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Beratung

Ärger mit der Verdauung

Magen-Darm-Beschwerden bei Senioren – was kann die Apotheke empfehlen?

Altersbedingte Veränderungen des Körpers machen auch vor den Verdauungsorganen nicht halt. Physiologische Prozesse wie die Abnahme der Speichel- und Magensäureproduktion oder der Muskelabbau im Magen-Darm-Trakt führen dazu, dass Appetitlosigkeit, Sodbrennen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung den Alltag vieler Senioren begleiten und ihre Lebensqualität verschlechtern. Welche Empfehlungen sind für Kunden über 65 sinnvoll? Wo liegen die Grenzen der Selbstmedikation? | Von Claudia Bruhn

Die wichtigsten altersbedingten Veränderungen, die im Magen-Darm-Trakt auftreten bzw. sich auf ihn auswirken, sind:

  • Abnahme der Sekretion von Speichel, Magensäure und Verdauungsenzymen
  • Verringerung des Durstgefühls
  • Zahnfleisch-Schwund, Zahnschäden bzw. -ausfall
  • Abbau der Muskulatur von Speiseröhre, Magen und Darm
  • langsamere Magenentleerung
  • Abnahme der Resorptionsfähigkeit des Dünndarms
  • verlängerter Transit im Dickdarm
  • Abnahme der Beweglichkeit und des Bewegungsdrangs
  • Verringerung der Koordinationsfähigkeit der Schließmuskeln
  • Beckenbodeninsuffizienz
  • Multimorbidität

Häufig haben Symptome im Verdauungstrakt bei älteren Menschen mehrere Ursachen. So können beispielsweise Kau- und Schluckbeschwerden nicht nur durch Schäden am Zahnfleisch, an den Zähnen oder durch schlechtsitzende Prothesen, sondern zusätzlich durch den verringerten Speichelfluss und den Muskelabbau in der Speiseröhre entstehen. Darüber hinaus reagiert ein älterer Organismus sensibler auf Faktoren, die Jüngere leichter wegstecken. So werden häufig blähende, scharfe, fette oder säurehaltige Speisen sowie Alkohol schlechter vertragen und sollten daher möglichst gemieden werden. Auch auf seelische Belastungen wie Ärger, Angst oder Trauer reagieren Ältere eher als Jüngere mit Symptomen wie Appetitlosigkeit, Obstipation oder Durchfall. Essenziell für das Beratungsgespräch ist eine Überprüfung der Arzneimittel bzw. des Medikationsplans des älteren Kunden, da viele Arzneimittel, die im höheren Lebensalter verordnet werden, Nebenwirkungen auf den Gastrointestinaltrakt besitzen (z. B. Opiate, Antidepressiva, Parkinson-Medikamente). Nicht unterschätzt werden sollte bei Senioren das Krebsrisiko. Bei vielen Tumoren des Gastrointestinaltrakts steigt das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Alter. So liegt beispielsweise bei Magen-, Bauchspeicheldrüsen- und Darmkrebs das mittlere Erkrankungsalter bei Frauen und Männern oberhalb des 70. Lebensjahres. Unklare gastrointestinale Beschwerden können daher auch auf ein noch nicht diagnostiziertes Karzinom zurückzuführen sein.

Appetitlosigkeit und Völlegefühl – Risiko für Mangelernährung

Appetitlosigkeit ist bei Älteren häufig durch eine Abnahme der Sensibilität der Geschmacks- und Geruchsnerven sowie durch eine verringerte Speichelproduktion bedingt. Auch Kau- und Schluckbeschwerden „verderben“ Älteren oft den Appetit. Völlegefühl oder ein vorzeitiges Sättigungsgefühl können im Alter auch durch eine geringere Magensäureproduktion und/oder eine langsamere Magenentleerung verursacht werden. In der Selbstmedikation können bei Appetitlosigkeit Phytopharmaka mit Bitterstoffen empfohlen werden. Dazu zählen Präparate mit Extrakten aus Angelikawurzel, Benediktenkraut, Enzianwurzel, Tausendgüldenkraut, Löwenzahn und Echtem Wermutkraut. Bitterstoffe steigern die Ausschüttung von Gastrin, welches die Magenmotilität und die Magensaftsekretion anregt. Im Duodenum wirken sie sekretionsfördernd auf Galle und Pankreas. Präparate mit Bitterstoffen (z. B. Carvomin® Verdauungstropfen, Gasteo® Tropfen) sollten etwa eine halbe Stunde vor der Mahlzeit eingenommen werden. Man beginnt mit der niedrigsten möglichen Dosis, da hohe Dosierungen den Appetit und die Verdauung hemmen und emetisch wirken können. Kunden mit Magen-Darm- oder Zwölffingerdarm-Ulcera sollten Zubereitungen mit Bitterstoffen nicht einnehmen. Tees mit Bitterstoffen (z. B. H&S® Magentee Nr. 9) werden möglichst nicht gesüßt. Bei Appetitlosigkeit kann auch eine Ernährungsberatung sinnvoll sein.

Zu den nichtmedikamentösen Maßnahmen, die Betroffenen, aber auch deren Angehörigen empfohlen werden können, zählen die großzügige Verwendung von Gewürzen bei der Speisenzubereitung, das appetitliche Anrichten der Mahlzeiten, das Zerkleinern bei Senioren mit Kaustörungen sowie das Essen in Gesellschaft.

Appetitlosigkeit ist ein sehr unspezifisches Symptom, das nicht nur durch nachlassende Organfunktionen bedingt ist, sondern bei vielen schwerwiegenden Erkrankungen des Verdauungstraktes auftreten kann. Auch psychische Erkrankungen wie Depression oder Demenz sowie ein sich anbahnender grippaler Infekt sind oft damit verbunden. Bei Appetitlosigkeit besteht bei Älteren auch das Risiko für eine Mangelernährung (s. Kasten „Gefährlicher Gewichtsverlust“). Zum Gewichtsaufbau können hochkalorische Trinknahrungen (z. B. Fortimel®) sinnvoll sein.

Gefährlicher Gewichtsverlust

Mangelernährung kann für Ältere schwerwiegende Folgen haben. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) definiert bei Patienten im Krankenhaus, die älter als 65 Jahre sind, als Kriterien dafür einen BMI unter 20 kg/m² und einen unbeabsichtigten Gewichtsverlust von mehr als 5% in den letzten drei Monaten. Es gibt jedoch auch ältere Menschen, bei denen dieser Zustand noch nicht erreicht ist, die aber gefährdet sind, eine Mangelernährung zu entwickeln. Dies ist laut DGEM dann der Fall, wenn die Älteren über einige Zeit zu wenig Nahrung aufnehmen (ca. < 50% des Bedarfs für mehr als drei Tage) oder wenn gleichzeitig mehrere Risikofaktoren vorhanden sind, die entweder die Nahrungsmenge reduzieren oder den Energie- und Nährstoffbedarf nennenswert erhöhen (z. B. Kau- oder Schluckstörungen, neuropsychologische Probleme, Immobilität). Ein Gewichtsverlust ist immer mit einem Verlust an Muskelmasse verbunden und führt daher zu mehr Gebrechlichkeit, er erhöht die Sturzgefahr und verringert die Selbständigkeit.

Studien haben ergeben, dass in deutschen Pflegeheimen bis zu 60% der Bewohner mangelernährt waren. Experten sehen als eine Ursache dafür, dass das Pflegepersonal oft nicht ausreichend geschult ist, um eine Unterernährung zu erkennen. Appetitlosigkeit und Gewichtsabnahme werden häufig für normale Alterserscheinungen gehalten, die man hinnehmen muss. Auch der Personalmangel in Pflegeheimen trägt zur Verschärfung der Situation bei. Warnsignale für Mangelernährung sind beispielsweise Appetit- und Teilnahmslosigkeit, körperliche Schwäche und Hautveränderungen. Ein einfaches und auch für die Beratung in der Apotheke praktikables Messinstrument zur Abschätzung des Risikos für Mangel­ernährung ist das Mini Nutritional Assessment (MNA®, www.mna-elderly.com/forms/MNA_german.pdf), mit dem die Ernährungssituation von Menschen schnell erfasst werden kann. Dabei werden neben körperlichen Parametern (z. B. BMI, Oberarm-, Wadenumfang) auch Aspekte zur Nahrungsaufnahme, Mobilität und zur Wohnsituation erfragt. Geben Sie in die Suchfunktion auf DAZ.online unter www.deutsche-apotheker-zeitung.de den Webcode W9KK3 ein und Sie gelangen direkt zum Fragenbogen.

Übelkeit und Erbrechen – auch psychische Ursachen möglich

Ist eine Lebensmittelvergiftung oder Nahrungsmittelunverträglichkeit die Ursache, erübrigen sich häufig Medikamente, da das Erbrechen innerhalb weniger Stunden die Ursache beseitigt und deshalb auch nicht unterdrückt werden darf. Anschließend ist auf einen raschen Flüssigkeitsersatz zu achten, um einer Dehydratation vorzubeugen. Gegen Übelkeit helfen pflanzliche Prokinetika wie Extrakte aus Pfefferminze und Schöllkraut (Iberogast®) sowie Ingwer (als Tee aus frischer Wurzel, Zintona®). Übelkeit zählt zu den Symptomen im Verdauungstrakt, die auch psychisch bedingt sein können. In diesem Fall sind pflanzliche Sedativa, beispielsweise mit Baldrian- und Hopfenextrakt (z. B. Baldriparan®) eine sinnvolle Empfehlung. Bei H1-Antihistaminika (z. B. Dimenhydrinat, Vomex® A) sind zahlreiche Wechselwirkungen (z. B. mit zentral dämpfenden Arzneimitteln) sowie Nebenwirkungen (z. B. anticholinerge Wirkungen wie Mundtrockenheit) möglich, sodass diese Wirkstoffe bei Senioren weniger empfehlenswert sind. Dimenhydrinat ist aus diesem Grund auch in der Priscus-Liste als potenziell inadäquates Medikament für ältere Menschen aufgeführt.

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Appetitlosigkeit im Alter kann viele Ursachen haben. Ein verändertes Kau-, Geschmacks- und Geruchsempfinden kann dazu führen, dass Speisen farblos und fade wirken, Appetit und Durstgefühl sind reduziert, Verdauungsprobleme verderben die Lust oder eine drückende Prothese verursacht Schmerzen beim Kauen.

Sodbrennen und saures Aufstoßen nicht unterschätzen

Weil mit zunehmendem Alter die Muskulatur des Speiseröhren-Schließmuskels erschlafft, steigt Magensäure leichter als bei Jüngeren in die Speiseröhre auf und ruft Sodbrennen hervor. Faktoren wie reichhaltige Mahlzeiten am Abend, Alkohol- und Nikotin-Konsum, Übergewicht sowie psychische Belastungen können dieses Symptom zusätzlich verstärken. Die Empfehlung von Arzneimitteln gegen Sodbrennen ist bei Älteren besonders schwierig. Protonenpumpeninhibitoren als die wirksamste Substanzklasse sind bei längerfristiger Einnahme mit zahlreichen Nebenwirkungen verbunden, die insbesondere bei älteren Patienten zu Komplikationen führen können. Dazu zählen ein erhöhtes Risiko für Osteoporose und Frakturen, für Darminfektionen und Vitamin-B12-Mangel. Aluminium-haltige Antazida sind für Senioren ebenfalls wenig geeignet, da im Alter die Nierenfunktion nachlässt oder gegebenenfalls bereits eine eingeschränkte Nierenfunktion besteht. Eine mögliche Empfehlung bei Sodbrennen und saurem Aufstoßen sind Präparate auf Natriumalginat-Basis (z. B. Gaviscon Advance®), die nicht in den Blutkreislauf aufgenommen werden. Um die Resorption von anderen Wirkstoffen nicht zu beeinträchtigen, ist auf einen Einnahmeabstand von zwei Stunden zu anderen Arzneimitteln zu achten.

Solange Sodbrennen und saures Aufstoßen nur gelegentlich auftreten, ist eine Behandlung im Rahmen der Selbstmedikation möglich. Vorsicht ist geboten, wenn ältere Kunden mehr als zwei- bis dreimal pro Woche darunter leiden und/oder zusätzliche Symptome wie Übelkeit und Erbrechen, Schmerzen und Appetitlosigkeit auftreten. Denn dann können verschiedene schwerwiegende Krankheiten wie Gastr­itis, Magenulcus, eine Infektion mit Helicobacter pylori, eine gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD) oder ein Magentumor die Ursache sein. Eine Untersuchung durch den Gastroenterologen bringt dann Klarheit – jedoch nicht immer. Wenn sich für einen Beschwerdekomplex aus Sodbrennen, häufigem Aufstoßen, Oberbauchschmerzen, Druck- und Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Schluckbeschwerden, der meistens in Zusammenhang mit Mahlzeiten auftritt, keine organische Ursache finden lässt, wird die Diagnose funktionelle Dyspepsie („Reizmagen“) gestellt.

Bei Bauchkrämpfen und Blähungen zuerst die ­Ernährung checken

Bei älteren Kunden, die in der Apotheke nach Mitteln gegen Bauchkrämpfe oder Blähungen fragen, kann es hilfreich sein, zunächst Fragen zur Ernährungsweise zu stellen. Blähungstreibende Nahrungsmittel wie Hülsenfrüchte, Kohl oder Zwiebeln sind wegen ihres Gehalts an wichtigen Vit­aminen und Mineralstoffen grundsätzlich auch im höheren Lebensalter empfehlenswert. Durch einen vorübergehenden Verzicht darauf lässt sich herausfinden, ob sie eventuell Auslöser der Beschwerden sind. Neben der Ernährungsberatung sind oft allgemeine Maßnahmen wie Bauchmassagen im Uhrzeigersinn, gegebenenfalls unterstützt durch Massageöle (z. B. Linusit® Bauch Massageöl) oder warme Auflagen (z. B. Wärmflasche) hilfreich. Führen diese Maßnahmen nicht zum Erfolg, können Entschäumer (Simeticon, z. B. Lefax®) helfen, größere Gasansammlungen im Verdauungstrakt zu lösen. Viele Senioren nehmen gern die Empfehlung oraler pflanzlicher Karminativa an. Meistens handelt es sich dabei um Kombinationspräparate, die neben ihrer entblähenden Wirkung zusätzlich Begleitsymptome wie Krämpfe und Schmerzen mildern können. Beispiele sind Carmenthin® (Pfefferminzöl und Kümmelöl) und Carminativum Hetterich (Extrakte aus Kamillenblüten, Pfefferminzblättern, Fenchel, Kümmel und Pomeranzenschalen). Bei einem Monopräparat mit Pfefferminzöl (z. B. Buscomint®) wurde eine lindernde Wirkung speziell beim Reizdarmsyndrom nachgewiesen. Analog zum Reizmagen wird die Diagnose Reizdarmsyndrom erst dann gestellt, wenn keine anderen Erkrankungen nachweisbar sind, auf die sich Symptome wie Bauchschmerzen und Blähungen zurückführen lassen. Voraussetzung ist, dass die Beschwerden bereits länger als drei Monate bestehen. Wenn sich Blähungen in der Selbstmedikation nicht lindern lassen und immer wiederkehren, ist Betroffenen dringend zur ärztlichen Abklärung zu raten, da Erkrankungen von Leber, Galle oder Pankreas sowie ein Kolonkarzinom die Ursache sein können.

Diarrhö – hohe Dehydratationsgefahr

Wenn bei Senioren Durchfall, das heißt mehr als drei wässrige Stühle pro Tag, auftreten, ist das Risiko für eine Dehydratation potenziell höher als bei jüngeren Betroffenen. Denn wegen des geringeren Durstempfindens gleichen Ältere das Flüssigkeitsdefizit oft nicht schnell genug aus. Anzeichen für Dehydratation sind zum Beispiel trockene Lippen, Schluckbeschwerden und Konzentrationsprobleme. Bei dauerhaft leicht flüssigem Stuhl in Verbindung mit weiteren Symptomen wie Blähungen sollte auch eine Lactoseintoleranz in Betracht gezogen werden. Sind Leber- und Nierenfunktion nicht beeinträchtigt, kann der Enkephalinasehemmer Racecadotril (z. B. Vaprino®, maximal drei Tage) empfohlen werden. Ebenfalls geeignet ist der Sekretionshemmer Loperamid (Imodium® akut, Generika, maximal zwei Tage) bei Beachtung der Kontraindikationen. Eine Empfehlung pflanzlicher Durchfallmittel wird von Senioren gern angenommen. Sogenannte Durchfalltees (z. B. Sidroga® Durchfalltee N mit Odermeningkraut, H&S® Durchfalltee mit Brombeerblättern) bieten den Vorteil, dass sie den Ausgleich des Flüssigkeitsdefizits unterstützen. Doch nicht alle Antidiarrhoika auf pflanzlicher Basis sind für Ältere uneingeschränkt empfehlenswert. So eignen sich Präparate mit Uzarawurzel-Trockenextrakt nicht für Kunden, die Chinidin (zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen), Calcium (z. B. in Nahrungsergänzungsmitteln) oder Glucocorticoid-haltige Arzneimittel einnehmen. Auch bei Senioren, die mit Digitalisglykosiden behandelt werden, sind Präparate mit Uzarawurzel-Extrakt kontraindiziert. Grund ist der Gehalt an Glykosiden, z. B. Uzarigenindiglucosid. Sie besitzen in therapeutischer Dosierung nur eine sehr geringe Wirkung auf den Herzmuskel, sollten aber dennoch nicht gemeinsam verabreicht werden. Orale Dehydratationslösungen sind für Senioren nur eingeschränkt geeignet. Vorsicht ist beispielsweise geboten bei eingeschränkter Nierenfunktion, Herzschwäche und Hypertonie. Durchfälle sind meistens selbst­limitierend. Ein länger als drei Tage anhaltender Durchfall ist unbedingt ärztlicherseits abzuklären, da Elektrolytverschiebungen zu schweren neurologischen, renalen oder kardialen Komplikationen führen können.

Verstopfung – häufig chronisch

Obstipation ist im höheren Lebensalter oft nicht nur ein temporäres Problem. Schätzungen zufolge leiden zwischen 20 und 40% der über 60-Jährigen unter chronischer Verstopfung. Eine körperliche Ursache dafür ist die Erschlaffung der Kolonmuskulatur im Alter und die daraus folgende längere Transitzeit. Dem Dickdarminhalt wird dadurch mehr Flüssigkeit als in jüngeren Jahren entzogen. Auch einige Erkrankungen, die im höheren Lebensalter gehäuft auftreten, sind mit Obstipation assoziiert. So sind bei Morbus Parkinson auch die Nervenzellen des Magen-Darm-Trakts beeinträchtigt, bei Demenz und Depression können sich Veränderungen im Ess- und Trinkverhalten negativ auswirken. Zahlreiche Wirkstoffe (Opiate, Anticholinergika, Diuretika, Sedativa, Eisen) fördern ebenfalls Verstopfung.

Manchmal berichten Kunden oder ihre Angehörigen über unwillkürlichen, geringfügigen Abgang von Schleim oder Kot bei gleichzeitiger Verstopfung. Dieses Phänomen entsteht, wenn im Dickdarm vermehrt Schleim gebildet wird, weil er durch verhärteten Stuhl verlegt ist.

Ältere Kunden, die zu Verstopfung neigen, bevorzugen in der Selbstmedikation Produkte natürlichen Ursprungs wie Leinsamen oder Weizenkleie. Lässt sich mit diesen Stoffen, die ein mittleres Quellvermögen besitzen, nach zwei Wochen kein Effekt erzielen, sollten solche mit höherem Quellvermögen versucht werden (Makrogole, z. B. Movicol®, Flohsamenschalen, z. B. Mucofalk®). Eine weitere Option bei ungenügender Wirkung ist Lactulose (z. B. Bifiteral® Sirup). Diese Mittel können auch über längere Zeit bedenkenlos eingenommen werden. Es ist auf eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme (mindestens zwei Liter pro Tag) und eine einschleichende Dosierung zu achten, da ansonsten Blähungen und Krämpfe auftreten können.

Auf einen Blick

  • Bei der Beratung von Kunden über 65 sollten altersbedingte Veränderungen im Magen-Darm-Trakt besonders berücksichtigt werden.
  • Aufgrund von Multimorbidität und Multimedikation sind bei Empfehlungen häufig mehr Einschränkungen zu beachten als bei Jüngeren.
  • Bei Erbrechen und Diarrhö sind Maßnahmen zum Schutz vor Dehydratation besonders wichtig.
  • Bei gastrointestinalen Symptomen fragen Senioren häufig nach pflanzlichen Mitteln, die jedoch nicht immer unbedenklich sind, insbesondere bei Multimedikation.

Weitere Wirkstoffe der ersten Wahl sind die antiresorptiv und hydragog wirkenden Substanzen Bisacodyl und Natriumpicosulfat. Nach neueren Erkenntnissen ist auch hier eine Begrenzung des Einnahmezeitraums nicht erforderlich. Dennoch besteht bei zu langer bzw. zu hoch dosierter Einnahme das Risiko für Wasser- und Elektrolytverluste, vor allem wenn die Betroffenen zusätzlich weitere Medikamente wie Diuretika oder Glucocorticoide einnehmen. Muskelschwäche und Störungen der Herzfunktion können die Folge sein. Ist eine rasche Wirkung erwünscht, sollten Bisacodyl-Zäpfchen (z. B. Dulcolax®-Suppositorien) mit einem Wirkungseintritt von weniger als einer Stunde empfohlen werden. Bei peroralen Arzneiformen tritt die Wirkung erst nach sechs bis acht (Bisacodyl, z. B. Laxans-ratiopharm®) bzw. nach acht bis zwölf Stunden (Natriumpicosulfat, z. B. Laxoberal® Abführ-Tropfen) ein.

Die Grenzen der Selbstmedikation sind erreicht, wenn bei akuter Verstopfung zusätzliche Symptome wie Schmerzen und starkes Druckgefühl im Bauch sowie Übelkeit, Blähungen und/oder Blut im Stuhl auftreten. |

 

Literatur

Gefährlicher Gewichtsverlust bei Senioren. Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Berlin, Februar 2015

Volkert D et al. Klinische Ernährung in der Geriatrie. Aktuel Ernährungsmed 2013;38: e1–e48,S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) und weiterer Fachgesellschaften. AWMF-Nr. 073-019, zurzeit in Überarbeitung

Holt S, Schmiedl S, Thürmann PA. Potentially Inappropriate Medications in the Elderly: The PRISCUS List. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(31-32): 543-51; DOI: 10.3238/arztebl.2010.0543

Diagnostik und Therapie der Plattenepithelkarzinome und Adenokarzinome des Ösophagus. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Leitlinienprogramm Onkologie, Stand Dezember 2018, AWMF-Registernummer: 021/023OL, Abruf am 14. Februar 2020

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Reizdarmsyndrom. S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS), (in Überarbeitung), Z Gastroenterol 2011;49:237–293, AWMF-Registriernummer: 021/016

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Lennecke K, Hagel K. Selbstmedikation. Leitlinien zur pharmazeutischen Beratung. 6. Auflage, Deutscher Apotheker Verlag 2016

Neubeck M. Evidenzbasierte Selbstmedikation 2019/2020, 4., überarbeitete Auflage, Deutscher Apotheker Verlag 2018

Teuscher U, Melzig M, Lindquist U. Biogene Arzneimittel. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 7. Aufl. 2020

Autorin

Dr. Claudia Bruhn ist Apothekerin und arbeitet als freie Medizinjournalistin und Autorin in Berlin. Seit 2001 schreibt sie Beiträge für Zeitschriften des Deutschen Apotheker Verlags sowie für medizinische Fachverlage.

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