Arzneimittel und Therapie

Fosfomycin neu bewertet

Europäische Arzneimittel-Agentur gibt differenzierte Empfehlungen ab

mp | Das Antibiotikum Fosfomycin wird sowohl oral als auch parenteral zur Behandlung verschiedener Infektionen eingesetzt. Da sich das Resistenzprofil in den letzten Jahrzehnten kaum geändert hat, gewinnt der Wirkstoff wieder zunehmend an Bedeutung. Allerdings beste­hen zwischen den einzelnen europäischen Ländern teils erheb­liche Unterschiede bei der Anwendung. Das veranlasste die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) zu einer erneuten Beurteilung des Antibiotikums.

Das strukturell einzigartige Epoxid-Antibiotikum Fosfomycin konnte Ende der 1960er-Jahre erstmals in Alicante (Spanien) aus Streptomyceten isoliert werden. Es wirkt bakterizid, indem es den ersten Schritt der bakteriellen Zellwandsynthese hemmt: Zu Beginn der Mureinbiosynthese muss enzymatisch eine Enolpyruvyl-Einheit aus Phosphoenolpyruvat (PEP) auf UDP-N-Acetylglucosamin (UNAG) übertragen werden. Das dem Phosphoenolpyruvat strukturell ähnliche Fosfomycin bindet irreversibel an das aktive Zentrum des Enzyms, das für diesen Prozess benötigt wird (UDP-N-Acetylglucosamin-enolpyruvyl-transferase, MurA).

Seit den 1970er-Jahren wird das Breitbandantibiotikum Fosfomycin unter anderem gegen Staphylokokken, Streptokokken und Pseudomonaden eingesetzt. Durch die Entwicklung besser verträglicher Antibiotika verlor der Wirkstoff zum Ende des vergangenen Jahrhunderts jedoch an Bedeu­tung. Gerade weil das Antibiotikum vergleichsweise selten eingesetzt wurde, blieben die Resistenzraten in den vergangenen Jahrzehnten weitestgehend konstant. Da bakterielle Erreger ihre Sensibilität auf üblicher­weise wirksame Wirkstoffklassen immer häufiger durch Resistenzbildung verlieren, greifen viele Ärzte wieder vermehrt auf Fosfomycin zurück.

Foto: Voyagerix – stock.adobe.com

Zur Behandlung akuter unkomplizierter Harnwegsinfektionen bei Frauen und Mädchen ab dem zwölften Lebensjahr ist orales Fosfomycin (z. B. Monuril®, Generika) nach wie vor indiziert.

Die populärste Indikation der oralen Formulierung stellt die Therapie akuter unkomplizierter Harnwegsinfektionen (durch Fosfomycin-empfindliche Erreger) bei Mädchen ab dem zwölften Lebensjahr und Frauen dar. Überdies wird Fosfomycin intravenös bei schweren chronischen oder akuten Infektionen genutzt, insbesondere dann, wenn nebenwirkungsärmere Behandlungsalternativen wie Betalaktam-Antibiotika nicht infrage kommen. Die häufigsten beschriebenen unerwünschten Wirkungen unter Fosfomycin umfassen Entzündungen venöser Gefäße, gastrointestinale Beschwerden (inklusive Clostridium difficile-assoziierte Diarrhö), Erhöhung der Leberenzyme und allergische Reaktionen. Der Hemmstoff der bakteriellen Zellwandsynthese weist eine gute Gewebepenetration auf und eignet sich daher zur Therapie von Osteomyelitiden. Darüber hinaus ist Fosfomycin bei zahlreichen weiteren schweren Infektionen indiziert. In der Regel wird es im Rahmen einer Kombinationstherapie zusammen mit anderen Antibiotika bei Infektionen mit multiresistenten Keimen angewendet. Allerdings variieren die zugelassenen Indikationen und Dosierungen in den einzelnen Ländern der europäischen Union (EU) zum Teil deutlich.

Einheitliche Indikationen

Nun wurden die Empfehlungen zur Anwendung des Expoxid-Antibiotikums auf europäischer Ebene harmonisiert. Das Verfahren zur Überprüfung des Fosfomycin-Einsatzes wurde auf Antrag des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Dezember 2018 eingeleitet. Es diente dem Ziel, das Nutzen-­Risiko-Profil von Fosfomycin anhand aktueller Evidenz neu zu evaluieren. Ende März wurde das Gutachten des Auschusses für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA veröffentlicht.

In seiner Einschätzung rät der Ausschuss generell vom Einsatz intramuskulären Fosfomycins und von oral angewendetem Fosfomycin zur Behandlung von Kindern unter zwölf Jahren ab. Die Zulassungen der betroffenen Arzneimittel sollen zurückgenommen werden und die jeweiligen Präparate vom Markt verschwinden. Laut den Behörden liegen keine ausreichenden Daten vor, welche die Wirksamkeit der betroffenen Präparate in diesem Zusammenhang belegen könnten. Die Auswirkungen dieses Beschlusses wird für einige EU-Mitgliedstaaten, jedoch nicht für Deutschland spürbar sein. Hierzulande bestehen ohnehin keine Zulassungen für orale pädiatrische Fosfomycin-Formulierungen bzw. intramuskuläre Zubereitungen.

Die orale Anwendung bei unkomplizierten Harnwegsinfekten von Frauen ab dem zwölften Lebensjahr sowie prophylaktisch bei Männern, die sich einer transrektalen Prostatabiopsie unterziehen, darf weiterhin erfolgen.

Die Indikationen für die intravenöse Anwendung von Fosfomycin werden durch die EMA nun klar definiert. Nach wie vor eignet sich das Antibiotikum zur Behandlung schwerer Infektionen. Allerdings sollte es nur dann eingesetzt werden, wenn andere Antibiotika nicht geeignet sind. Indikationen sind unter anderem Endokarditiden, Knochen- und Gelenkinfektionen, im Krankenhaus erworbene Pneumonien (einschließlich beatmungsassoziierte Pneumonien), komplizierte Haut- und Weichteilinfektionen und bakterielle Meningitiden.

Die Einschätzungen des CHMP werden nun der europäischen Kommission vorgelegt, die eine abschließende und gesetzlich bindende Entscheidung für alle EU-Mitgliedstaaten ­treffen wird. |
 

Literatur

Fachinformation Fosfomycin-Uropharm 3 g Granulat zur Herstellung einer Lösung zum Einnehmen. Stand April 2019

Fachinformation Infectofos® 2 g/3 g/5 g/8 g. Stand Juli 2017

Geisslinger G, Menzel S, Gudermann T, Hinz B, Ruth P. Mutschler Arzneimittelwirkungen, 11. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2020

Grabein B et al. Intravenous fosfomycin — back to the future. Systematic review and meta-analysis of the clinical literature. Clin Microbiol Infect 2017;23(6):363-372

Recommendations to restrict use of fosfomycin antibiotics. Review der European Medicines Agency (EMA) vom 27. März 2020

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