Wirtschaft

Keine Apotheke ohne Gemeinwohl

Apothekerin Dr. Anja Thijsen über eine neue Art der Wertschätzung

mp | Die Apotheke am Goetheplatz in Nienburg/Weser (Niedersachsen) hat mit ihrer Gemeinwohl-Bilanz eine Vorreiterposition in der Region. In dem 22-seitigen Bericht werden die Auswirkungen der öffentlichen Apotheke auf die Gesellschaft in Zahlen gegossen. Apothekerin Dr. Anja Thijsen erklärt gegenüber der DAZ, dass keine Landapotheke überleben würde, wenn sie nicht ethisch handeln würde.
Foto: Apotheke am Goetheplatz

Apothekerin Antje Herbst, PTA Ulrike Michau, PTA Polina Kazuba und Dr. Anja Thijsen vor der Gemeinwohl-Bilanzierten Apotheke am Goetheplatz (v. l.).

Dr. Anja Thijsen ist Apothekerin. Sie ist Inhaberin der Apotheke am Goetheplatz in Nienburg/Weser, eines von etwa 500 Unternehmen, die bisher eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt haben (s. Rutz I. Apotheke mit Gemeinwohl-Ökonomie-Zertifikat aus­gezeichnet, DAZ.online, 16. August 2019). Die Gemeinwohl-Ökonomie setzt sich für ein ethisches Wirtschaften ein. Durch die Erstellung einer ­Bilanz soll jede Auswirkung, die ein Unternehmen auf die Umwelt und die Gesellschaft hat, durch einen Wert ­erfasst werden. ­Ergebnis dieser Bilanzierung ist eine Zahl sowie ein Bericht, in dem der Wert einer jeden erfassten Kategorie spezifisch erläutert wird (s. Kasten „Ein Blick in die Bilanz“).

Im Gespräch mit der DAZ nennt Dr. Anja Thijsen die Gründe, die sie zu einer Gemeinwohl-Bilanzierung be­wogen haben und darüber, welche Vor- und Nachteile sich aus dem Konzept ergeben.

DAZ: Wie kam es dazu, dass Sie für Ihre Apotheke eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt haben?
Thijsen: Ich bin bei uns in der Kleinstadt schon seit Längerem für den Naturschutz tätig, hin und wieder nehme ich an Gesprächskreisen teil. Bei so einem Kreis ist jemand an mich herangetreten, der sich schon mit der Gemeinwohlökonomie beschäftigt hat. Es war nicht schwer, mich von diesem Konzept zu überzeugen. Nachhaltigkeit war für mich schon immer wichtig. Die Gemeinwohlbilanzierung bietet eine elegante Möglichkeit, ein umfassendes Bild des eigenen Betriebes in strukturierter Form zu gewinnen. Die übliche, finanzielle Bilanz stellt den Wert eines Unternehmens für die Gesellschaft und die Region nur sehr verkürzt dar. Als öffentliche Apotheke tun wir weit mehr, als nur Geld zu verdienen und die Bevölkerung mit Arzneimitteln zu versorgen. Das hat mich überzeugt, die Bilanz bei meiner Apotheke auszuprobieren.

Ein Blick in die Bilanz

Foto: Apotheke am Goetheplatz

Die Gemeinwohlbilanz der Apotheke am Goetheplatz in Nienburg/Weser ist im Internet einsehbar. Geben Sie ­dazu einfach den Webcode F3EX5 in das Suchfeld auf DAZonline.de ein.

DAZ: Hat die Erstellung der Bilanz viel Mühe gekostet?
Thijsen: Für die Erstellung der Bilanz haben wir uns für das Peer-Verfahren entschieden. Das bedeutet, dass wir für die Bilanzierungen mit zwei weiteren Unternehmen zusammengearbeitet haben. Dafür haben wir uns an insgesamt acht Tagen unter Anleitung einer zertifizierten Gemeinwohl-Ökonomie-Beraterin zusammengesetzt. Diese Treffen haben mir viel Freude bereitet. Nicht nur für den eigenen Betrieb bekommt man so einen tieferen Einblick. Gleichzeitig bekommt man direkte Anregungen aus anderen Branchen, wie man Probleme lösen könnte. Solche Ein­blicke und Möglichkeiten, über den Tellerrand hinauszublicken, hat man sonst nicht. Die Bilanz zum Ende hin in Schriftform zu verfassen, hat aber schon viel Mühe gemacht. Ich habe versucht mich kurz zu fassen, da hat man zum Glück etwas Spielraum. Ich habe für die Bilanz mit meinem Team zusammengearbeitet, sodass jede Mitarbeiterin ihren Bereich darstellen konnte. Das hat das Betriebs­klima innerhalb der Apotheke gestärkt.

DAZ: Konnten Sie noch darüber hinaus von der Erstellung der Bilanz profitieren?
Thijsen: Der Prozess hat die Öffentlichkeit auf uns aufmerksam gemacht. Von den Patienten kamen viele Rückfragen. Allen Mitarbeiterinnen ist beim Erarbeiten der Bilanz bewusster geworden, wie wertvoll unsere Arbeit ist. Durch die Bilanzierung konnten wir über den Tellerrand schauen und unseren Platz in der Gesellschaft außerhalb der reinen Arzneimittelabgabe erkennen. Das hat unser Selbstverständnis als öffentliche Apotheke gestärkt. Die Bilanzierung ist selbstverständlich nicht allein apothekenspezifisch. Durch die inten­sive Zusammenarbeit mit anderen Unternehmern konnten wir darstellen, wie wichtig die öffentliche Apotheke gegenüber anderen Arzneimittelvertriebswegen und vor allem für einen Ort ist.

DAZ: Glauben Sie, es kommt zu einem Umdenken in der etablierten Art zu wirtschaften?
Thijsen: Vermutlich bleibt uns früher oder später keine andere Möglichkeit, wenn wir auf diesem Erdball überleben wollen. Um die Gewinne von Produk­tionsprozessen und Dienstleistungen zu steigern, bezahlen wir oft einen hohen Preis, der sich nicht durch Geld abbilden lässt. Wir sparen für bestimmte Maßnahmen zwar Kosten, bezahlen ­dafür jedoch zum Beispiel mit einem hohen Lebensraumverlust, mit Wasser- oder Luftverschmutzung und dem Überstrapazieren von Rohstoffen. In einer Gemeinwohl-Bilanz können Dinge wie diese dargestellt und hinterfragt werden. Ein Gemeinwohl-orientiertes Wirtschaften ist unabdingbar, lässt sich aber noch nicht abbilden. Als Unternehmen muss man Geld verdienen, eine andere Währung haben wir nicht.

DAZ: Ihre Apotheke hat im Unterpunkt der Bilanz „Ethische Kundenbeziehung“ den vollen Wert erhalten, dabei scheint Ihre Apotheke nicht den Rahmen der üblichen Berufsordnung von Apothekern zu sprengen. Wie kommt das?
Thijsen: Als mir das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie zum ersten Mal vorgestellt wurde, sagte ich: Das machen wir bereits alles als Apotheke. Wenn ich meine Kunden und mein Team nicht ethisch behandeln würde, hätte ich keine mehr. Dann wären alle weg. Um als Apotheke im ländlichen Raum bestehen zu können, richtet man sich automatisch nach vielen Gemeinwohl-relevanten Kriterien aus. Kritisch wird demgegenüber die Herangehensweise mancher Kollegen, Zusatzverkäufe zu erzwingen. Mit Arzneimitteln pflegen wir doch den Umgang mit einer besonderen Ware. Vielverkauf erhöht den Umsatz; der Patient erleidet dadurch aber möglicherweise schwere Nebenwirkungen.

DAZ: Sehen Sie die Bilanz als mögliches Werkzeug, um auch pharmazeutische Dienstleistungen abbilden und vergüten zu können?
Thijsen: Das, was sonst nur schwer fassbar ist, wird durch die Bilanz in Zahlen gegossen. Am Ende erhält man die Möglichkeit, diese Zahl zusätzlich in Textform zu erklären. Die momen­tane Situation finde ich furchtbar, dass unsere eigentliche Beratungsarbeit wirtschaftlich nicht abgebildet wird. Vor 25 Jahren habe ich angefangen zu studieren. Zu dieser Zeit war das schon ein leidliches Thema. Seitdem hat sich aber nichts verändert. Als Apothekerin sehe ich ein enormes Potenzial darin, die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung durch eine intensivere Beratung zu verbessern, auch hinsichtlich der Einsparung von Arzneimitteln. Dies muss sich aber finanziell abbilden lassen. So könnte das gesamte Gesundheitssystem Geld sparen. Die Gemeinwohl-Ökonomie gibt eine Idee, wie man die Vergütung der Apotheken von der reinen Menge an abgegebenen Arzneimitteln entkoppeln könnte.

DAZ: Diese „Vergütung“ würde aber erst greifen, wenn sich die Gemeinwohl-Ökonomie flächendeckend etablieren würde. Gibt es jetzt schon Vorteile, die mit einer Bilanzierung einhergehen?
Thijsen: Regional gibt es jetzt schon erste Vorteile für Unternehmen. Die Stadt Stuttgart beispielsweise fördert Gemeinwohl-bilanzierte Unternehmen finanziell. In Zukunft könnten Steuer­erleichterungen bei Unternehmen mit einer guten Bilanz erwogen werden. Auch über die Berufsverbände könnte man bilanzierte Unternehmen in Zukunft fördern. Die Erstellung einer Bilanz macht aber zusätzlich Arbeit und kostet auch Geld. Leider haben nur wenige Kollegen die Ressourcen, um das Umsetzen zu können, zusätzlich zu all dem Papierkram, den wir so schon zu erledigen haben. Fördermöglichkeiten und Anreize, die die Erstellung einer Bilanz anregen, wären schön um uns gesellschaftlich voranzubringen.

DAZ: In Ihrer Bilanz konnten Sie in der Kategorie „Kooperation mit Mit­unternehmen“ keinen großen Punktwert erzielen. Wie können Sie sich das erklären?
Thijsen: Eigentlich gelingt uns Kooperation in unserer Gegend relativ gut, auch wenn Apothekern gesetzlich gewisse Grenzen gesetzt sind. Wir haben hier auf eine Großhandelstour verzichtet und helfen uns mit Personal aus, wenn es mal Not tut. Auch Notdienste zu tauschen, stellte noch nie ein Pro­blem dar. Bei schwierigen Fällen beraten wir uns gegenseitig. Interdisziplinäres Arbeiten ist in unserer Region noch nicht sehr ausgeprägt. Eventuell könnte man verstärkt mit Ärzten kooperieren, um etwa Fortbildungen zu organisieren. In landwirtschaftlichen Betrieben werden oft Maschinen zusammen gekauft oder untereinander ausgetauscht. Das ist bei zertifizierten Geräten in der Apotheke nicht möglich.

DAZ: Scheint so, als wäre dies eine Schwäche der Bilanzierung. Bräuchte es eine Abwandlung der Bilanz, die spezifischer auf die öffentliche Apotheke zugeschnitten ist?
Thijsen: Ich denke, es ist besser, eine einheitliche Art der Gemeinwohl-Bilanz beizubehalten. Durch den Prozess werden branchentypische Grenzen sichtbar. Wenn viele Apotheker Berichte schreiben, werden auch mehr Ideen zusammengetragen, wie man welchen Punkt umsetzen könnte. Diese Anregungen könnte man wiederum für sich selbst nutzen. Außerdem könnte man auch neue Unterpunkte in die Bilanz einführen. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist noch in der Entwicklung begriffen und steht produk­tiven Veränderungen offen gegenüber. Die Bilanzierung eignet sich meiner Meinung nach gut für Apotheken. In manchen Kategorien punkten wir stark, während wir in anderen Bereichen, wie etwa der Lieferkette, an Grenzen stoßen.

DAZ: Wie meinen Sie das?
Thijsen: Der Weg der Arzneimittel, die wir verkaufen, ist nicht transparent. Eine Kaffeerösterei hat zum Beispiel einen erheblichen Einfluss darauf, wie an welcher Stelle unter welchen Bedingungen produziert wird. Wir Apotheken sind demgegenüber sehr fremdbestimmt. Auf den Großteil der Produkte, die wir abgeben, haben wir keinen Einfluss. In dieser Hinsicht hinkt die Arzneimittelproduktion stark zurück. Unseren Kaffee oder selbst Kleidung können wir auf Nachhaltigkeit und Fairness geprüft kaufen; bei Arzneimitteln ist das nicht möglich. Meine Kunden wundern sich darüber, warum die Lieferwege an dieser Stelle so undurchsichtig sind. Beispielsweise kamen während des Valsartan-Skandals viele Patienten zu mir und fragten nach, wie und wo denn die Arzneimittel genau hergestellt werden. Da konnte ich nur sagen, dass ich diese Fragen nicht beantworten kann.

DAZ: Aber Krankenkassen müssen für eine flächendeckende Gesundheitsversorgung doch so kosteneffektiv wie möglich handeln. Wäre eine nachhal­tige und faire Produktion nicht mit der Gefahr verbunden, dem Gesundheitssystem Kosten zu verursachen?
Thijsen: Die Kosten müssen natürlich immer berücksichtigt werden. Aber durch die Arzneimittelproduktion dürfen aufgrund von Sparmaßnahmen keine Menschen zu Schaden kommen. Als Patient sollte man die Wahl haben, ein Blutdruckmittel zu wählen bei dessen Produktion niemand zu Schaden gekommen ist oder die Gewässer nicht verunreinigt wurden. Wenn der Patient weniger bezahlen will, soll er auch diese Entscheidung treffen dürfen. Viele Menschen sind dazu bereit, durchaus mehr zu bezahlen, wenn sie sichergehen können, dass die Arzneimittel unter korrekten Bedingungen produziert worden sind. Nur damit unsere Gesundheitsversorgung optimiert ist, dürfen wir parallel dazu nicht die Kinderarbeit in Indien unterstützen. In anderen Branchen, wie der Lebensmittelindustrie ist es möglich, diese Entscheidungen zu treffen. Bei Arzneimitteln sind wir zurückhaltend, weil wir denken, anders geht es nicht. Aber woher wissen wir denn, dass durch solche Maßnahmen die Kosten steigen? Wenn man auf der anderen Seite weniger Arzneimittel verbraucht, muss es unterm Strich nicht teurer werden. Vielleicht würden die Kosten gar nicht in die Höhe getrieben werden. Es hat nun mal noch niemand ausprobiert.

DAZ: Liebe Frau Dr. Thijsen, vielen Dank für das Gespräch. |

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