker E et al. Clinical characteristics of 58 children with a pediatric inflammatory multisystem syndrome temporally associated with SARS-CoV-2. JAMA 2020, online publiziert am 8. Juni 2020, DOI: 10.1001/jama.2020.10369

McCrindle BW, Manlhiot C SARS-CoV-2–related inflammatory multisystem syndrome in Children. Different or shared etiology and pathophysiology as Kawasaki disease? JAMA 2020, online publiziert am 8. Juni 2020, www.jama.com

Bruhn C COVID-19 bei Kindern. Diskussionen rund um das Übertragungsrisiko und einen mysteriösen Krankheitsverlauf. Dtsch Apoth Ztg 2020; 160(20): 1938-1940

PIMS: the COVID-19 linked syndrome affecting children - information for families Royal College of Paediatrics and Child Health 2020, https://www.rcpch.ac.uk/resources/pims-covid-19-linked-syndrome-affecting-children-information-families, Abruf am 17.Juni 2020

Hyperinflammationssyndrom im Zusammenhang mit COVID-19. Gemeinsame Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Kardiologie und Angeborene Herzfehler (DGPK), Stand 6. Mai 2020, https://dgpi.de/stellungnahme-dgpi-dgpk-hyperinflammationssyndrom-covid-19/), Abruf am 9. Mai 2020

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

 

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