Die Seite 3

Versuch und Irrtum

Foto: DAZ/Kahrmann

Dr. Doris Uhl, Chefredakteurin der DAZ

Die Corona-Pandemie führt uns einmal mehr vor Augen, wie Wissenschaft funktioniert. Hypothesen ­werden generiert, und auch wenn sie noch so plausibel klingen: sie zu bestätigen oder zu widerlegen, ist ein steiniger Weg. Gesicherte Erkenntnisse sind in der Regel das Ergebnis von Versuch und Irrtum und bedürfen der kritischen Begleitung und Diskussion durch andere Wissenschaftler.

Um das zu erleichtern, lassen sich zurzeit nahezu alle Ergebnisse zu den Forschungen zu SARS-CoV-2 und zur Corona-Pandemie ohne Zugangsbeschränkungen abrufen. Sogenannte Preprint-Server erlauben zudem den Forschern, umgehend ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen, unter Um­gehung zeitaufwendiger Peer-Review-Verfahren und mit allen Vor -, aber auch Nachteilen. Oftmals fehlen detaillierte Angaben zur Methodik und zu der Auswertung der Daten, eine Beurteilung selbst durch Fachleute ist kaum möglich. Aber die Schlag­zeile ist schon in der Welt.

So zum Beispiel die hoffnungsvolle Nachricht, dass der mRNA-Impfstoff der Firma Moderna neutralisierende Antikörper erzeugen soll (s. Seite 30). Dass es sich dabei gerade einmal um den Nachweis bei nur acht Probanden handelt, ging einfach unter. Die Medien saugen solche Nachrichten auf wie ein Schwamm und machen Hoffnung, dass tatsächlich in Kürze der Spuk dank eines wirksamen Impfstoffs vorbei ist. Dabei ist die ­frohe Botschaft zur Erzeugung neutralisierender Antikörper noch kein Garant für eine lang anhaltende Immunität. Dazu muss ein Blick auf weitere, ­dafür unbedingt notwendige immunologische Prozesse geworfen werden, allen voran auf die adaptive ­Immunantwort.

Hier gibt es spannende neue Erkenntnisse. Zwei unabhängigen Arbeitsgruppen ist es gelungen, SARS-CoV-2-reaktive T-Zellen nachzuweisen. Und zwar nicht nur bei zuvor an ­COVID-19-Erkrankten, sondern auch bei Menschen, die noch gar nicht mit SARS-CoV-2 in Berührung gekommen sind. Dieser Nachweis lässt die Hoffnung aufkeimen, dass doch der ein oder andere möglicherweise durch Kontakt mit anderen, seit längerem zirkulierenden Coronaviren schon eine Grundimmunität erworben hat, die ihn zumindest vor schweren COVID-19-Verläufen schützt.

Unabhängig davon sehen die Forscher nicht nur eine robuste T-Zell-Antwort auf das Spike-Protein des SARS-CoV-2, das ein wichtiges Zielprotein vieler Impfstoffe ist, sondern auch auf andere Proteine des Virus. Das wiederum lässt auf eine wirk­same Immunantwort entsprechender Impfstoffkandidaten hoffen, aber auch auf eine Immunität nach durchgemachter Infektion.

Bei den beiden Arbeitsgruppen ­handelt es sich im Übrigen um Forscher um den Immunologen Prof. Dr. Andreas Thiel von der Charité Universitätsmedizin Berlin sowie Wissenschaftler um Dr. Alessandro Sette vom La Jolla Institute für Immunology in Kalifornien. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse der La-Jolla-­Arbeitsgruppe in Form einer Pre-proof-Fassung in der renommierten Zeitschrift „Cell“. Die Ergebnisse der Berliner Arbeitsgruppe waren schon vorab am 22. April 2020 auf dem ­Preprint-Server medRxiv erschienen. Für die Validität der Arbeiten spricht, dass die Arbeitsgruppen unabhängig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind. Nur auf Basis solch fundierter wissenschaftlicher Forschung werden wir das neue Virus verstehen lernen. Nur so werden sich wirksame Strategien gegen das neue Coronavirus finden lassen.

Dr. Doris Uhl

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