Kongresse

Fortbildung in Corona-Zeiten

Der 48. Schwarzwälder Frühjahrskongress war auch als Web-Kongress ein großer Erfolg

cb | Schwierige Zeiten erfordern neue Ideen: nachdem alle Präsenz­ver­anstaltungen der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg zunächst bis Ende Mai abgesagt worden waren, drohte auch der 48. Schwarzwälder Frühjahrskongress in Villingen auszufallen. Doch die Organisatoren fanden eine Lösung. Dank der Bereitschaft der Referenten war es möglich, die Fortbildungsveranstaltung als Web-Kongress anzubieten. Unter dem Titel „Blut – ein ganz besonderer Saft“ standen Physiologie, Pathophysiologie sowie Erkrankungen des Blutes und blutbildender Organe im Fokus.
Foto: Kultur- und Tagungsräume Villingen-Schwenningen GmbH

Verwaist Normalerweise sind der Cateringbereich und – bei schönem Wetter – auch die Außenanlagen der Neuen Tonhalle im Stadtbezirk Villingen in den Pausen der Fortbildungskongresse gefüllt mit Teilnehmern.

Die Teilnahme am Web-Kongress war mit einem PC, einem Mac, dem Tablet oder dem Smartphone möglich. Wer sich angemeldet hatte, erhielt rechtzeitig per E-Mail einen Teilnahmelink. Eine halbe Stunde vor Beginn des Vortragsblockes am Samstagnachmittag bzw. Sonntagvormittag konnten die Teilnehmer den virtuellen Veranstaltungsraum „betreten“, ohne dabei selbst gesehen oder gehört zu werden. Wie bei den Online-Seminaren, die die Kammer bereits seit Längerem regelmäßig anbietet, blieben auch die Moderatoren und Referenten „unsichtbar“. Letztere hielten ihre Präsentationen in heimischer Umgebung, auf den Bildschirmen der Teilnehmer wurden die Folien angezeigt. In den Diskussionsrunden nach jedem Vortrag konnte man in ein Chat-Fenster Fragen eingeben, die die Moderatoren aufgriffen und die Re­ferenten beantworteten.

Foto: DAZ/C. Bruhn

Diese Ansicht sahen die Teilnehmer, nachdem sie sich am Samstag bzw. Sonntag in den Web-Kongress eingeloggt hatten.

Blutanalyse – was verändert sich nach einer SARS-CoV-2-Infektion?

Apothekerin Ina Richling (PharmD), tätig in der Zentralapotheke der Katholischen Kliniken im Märkischen Kreis, Iserlohn, referierte zum Thema „Blutwerte von A bis Z – HbA1c, Gamma-GT, CRP? Laborparameter verstehen und interpretieren“. Aus aktuellem Anlass erläuterte sie auch, wie sich eine Infektion mit dem neuen Coronavirus auf das Blutbild auswirkt. So werde meistens am Anfang eine normale bis leicht reduzierte Leukozytenzahl bestimmt. Im weiteren Verlauf der COVID-19-Erkrankung kann sich die Zahl der Leukozyten und Lymphozyten weiter verringern, während Leberwerte steigen, z. B. die Laktatdehydrogenase (LDH). Auch die Creatinkinase, ein typischer Parameter für die Nierenfunktion, steige meistens an. Während Entzündungswerte wie das C-reaktive Protein (CRP) und die Blutsenkungsgeschwindigkeit bei diesen Patienten ebenfalls erhöht sein können, liege der Wert des Entzündungsparameters Procalcitonin häufig im Normalbereich. Manchmal komme es vor, dass Kunden mit dem Ausdruck einer Laboranalyse in der Apotheke erscheinen und bestimmte Parameter erläutert haben möchten. Dabei sei es wichtig zu wissen, dass die Werte nicht isoliert betrachtet werden dürfen. „Tanzt ein Wert völlig aus der Reihe, kann auch ein Transport- oder Lagerungsfehler der Blutprobe der Grund für die Abweichung sein“, betonte Richling.

„Außergewöhnliche Situationen erfordern auch außergewöhnliche Lösungen. Daher mussten die Fortbildungsteilnehmer dieses Jahr leider auf den kollegialen Austausch und den Aufenthalt im schönen Villingen verzichten. Wir konnten ihnen jedoch alle Vorträge als Web-Kongress präsentieren.“

Dr. Günther Hanke, Präsident der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg

Wissenswertes über das Spurenelement Eisen

Apotheker Dr. Dirk Keiner, Leiter der Zentralapotheke des Sophien- und Hufeland-Klinikums, Weimar, bot den Teilnehmenden viele Informationen, mit denen sie ihr Beratungswissen zum Thema Eisenmangel und -supplementierung auffrischen oder erweitern konnten. So sei bei der oralen Supplementation, die mit den besser resorbierbaren zweiwertigen Verbindungen durchgeführt werden sollte, Geduld gefragt: meistens dauere es etwa zwölf Wochen, bis ein messbarer Effekt eintritt. Zu beachten sei auch, dass der Körper überschüssiges Eisen nicht ausscheiden kann. Bei älteren Patienten können die Regulationsmechanismen zum Schutz vor einem Eisenüberschuss bereits bei einer Aufnahme von mehr als 30 mg/Tag überschritten sein. Ein funktioneller Eisenmangel z. B. aufgrund einer chronischen Erkrankung sei ohnehin kein Fall für die Selbstmedikation. In diesem Fall müsse Eisen i. v. verabreicht werden.

Beratung von Patienten mit multiplem Myelom

Zur Behandlung von Patienten mit hämatologischen Erkrankungen sind in den letzten Jahren einige neue Wirkstoffe zugelassen worden, weitere werden erwartet, berichtete Prof. Dr. med. Georg Maschmeyer, Chefarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Klinikum Ernst von Bergmann, Potsdam. Dazu zählt z. B. der Mitte 2016 eingeführte CD38-Antikörper Daratumumab (Darzalex®). Der Proteasom-Inhibitor Carfilzomib (Kyprolis®) wurde bereits 2015 in Kombination mit entweder ­Lenalidomid und Dexamethason oder Dexamethason alleine zur Zweitlinien-Behandlung des multiplen Myeloms zugelassen. In einer Studie, die seinen Einsatz in der Erstlinien-Therapie geprüft hatte, konnte jedoch kein Vorteil gegenüber Bortezomib gezeigt werden. Patienten mit multiplem Myelom werden von ihrem Arzt instruiert, sich bei Fieber sofort in Behandlung zu begeben. Dies könne auch bei Be­ratungsgesprächen in der Apotheke nicht oft genug wiederholt werden, ebenso wie der Hinweis, zur Verhinderung einer Exsikkose immer ausreichend zu trinken. In der Selbstmedikation sei besondere Vorsicht geboten bei Wirkstoffen, die potenziell nephrotoxisch sein können wie z. B. Diclofenac, denn bei vielen Myelom-Patienten sei die Nierenfunktion eingeschränkt. Betroffene, die in der Apotheke nach alternativmedizinischen Optionen oder Arzneimitteln zur Stärkung ihres Immunsystems fragen, sollten auf potenzielle gefährliche Wechselwirkungen hingewiesen werden, betonte Maschmeyer. In einer Studie wurde z. B. eindrucksvoll eine Wechselwirkung zwischen Bortezomib und Vitamin C gezeigt.

Fotos: P. Schäfer, D. Kohler

Kontaktverbot Patrick Schäfer, Leiter der Aus-, Fort- und Weiterbildung der LAK Baden-Württemberg und seine Mitarbeiterin, Apothekerin Denise Kohler, moderierten den Webkongress am 28. und 29. März 2020 in getrennten Büros.

Beratungstipps bei den DOAK

Vorteile und neue Herausforderungen, die die Einführung der direkten oralen Antikoagulanzien (DOAK) mit sich gebracht hat, erläuterte Prof. Dr. Dietmar Trenk, Leiter der Abteilung Klinische Pharmakologie am Universitätsherzzentrum Freiburg, Bad Krozingen. So habe z. B. die gleichzeitige Nahrungsaufnahme bei Apixaban, Dabi­gatran und Edoxaban keinen Einfluss auf die Bioverfügbarkeit. Dagegen müsse Rivaroxaban unbedingt mit einer Mahlzeit eingenommen werden, da ansonsten die Bioverfügbarkeit zu gering sei. Bei Dabigatran sei zu beachten, dass es nicht gemörsert und über eine Magensonde verabreicht werden darf. Auch dürften die Kapseln nicht ausgeblistert werden, da der Wirkstoff feuchtigkeitsempfindlich ist. Dagegen seien bei Apix­aban, Edoxaban und Rivaroxaban keine besonderen Lagerungsbedingungen erforderlich.

Hämophilie-Produkte bald wieder apothekenpflichtig

In Deutschland benötigen etwa 2500 Patienten mit einer angeborenen schweren Blutungsneigung wie Hämophilie A oder B sowie der von-Wille­brand-Erkrankung eine regelmäßige Behandlung. Ab dem 15. August 2020 wird diese Patientengruppe für die öffentliche Apotheke besonders relevant werden, erläuterte Prof. Dr. med. Johannes Oldenburg vom Institut für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Bonn. Dann tritt eine gesetzliche Neuregelung in Kraft, nach der Arzneimittel für diese Patienten wieder apothekenpflichtig werden. Ziel der Behandlung ist neben der allgemeinen Blutungsprophylaxe auch die Verhinderung von Gelenkblutungen, die zu besonders schweren Einschränkungen führen können. Neuerungen in diesem Indikationsgebiet sind der seit 2019 zugelassene monoklonale Antikörper Emicizumab (Hemlibra®) sowie eine Gentherapie, deren Zulassung im nächsten Jahr erwartet wird.

„Schwarze“ und „weiße“ Rhetorik

Traditionell wird zum Abschluss der Fortbildungskongresse in Baden-Württemberg ein „Blick über den pharmazeutischen Tellerrand“ angeboten. In diesem Jahr referierte Wladislaw Jachtchenko, Kommunikationstrainer und Leiter der Argumentorik®-Akademie, München, in vergnüglicher Weise über zwei Kommunikations-Strategien, die er in „schwarze Rhetorik“ und „weiße Rhetorik“ ein­teilte. Wer sich „schwarzer Rhetorik“ bediene, wolle seinen Gesprächspartner beeinflussen oder überzeugen, ganz gleich mit welchen Mitteln. Dazu zählte Jach­tchenko u. a. Scheinargumente und Halbwahrheiten. Ziele des „schwarzen Rhetorikers“ sei der „Sieg“ über sein Gegenüber. Der „weiße Rhetoriker“ dagegen habe den Anspruch auf Wahrheit. Er möchte den Gesprächspartner durch sachliche Argumente oder valide Daten überzeugen. Sein Ziel sei es, dass sich die bessere Ansicht durchsetzt – dies könne auch die Meinung des Gesprächspartners sein. Jachtchenko ermunterte die Teilnehmer, nicht nur im privaten Alltag, sondern auch bei der Beratung in der Apotheke die eigene Kommunikation dahingehend zu prüfen, wie viel „weiße“ und wie viel „schwarze Rhetorik“ enthalten sei.

Positives Resümee

Patrick Schäfer, Leiter der Aus-, Fort- und Weiterbildung der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg, zieht ein positives Resümee: „Wir waren begeistert, dass sich trotz des schönen Wetters an beiden Tagen jeweils 620 Teilnehmer ein­geloggt hatten.“ |

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