Pandemie Spezial

Apotheken auf Achterbahnfahrt

Absatzdaten für die Krisenwochen

tmb | Die Absatzzahlen der Apotheken haben im Zuge der Corona-Pandemie eine Achterbahnfahrt durchgemacht. Als sich die Lage erkennbar verschärfte, deckten sich die Patienten offenbar kräftig mit Arzneimitteln ein. Doch als die Kontaktsperre erlassen wurde, fielen die Absatzzahlen weit unter das Vorjahresniveau. Dafür dürften sowohl die vorgezogenen Einkäufe als auch der allgemeine Stillstand verantwortlich sein. Wie es nach den jüngsten vorsichtigen Lockerungen mit den Absatzzahlen weitergeht, zeigen die Daten noch nicht.

Über die Entwicklung der Umsätze und Absätze der Apotheken während der Pandemie liegen bisher Daten des Branchendienstes Insight Health und ansatzweise vom Statistischen Bundes­amt (Destatis) vor. Die Destatis-Daten beziehen sich bisher nur auf den Februar. Demnach setzten die Apotheken im Februar 2020 preisbereinigt 6,0 Prozent mehr um als im Februar des Vorjahres. Dies ist ein deutlicher Unterschied zur durchschnittlichen Veränderungsrate der vorigen fünf Jahre, die 2,6 Prozent beträgt. Der Umsatzanstieg der Apotheken liegt im Trend des Einzelhandels, der im Februar 6,4 Prozent mehr umsetzte.

Foto: johnmerlin – stock.adobe.com

Arzneimittelpreissteigerungen über fünf Jahre

In einer Pressemitteilung vom 22. April berichtet Destatis weiter, dass die Preise für Arzneimittel in den vergangenen fünf Jahren gestiegen seien. Von März 2015 bis März 2020 hätten sich OTC-Arzneimittel um 11,1 Prozent und Rx-Arzneimittel um 2,7 Prozent verteuert. Als Erklärung verweist Destatis darauf, dass Apotheken die Preise nur für OTC-Arzneimittel frei kalkulieren können. Dabei verschweigt die Pressemitteilung allerdings, dass dies weitgehend auch für die Hersteller gilt. Damit könnten die höheren Preise in der Apotheke auch eine Reaktion auf höhere Preise der Hersteller sein. Während die Hersteller ihre Preise für OTC-Arzneimittel frei gestalten können, sind sie bei Rx-Arzneimitteln an Festbeträge, das Preismoratorium und die Preisverhandlungen nach der frühen Nutzenbewertung gebunden. Bei der Interpretation der Daten ist außerdem zu bedenken, dass Preisänderungen teilweise aus veränderten Warenkörben resultieren können, die wiederum einer veränderten Nachfragestruktur folgen. Letztlich zeigen die Daten den Apotheken aber auch, dass höhere Preise für OTC-Arzneimittel durchgesetzt werden können.

Noch keine ABDA-Wirtschaftsdaten für 2019

Für den 22. und 23. April war das Wirtschaftsforum des Deutschen Apothekerverbandes geplant. In dieser Ausgabe der DAZ hätten Sie die wichtigsten Daten aus dem Apothekenwirtschaftsbericht für 2019 und eine Analyse dazu nachlesen können. Doch wegen der Pandemie fiel nicht nur das Wirtschaftsforum aus, sondern die ABDA hat auch die Wirtschaftsdaten der Apotheken für 2019 bisher nicht präsentiert. Auf Anfrage der DAZ erklärte die ABDA, es werde noch diskutiert, wie unter den besonderen Bedingungen der Pandemie mit den Daten verfahren werde. Vorläufig bittet die ABDA um Geduld.

OTC zunächst im Minus

Während die Daten von Destatis nur bis Ende Februar reichen, liegen von Insight Health bereits Absatzdaten der Vor-Ort-Apotheken bis zur 15. Kalenderwoche, also bis Ostern, vor (siehe Abbildungen). In der 4. und 5. Kalenderwoche dürfte das Virus noch keine Bedeutung für das Kundenverhalten gehabt haben. Da lagen die Rx-Absätze um etwa 2 Prozent über den Vorjahreswerten und die OTC-Absätze um 3,8 Prozent bzw. 3,4 Prozent darunter. Da sich diese Daten auf Vor-Ort-Apotheken beziehen, ist eine mögliche Erklärung, dass das OTC-Geschäft verstärkt zu den Versendern abgewandert sein könnte.

Erste Auffälligkeiten ab der 6. Kalenderwoche

Etwa ab der 6. Kalenderwoche, also ab dem 3. Februar, weisen die Daten deutliche Abweichungen von den vorherigen Trends auf. Spätestens ab der 8. Kalenderwoche, also ab dem 17. Februar, liegen Zusammenhänge zur Pandemie nahe. In der 8. Kalenderwoche gingen die Absätze zunächst deutlich zurück, bei Rx-Arzneimitteln um 8,8 Prozent, bei OTC-Arzneimitteln um 12,7 Prozent, jeweils im Vergleich zur Vorjahreswoche.

Abb. 1: Absatzveränderungen für OTC-Arzneimittel. Die Abbildung zeigt, wie sich die Zahl der in Apotheken abgegebenen OTC-Arzneimittelpackungen im Vergleich zur jeweiligen Kalenderwoche des Vorjahres verändert hat. Zwischen der 9. und der 12. Kalenderwoche 2020 sind die Absätze gegenüber dem Vorjahr stark erhöht. Ab der 13. Kalenderwoche 2020 folgt ein heftiger Einbruch. [Quelle für die Daten: Insight Health Apo weekly]

„Hamsterkäufe“ von der 9. bis zur 12. Kalenderwoche

Von der 9. bis zur 12. Kalenderwoche folgten außergewöhnliche Steigerungsraten. Dies war offenbar die Phase der „Hamsterkäufe“. Die Steigerungen gegenüber dem Vorjahr waren für Rx- und OTC-Arzneimittel jeweils unterschiedlich stark, aber sie zeigen dasselbe Verlaufsmuster. Offenbar legten die Kunden Vorräte von OTC-Arzneimitteln an, und Chroniker deckten sich mit Rx-Arzneimitteln ein. Der Februar fällt nur mit der 9. Kalenderwoche in diese Phase. Dies erklärt, dass Destatis für den Februar „nur“ ein Umsatzwachstum von 6 Prozent ausweist. In der 9. Kalenderwoche lagen die Absätze gemäß Insight Health bei Rx-Arzneimitteln um 31,2 Prozent und bei OTC-Arzneimitteln um 22,6 Prozent über den Vorjahreswerten. Das Maximum erreichten die Zuwächse in der 11. Kalenderwoche, also zwischen dem 9. und dem 15. März mit plus 37,3 Prozent bei Rx-Arzneimitteln und plus 59,3 Prozent bei OTC-Arzneimitteln, jeweils gegenüber der Vorjahreswoche.

Massiver Rückgang ab der 13. Kalenderwoche

Doch seit der 13. Kalenderwoche, also ab dem 23. März, sind die Absatz­zahlen gewaltig gefallen und liegen weit unter den Vorjahreswerten, wobei Rx- und OTC-Arzneimittel wieder demselben Verlaufsmuster folgen. Am 22. März hatte die Bundesregierung die Kontaktsperre beschlossen, die am 23. März in Kraft trat. Dies wirkte offenbar sofort auf die Nachfrage in den Apotheken. Für die 15. Kalenderwoche berichtet Insight Health sogar über einen Absatzrückgang von 49,3 Prozent bei Rx-Arzneimitteln und 41,0 Prozent bei OTC-Arzneimitteln. Allerdings ist dies die Karwoche. Karfreitag fehlt als Arbeitstag, und viele Arztpraxen dürften geschlossen gewesen sein. Auch die künftigen Daten werden durch die Osterfeiertage verzerrt sein. In der 16. Kalenderwoche fehlt der Ostermontag als Arbeitstag. Außerdem lagen die Feiertage im Vorjahr in der 16. und 17. Kalenderwoche, sodass die Bezugsgrößen wiederum verzerrt sind.

Abb. 2: Absatzveränderungen für Rx-Arzneimittel. Die Zahl der in Apotheken abgegebenen Rx-Arzneimittelpackungen im Vergleich zur jeweiligen Kalenderwoche des Vorjahres zeigt eine ähnliche Entwicklung wie bei den OTC-Arzneimitteln. [Quelle für die Daten: Insight Health Apo weekly]

Erklärungsversuche

Die relativen Absatzveränderungen in den verschiedenen Wochen entsprechen nicht jeweils denselben absoluten Mengen. Doch eine kumulierte Betrachtung der relativen Absatzveränderungen bietet zumindest eine grobe Möglichkeit, um den Absatzanstieg mit dem späteren Rückgang zu vergleichen. Demnach erzielten die Apotheken von der 9. bis zur 12. Kalender­woche einen zusätzlichen Absatz an Rx-Arzneimitteln, der dem Absatz von 0,986 durchschnittlichen zusätzlichen Wochen entspricht. In den beiden folgenden Wochen betrugen die Einbußen 0,279 Wochenabsätze und bis Ostern sogar 0,772 Wochenabsätze, wobei die letzte betrachtete Woche allerdings stark verzerrt ist. Doch auch dann bleibt von der 9. Kalenderwoche bis Ostern noch ein deutliches Plus. Für OTC-Arzneimittel ergeben sich noch größere Unterschiede zum Vorjahr, aber ein ähnlicher Verlauf wie bei den Rx-Arzneimitteln. Auf 1,136 zusätz­liche Wochenabsätze folgten Einbußen von 0,438 Wochenabsätzen in der 13. und 14. Kalenderwoche und 0,848 Wochenabsätze bis Ostern. Auch hier bleibt in der Gesamtbetrachtung bis Ostern noch ein Zuwachs. Diese Rechnung erlaubt den Schluss, dass die Kunden ihre Nachfrage nur vorgezogen haben. Eine weitere Erklärung könnte jedoch sein, dass einige Kunden im Verlauf der Pandemie vermehrt Versandapotheken nutzen, um persönliche Kontakte in der Offizin zu vermeiden. Angesichts des massiven Absatzrückganges müssten die vorherigen Zuwächse etwa bis zur 18. Kalenderwoche ausgeglichen sein. Falls der Rückgang nur ein Ausgleich für den vorherigen Anstieg ist, müsste demnach etwa ab der 18. Kalenderwoche, also beim Erscheinen dieser Ausgabe, wieder etwa das übliche Niveau erreicht werden. Erst dann können Trends erkennbar werden, wie sich die Pandemie in den folgenden Wochen auf die Nachfrage in den Apotheken auswirkt.

Folgen für die Apotheken

Die Daten lassen erahnen, welche enormen Herausforderungen die Apotheken durch das schwankende Geschäft der vorigen Wochen zu meistern hatten. Dabei beziehen sich die Daten insgesamt auf die Vor-Ort-Apotheken. Für einzelne Apotheken können die Schwankungen sehr viel stärker sein. In vielen Apotheken dürften die Mitarbeiter zunächst Überstunden an­gesammelt haben, die anschließend abgebaut werden konnten. Doch in Apotheken in Einkaufscentern dürfte die Nachfrage nach dem 22. März sehr viel stärker als im Durchschnitt gesunken sein. Doch auch für nur sehr wenige Kunden muss die Betriebsbereitschaft aufrechterhalten werden. Insbesondere die Öffnungszeit wird dann zum begrenzenden Faktor für das Reduzieren des Mitarbeitereinsatzes. Für die Finanzierung kann notfalls das Kurzarbeitergeld genutzt werden, sofern die vorher angesammelten Überstunden abgebaut wurden. Entscheidend ist jedoch, wie sich die Nachfrage nach den jüngsten Lockerungen weiterentwickelt. Erst das wird zeigen, ob die Achterbahnfahrt der Absatzzahlen auch wieder bergauf geht.

Massive Absatzsteigerungen bei Ibuprofen, …

Neben dem Gesamtmarkt weisen auch die Absatzmengen einiger Produkte erstaunliche Verläufe auf. Dies betrifft beispielsweise Paracetamol und Ibuprofen. Beide könnten als fiebersen­kende Mittel bei Covid-19 eingesetzt werden, aber es kursierten zeitweilig viele Spekulationen, nach denen Ibuprofen bei Covid-19 zu unerwünschten Wirkungen führen könnte. Die große Aufmerksamkeit für beide Wirkstoffe schlägt sich in den Absatzzahlen nieder. Bis zur 8. Kalenderwoche ergeben sich keine Auffälligkeiten. In der 9. Kalenderwoche stieg der Absatz von Ibuprofen um 52,5 Prozent gegenüber der Vorjahreswoche, gemessen an der Zahl der abgegebenen Packungen. In den folgenden Kalenderwochen waren es plus 22,4 Prozent, plus 105,2 Prozent und plus 2,4 Prozent. In der 13. Kalenderwoche dagegen sank der Absatz um 35,9 Prozent gegenüber der Vorjahreswoche.

… Paracetamol …

Bei Paracetamol war der Zuwachs noch viel höher. In der 9. Kalender­woche wurden 72 Prozent mehr Paracetamol-Packungen als in der Vor­jahreswoche abgesetzt. In den Folgewochen waren es plus 39 Prozent, plus 355 Prozent, plus 491 Prozent und plus 63 Prozent. Damit betrug der Absatz in der 12. Kalenderwoche fast das Sechsfache des Vergleichswertes. Offensichtlich haben die Kunden ihre Vorräte deutlich aufgestockt.

… und Hydroxychloroquin

Eine ähnliche Entwicklung ist sogar beim verschreibungspflichtigen Hydroxychloroquin zu verzeichnen, das früh als ein Covid-19-Therapeutikum gehandelt wurde. Die jüngsten Ergebnisse dazu sind zwar enttäuschend, doch die vorherigen Spekulationen haben den Absatz deutlich erhöht. In der 9. Kalenderwoche wurden 81,1 Prozent mehr Packungen abge­geben als in der Vorjahreswoche. In den folgenden Wochen waren es plus 34,6 Prozent, plus 153,0 Prozent, plus 313,0 Prozent und in der 13. Kalenderwoche immer noch plus 98,4 Prozent, jeweils im Vergleich zur Vorjahreswoche. Hydroxychloroquin und Paracetamol als besondere Indikatoren für das „Hamstern“ erreichten ihre höchsten Absatzzahlen damit eine Woche später als der Gesamtmarkt der Arzneimittel. |

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