Arzneimittel und Therapie

Einschränkungen für Cyproteronacetat

Wo der antiandrogene Wirkstoff überall eingesetzt wird

Cyproteronacetat ist ein weitverbreiteter antiandrogener Wirkstoff. Die Anwendungsgebiete reichen von der Behandlung der Akne bis zur Therapie des Prostatakarzinoms. Jetzt hat der Ausschuss für Risikobewertung der europäischen Arzneimittelagentur (EMA) eine Einschränkung bei der Anwendung von Cyproteronacetat aufgrund des Meningeomrisikos empfohlen. Doch in welchen Arzneimitteln ist der Wirkstoff eigentlich enthalten, und gilt die Warnung für alle Präparate?

Cyproteronacetat ist das erste Anti­androgen, das in die Therapie eingeführt wurde. Es hemmt kompetitiv die stimulierende Wirkung von Testosteron und 5α-Dihydrotestosteron. Das führt zu einer Hemmung des Geschlechtstriebs, vermindert die Aktivität der Talgdrüsen und beeinflusst das Haarwachstum. Außerdem werden die Wachstumsimpulse der Androgene auf die Prostata blockiert.

Das Progesteron-Derivat Cyproteronacetat wirkt als Antagonist am Androgenrezeptor und besitzt zudem eine stark gestagene Wirkung.

Zusätzlich zu den antiandrogenen Effekten besitzt Cyproteronacetat auch eine stark gestagene und antigonadotrope Wirkung. So hemmt Cyproteronacetat die Freisetzung des luteinisierenden Hormons und damit die Testo­steron-Produktion. Damit wird auch die Hemmung des negativen Feedbacks an den Androgenrezeptoren des Hypothalamus kompensiert, die sonst zu einer vermehrten Produktion von Testosteron führen würde. Durch die zentrale Hemmung der Freisetzung des luteinisierenden (LH) und des follikelstimulierenden Hormons (FSH) sinkt sowohl die Androgen- als auch die Estrogen-Konzentration im Plasma.

Anwendungen bei der Frau

Bei Frauen wird Cyproteronacetat zur Behandlung von ausgeprägten Androgenisierungserscheinungen wie übermäßiger Gesichts- und Körperbehaarung (Hirsutismus) eingesetzt. Auch bei Akne und androgenetischem Haarausfall (Alopezie) wird Cyproteron­acetat in Dosierungen von 10 bis 100 mg täglich genutzt. Zugelassene Präparate zur Anwendung bei der Frau sind beispielsweise Androcur® 10 mg bzw. 50 mg Tabletten (Jena­pharm), Cyproteronacetat-Gry 50 mg Tabletten (Teva), Cyproteron Tad 50 mg Tabletten (Tad Pharma) und Cyproteronacetat beta 50 mg Tabletten (betapharm).

Bei gebärfähigen Frauen sollte Cyproteronacetat mit einem Estrogen kombiniert werden, um Zyklusstörungen zu vermeiden. Da Cyproteronacetat mit der LH-Freisetzung auch die Ovulation hemmt und die Viskosität des Zervixschleims erhöht, wirken niedrig dosierte Kombinationen mit Ethinylestradiol gleichzeitig kontrazeptiv und sind daher auch als Verhütungsmittel beliebt. In Deutschland sind zahl­reiche Kombinationspräparate zur Behand­lung mäßig schwerer bis schwerer Akne aufgrund von Androgenempfindlichkeit und/oder Hirsutismus im Handel (s. Tabelle). In Kombination mit Estradiolvalerat ist Cyproteronacetat auch bei Frauen mit Wechseljahresbeschwerden indiziert (z. B. Climen®).

Anwendungen beim Mann

Bei Männern wird Cyproteronacetat zur Palliativtherapie des metastasierenden oder lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinoms eingesetzt. Auch die Kombination mit GnRH(Gonado­tropin-Releasing-Hormon)-Agonisten ist in dieser Indikation verbreitet. Hier vermindert Cyproteronacetat den initialen Testosteron-Anstieg bei Therapiebeginn (sogenannter Flare-Up) und mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen wie Hitzewallungen. Bei den zur Behandlung des Prostatakarzinoms eingesetzten Dosierungen von täglich 200 bis 300 mg oral oder wöchentlich 300 mg intramuskulär werden auch Libido und Spermatogenese reversibel gehemmt. Diese Nebenwirkung von Cyproteronacetat wird beim Einsatz zur Triebdämpfung bei Sexualdeviationen genutzt. Zur Anwendung beim Mann zugelassene Präparate sind beispielsweise Androcur® 50 mg Tabletten (Jenapharm), Androcur®-Depot 300 mg Injektionslösung (Jenapharm), Cyproteronacetat-Gry 50 mg Tabletten (Teva), Cyproteron Tad 50 mg bzw. 100 mg Tabletten (Tad Pharma), Cyproteronacetat beta 50 mg bzw. 100 mg Tabletten (betapharm).

Tab.: Kombinationspräparate mit Cyproteronacetat
Präparate
Zusammensetzung
Indikation
Attempta-ratiopharm® 35 (Ratiopharm)
Bella® Hexal 35 (Hexal)
Cyproderm® (Dermapharm)
Diane®-35 (Jenapharm)
Jennifer® (Aristo Pharma GmbH)
Juliette® (Mylan dura)
Micypra® (Mithra Pharmaceuticals)
Morea sanol® (Apontis Pharma)
2 mg Cyproteronacetat/ 0,035 mg Ethinylestradiol
mäßig schwere bis schwere Akne aufgrund von Androgenempfindlichkeit und/oder Hirsutismus bei Frauen im gebär­fähigen Alter
Climen® (Jenapharm)
1 mg Cyproteronacetat/ 2 mg Estradiolvalerat
Hormonsubstitutions­therapie (HRT) bei peri- und postmenopausalen Estrogenmangelsymp­tomen; Osteoporose­prävention bei post­menopausalen Frauen mit hohem Frakturrisiko

Cave Meningeom

In der Empfehlung des Ausschusses für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz der EMA wurden die Anwendungsgebiete von Cyproteronacetat eingeschränkt. Hintergrund ist das Risiko der Entstehung eines seltenen Meningeoms, eines meist gutartigen Tumors der Hirnhaut, der je nach Lage aber ernsthafte Probleme verursachen kann. Daher sollte der Wirkstoff in Tages­dosen von 10 mg oder mehr nur dann zur Therapie von androgenabhängigen Erkrankungen oder zur Dämpfung des Sexualtriebs eingesetzt werden, wenn andere Behandlungsoptionen versagt haben. Für die Anwendung beim Prostatakarzinom gibt es keine Änderungen. Niedrig dosierte Kombinationspräparate (s. Tabelle) sind von der Warnung nicht betroffen. Trotzdem sollte vorsichtshalber bei Patientinnen mit einer Meningeomdiagnose auf die Anwendung verzichtet werden. Während einer Therapie mit Cyproteron­acetat sollte vermehrt auf Symptome eines Meningeoms geachtet werden, wie Veränderung der Sinneswahrnehmungen (Sehen, Hören oder Riechen), Kopfschmerzen, Gedächtnisverlust, Krampfanfälle oder Schwäche in den Gliedmaßen. |

Literatur

Wirkstoffdossier Cyproteron. ABDA-Datenbank; abgerufen am 26. Februar 2020

Mutschler E et al. Mutschler Arzneimittelwirkungen, 10. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart 2013

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Cyproteron: Überprüfung des Meningeomrisikos. Mitteilung vom 14. Februar 2020. www.bfarm.de; abgerufen am 26. Februar 2020

Fachinformationen der genannten Präparate

Apothekerin Sarah Katzemich

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