Die Seite 3

Hoffnungsvolle Dunkelziffer

Foto: DAZ/Kahrmann

Dr. Armin Edalat, Chefredakteur der DAZ

Wie lässt sich eine Krise von den Ausmaßen der aktuellen Corona-­Pandemie am besten bewältigen?

Es scheint, als würden wir uns diese Frage momentan jeden Tag erneut ­stellen – in der Politik, im privaten wie im geschäftlichen Bereich. Nachdem das öffentliche Leben und große Teile der Wirtschaft stark heruntergebremst wurden, treiben wir wie ein großes Schiff im offenen Meer. Wie lange lässt sich dieser Zustand aufrechterhalten? Wann wird es Zeit, die Motoren – wenigstens gedrosselt – wieder hochzufahren? Diese Fragen treiben immer mehr Menschen um, aus Sorge um ihre Existenz und im Hinblick darauf, ­wieder ein unbeschwertes Leben zu führen – jetzt, wo die Tage allmählich länger und wärmer werden.

Doch konkrete Antworten wird es aktuell nicht geben können. Das wäre im politischen und medizinischen ­Sinne höchst unverantwortlich. Bei der Definition einer Risikogruppe für COVID-19-Erkrankungen sind sich nämlich die Experten und Epidemiologen nicht einig. Betroffen sind zwar vor allem alte und hochbetagte Menschen mit Vorerkrankungen. Aber auch bei jüngeren In­fizierten beobachtet man zum Teil fulminante Krankheitsver­läufe. Wo kann man also die Grenze ­ziehen?

Wahrscheinlich ist es eine Kombination aus Alter, Geschlecht und ­individueller Prädisposition – und die Übergänge werden fließend sein. Im ordnungspolitischen Sinne ist es also fast unmöglich, auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse diejenigen aus der Bevölkerung zu selektieren, die sich weiterhin einschränken und schützen müssen, während der weitaus größere Teil zum Alltagsleben zurückkehren dürfte.

Derzeit sind alle Maßnahmen, die wir unmittelbar um uns herum wahrnehmen, darauf ausgerichtet, Zeit zu gewinnen. Zeit, die unser ­Gesundheitssystem benötigt, um alle behandlungsbedürftigen COVID-19-Patienten zu ­therapieren. Zeit, die Unternehmen und Forschergruppen investieren müssen, um Wirk- und Impfstoffe zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Zeit, die es braucht, um einen Überblick der Lage zu erhalten: Über wie viele Infektionsfälle reden wir tatsächlich? Welche Menschen können als immun oder genesen bezeichnet werden? Was steht uns wirklich noch bevor?

Es reicht nicht, dafür lediglich die Testkapazitäten zu erhöhen. Den Wettlauf gegen die nach oben schießende Exponentialkurve werden wir, was die Messungen angeht, ohnehin nicht gewinnen können. Die täglich in den Medien veröffentlichten Zahlen stehen bekanntlich nicht für die tatsächlich Infizierten, sondern für die Zahl positiv Getesteter – je nachdem, wie viele Messungen zuvor durchgeführt wurden und wie schnell die Daten gemeldet wurden.

Vielmehr müssen wir unseren Fokus auf repräsentative Stichproben legen. Das bedeutet, dass auch diejenigen getestet werden, die über keine Symp­tome verfügen, oder die aus einem Raster fallen, an das sich Ärzte heute gebunden fühlen. Darüber hinaus sind Antikörper-Tests notwendig, um die Zahl durchgemachter Infektionen zu ermitteln und mehr über die Immunität in der Bevölkerung zu erfahren.

„Derzeit müssen gewichtige Entscheidungen, die in der Geschichte der Bundesrepublik ohne Beispiel sind, im Blindflug getroffen werden“, beschreibt die Statistikerin Katharina Schüller die aktuelle Misere.

Es gilt also, neben all der Dramatik der immer größer werdenden Zahl positiv Getesteter, endlich Licht ins Dunkel der Dunkelziffer zu bringen und wieder ­rational und empirisch vorzugehen.

Armin Edalat

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