Arzneimittel und Therapie

Gecheckt: Alkohol und Antibiotika

Wo muss wirklich auf das Genussmittel verzichtet werden?

© DAZ/Hammelehle

Alkohol ist in der gesamten westlichen Welt die am häufigsten konsumierte Genussdroge. Laut Jahrbuch Sucht 2019 liegt der mittlere Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland pro Jahr bei 10,6 l reinen Alkohols pro Bundesbürger ab 15 Jahre [1]. Was sich auf den ersten Blick nach nicht viel anhört, entspricht tatsächlich in etwa der Menge von 720 Bier (0,3 l) bzw. 500 Gläsern Wein (0,2 l) im Jahresdurchschnitt. Auch wenn die akut toxischen sowie die langfristigen gesundheitlichen und gesellschaftlich-sozialen Folgen bei chronischem Alkoholkonsum gut ­etabliert und auch in der Allgemein­bevölkerung bekannt sind, so ist die Kenntnis über konkrete Interaktionen zwischen Alkohol und gleichzeitig eingenommenen Arzneimitteln selbst in Fachkreisen oft unzureichend. Der häufig reflexartig getätigte Hinweis, dass Arzneimittel nicht mit Alkohol eingenommen werden sollten, ist ­sicher sinnvoll gemeint, aber in vielen Fällen nicht pharmakologisch be­gründet. In diesem Zusammenhang können zahlreiche Antibiotika bedenkenlos mit moderaten Alkoholmengen kombiniert werden, wohingegen bei einigen antibiotischen Wirkstoffen explizit auf die Vermeidung der Alkoholeinnahme während der Therapiedauer hingewiesen werden sollte [2].

Pharmakokinetisches Interaktionspotenzial

Um die möglichen Interaktionen ­besser nachvollziehen zu können, ist ein kurzer Blick auf die Pharmakokinetik des Alkohols sinnvoll. Nach oraler Zufuhr unterliegt Ethanol ­einem etwa 10%igen First-pass-Effekt in Magen, Darm und der Leber. Hierbei erfolgt der Abbau hauptsächlich über die Alkohol-Dehydrogenase (ADH) zum Acetaldehyd, einem Nervengift, das nachfolgend über die Aldehyd-Dehydrogenase (ALDH) zu Essigsäure abgebaut wird [3]. Nachfolgend unterliegt Ethanol einer umfangreichen Verteilung in zahl­reiche Gewebe und gelangt somit auch ins zentrale Nervensystem, wo die typischen Rauscheffekte ausgelöst werden. Die Verteilung in die Lunge trägt wesentlich zur nicht-enzymatischen Alkoholelimination per Ab­atmung bei. Ein weiteres relevantes hepatisches Metabolisierungsenzym des Ethanols, welches insbesondere bei größeren Alkoholmengen zum Tragen kommt, ist das Cytochrom P450 (CYP) 2E1. Interessanterweise führt chronischer Alkoholkonsum zur deutlichen Induktion von CYP2E1, wohingegen die akute Zufuhr großer Alkoholmengen zur kompetitiven Hemmung dieses Enzyms führen kann. Daher sollte man bei alkohol­kranken Patienten Vorsicht bei der Anwendung von CYP2E1-Substraten (z. B. Paracetamol) walten lassen. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass CYP2E1 das am stärksten in der menschlichen Leber exprimierte CYP-Enzym ist. Ob dies auf den in unserer Gesellschaft herrschenden „chronischen“ Alkoholkonsum zurückzu­führen ist oder auch dem nativen Expressionsmuster entspricht, bleibt jedoch unklar [4].

Cave Antabus®-Syndrom

Alkoholkonsum kann die Pharmakokinetik zahlreicher Arzneistoffe merklich modifizieren, indem es deren Absorption und Metabolisierung beeinflusst (siehe auch Podlogar J et al. „Bitte meiden Sie Alkohol! Bei welchen Arzneistoffen muss der Patient auf Alkohol­konsum verzichten?“ DAZ 2016, Nr. 26, S. 38) [5].

Außerdem können gleichzeitig verabreichte Arzneistoffe die Alkohol-Elimination stören und zu Intoxikations-Symptomen führen. Genau diese Art der Interaktion gilt es bei der Anwendung einiger Antibiotika zu beachten. So hemmen Trimethoprim-Sulfameth­oxazol, Ketoconazol, Cephalosporine mit Methylthiotetrazol(MTT-) bzw. Methylthiodioxotriazin(MTDT)-Seitenkette (z. B. Ceftriaxon, Cefotetan), Isoniazid und Griseofulvin die Al­dehyd-Dehydrogenase. Dadurch akkumuliert das toxische Acetaldehyd und bewirkt unangenehme bis bedrohliche Nebenwirkungen wie Flush, Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Kopfschmerzen, Diarrhö, Atemnot, Tachykardie und Blutdruckabfall [2, 6, 7]. Dieses Syndrom wird auch als Antabus®-Effekt bezeichnet. Das gleichnamige Arzneimittel (nicht mehr im Handel) mit dem Wirkstoff Disulfiram wurde früher als „erzieherische“ Maßnahme bei alkoholabhängigen Patienten zur Sicher­stellung der Alkoholkarenz verabreicht. Da das Antabus®-Syndrom im schlimmsten Fall tödlich enden kann, sollten Patienten mit entsprechender Medikation dringend auf das bestehende Interaktionsrisiko hingewiesen werden. Nach Möglichkeit sollte ­während der gesamten Therapie­dauer Alkoholabstinenz eingehalten werden.

Widersprüchliche Aussagen sind zur Alkoholverträglichkeit von Nitrofurantoin zu finden. Ältere Arbeiten berichteten von einem bestehenden Interaktionsrisiko ähnlich dem des Disulfiram, das jedoch in nachfolgenden klinischen Studien nicht bestätigt werden konnte [2].

Tab.: Interaktionspotenzial verschiedener Antibiotika mit Alkohol [2, 6, 7]
Interaktionspotenzial
Antibiotika
kein Risiko beschrieben: moderate Alkoholmengen können zugeführt werden
  • Azithromycin
  • Cephalosporine ohne MTT-/MTDT-Struktur (z. B. Cefuroxim, Cefotaxim, Cefpodoxim)
  • Clarithromycin
  • Fluconazol
  • Fluorchinolone (z. B. Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin)
  • Nitrofurantion
  • Penicilline (z. B. Penicillin V, Amoxicillin)
  • Rifamycine (z. B. Rifampicin, Rifabutin), wenn keine Vorschädigung der Leber besteht
  • Tetrazykline (z. B. Doxycyclin, Minocyclin); Cave: verringerte Wirkstoffspiegel bei chronischen Alkoholikern
Risiko beschrieben: Alkoholzufuhr sollte während der Therapiedauer unterbleiben
  • Cephalosporine mit MTT-/MTDT-Struktur (z. B. Ceftriaxon)
  • Erythromycin
  • Griseofulvin (in Deutschland nicht mehr im Handel)
  • Isoniazid
  • Ketoconazol
  • Linezolid/Tedizolid (insbesondere Tyramin-reiche Alkoholika wie Rotwein und Bier, da MAO-Hemmung durch Oxazolidinone)
  • Metronidazol
  • Protionamid
  • Trimethoprim-Sulfamethoxazol (Cotrimoxazol)

Im Gegensatz dazu liegen zahlreiche Interaktionsbefunde für Metronidazol vor, sodass hier zur Alkoholkarenz geraten werden sollte. Auch wenn noch Zweifel über die konkreten Mechanismen der Interaktion bestehen (z. B. werden die systemischen Acetaldehydspiegel nicht erhöht) und diese Wechselwirkung auch nicht immer repliziert werden konnte [2, 8], scheint das Interaktionsgeschehen dem von Disulfiram zu ähneln. Passenderweise ­wurde Metronidazol vor vielen Jahren selbst auch als Mittel zur Alkoholentwöhnung angewendet.

Neben der Beeinflussung des Alkohol­abbaus durch bestimmte Antibiotika vermag Alkohol selbst durch Verzögerung der Magenentleerung die Absorption einiger Antibiotika zu beeinflussen [6, 7]. So wird beispielsweise die Absorption des säurelabilen Erythromycins durch Alkohol deutlich reduziert. Derartige Effekte wurden für Clarithromycin und Azithromycin dagegen nicht berichtet. Darüber hinaus kann regelmäßiger Alkoholkonsum neben der intrinsischen Leberschädigung die Hepatotoxizität einiger antibiotischer Pharmaka wie die von Isoniazid, Protionamid, Ketoconazol und Griseofulvin erhöhen.

Bei den Oxazolidinonen Linezolid und Tedizolid besteht auch ein Inter­aktionsrisiko mit bestimmten alko­holhaltigen Getränken wie Bier und Rotwein. Diese Wechselwirkung ist jedoch nicht auf den Alkohol selbst, sondern das in den Getränken enthaltene Tyramin zurückzuführen. Vergleichbar zum Reserve-Antidepressivum Tranylcypromin sind Linezolid und Tedizolid unselektive (aber im Gegensatz zum Tranylcypromin reversible) Hemmstoffe der Monoamino­oxidasen (MAO) A und B, sodass der Abbau endogener Catecholamine und des Tyramins unterbunden wird. Dies kann schließlich in hypertonen Krisen münden. Aus demselben Grund sind bei diesen Wirkstoffen auch selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer kontraindiziert, da in Kombination ein Serotonin-Syndrom droht.

Auch wenn die erwähnten Wechselwirkungen im Einzelfall schwer ausfallen können, so ist die gute Nachricht, dass für eine Vielzahl von Antibiotika kein derartiges Interaktions­risiko mit Alkohol besteht (s. Tab.). So sind etwa für Penicilline, häufig verordnete Cephalosporine, Fluorchino­lone sowie die Makrolide Clarithro­mycin und Azithro­mycin keine klinisch relevanten Interaktionen beschrieben worden. Bezüglich der Tetrazykline ist anzumerken, dass eine akute bzw. gelegentliche Alkoholzufuhr zwar unproblematisch scheint, bei chronischen Alkoholikern jedoch eine deutlich beschleunigte Elimination des Antibiotikums und signifikant geringere Serumspiegel beobachtet wurden. In derartigen Fällen genügen also nicht die etablierten Standard-Dosen bzw. sollte ein anderes Therapeutikum gewählt werden. |

Literatur

[1] DHS Jahrbuch Sucht der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e. V., 2019

[2] Mergenhagen KA et al., Fact versus Fiction: a Review of the Evidence behind Alcohol and Antibiotic Interactions. Antimicrob Agents Chemother. 2020;3:64

[3] Jang GR et al. Drug interactions involving ethanol and alcoholic beverages. Expert Opin Drug Metab Toxicol. 2007;3:719-31

[4] Drozdzik M et al. Protein Abundance of Clinically Relevant Drug-Metabolizing Enzymes in the Human Liver and Intestine: A Comparative Analysis in Paired Tissue Specimens. Clin Pharmacol Ther 2018;104:515-524

[5] Podlogar J et al. Bitte meiden Sie Alkohol! Bei welchen Arzneistoffen muss der Patient auf Alkoholkonsum verzichten? DAZ 2016;26:38

[6] Fraser AG. Pharmacokinetic interactions between alcohol and other drugs. Clin Pharmacokinet 1997;33:79-90

[7] Weathermon R et al. Alcohol and medication interactions. Alcohol Res Health 1999;23(1):40-54

[8] Visapää JP et al. Lack of disulfiram-like reaction with metronidazole and ethanol. Ann Pharmacother. 2002;36(6):971-4

Apotheker Prof. Dr. Stefan Oswald

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