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Management

Wie soll das weitergehen?

Denkanstöße zur zweiten Hälfte des Berufslebens / Zurückblicken, um nach vorne schauen zu können

Wer schon viele Jahre im Beruf steht, sollte irgendwann innehalten und Bilanz ziehen: Was war und wie gestalte ich die nächsten Jahre gewinnbringend für mich, das Team und die Apotheke?

Naturgemäß ändern sich die Interessen und Schwerpunkte mit den Jahren auch im Berufsleben. Schwieriger zu akzeptieren ist oft, dass sich körperliche Beschwerden einstellen. Manchmal kommen Konzentrationsschwierigkeiten dazu, wir haben weniger Kondition und Stehvermögen im wahrsten Sinne des Wortes, fühlen uns eher erschöpft. All dies tritt nicht bei jeder Kollegin* überhaupt oder im gleichen Maße auf. Der Autor Sven Kuntze regt den unsentimentalen Umgang mit Beschwerden an und meint lakonisch: „Was nicht zu ändern ist, braucht nicht beklagt zu werden.“ Und schließlich wissen wir nur zu gut, wie wir unsere alternden Kunden beraten würden, nun profitieren wir mal selbst von unserem Wissen und ergreifen die entsprechenden Maßnahmen.

Was war?

Um zu klären, wie es weitergehen soll, steht an erster Stelle eine Bestandsaufnahme. Dabei lohnt es sich, ehrlich Resümee zu ziehen und sich zu fragen:

  • Was war bisher wichtig für mich?
  • Habe ich es erreicht, ist es gelungen?
  • Was ändert sich jetzt, nach ca. 20 Berufsjahren gerade?
  • Was ist unwichtig geworden?
  • Wie gut kann ich mit Geld umgehen?
  • Zunehmend schwer fällt mir …
  • Gesundheitlich geht es mir …
  • Wie lebendig fühle ich mich?
  • Womit gehe ich jetzt besser um als zu Beginn meines Berufs­lebens?
  • Spüre ich täglich Spaß bei der Arbeit?
  • Eine Verhaltensweise, die ich ablegen möchte, ist …
  • Meine Kommunikationsfähigkeit ist …

Je nach Antwort stellt sich die nächste Frage, wie man damit umgehen will, ob man Konsequenzen ziehen will oder nicht. Wenn Fragen schwierig zu beantworten sind, hören Sie auf Ihr Bauch­gefühl. Bei manchen Ereignissen, Gesprächen, Begegnungen fühlen wir uns unwohl, verspannen uns, bekommen Kopfschmerzen etc. Was für Situationen sind das, sind sie vermeidbar oder wie können Sie sonst damit umgehen? Kommt es zum Beispiel bei bestimmten Kunden vor, dass Sie lieber nach hinten verschwinden würden, was befürchten Sie? „Zaubert“ sich eher ein Lächeln oder ein Stirnrunzeln auf Ihr Gesicht, wenn Sie erfahren, dass Sie morgen mit der Chefin zusammenarbeiten? Wieso?

Falls es in Ihrer Apotheke Differenzen wegen „eigenartiger“ Angewohnheiten einzelner Kolleginnen gibt, ist spätestens jetzt der Zeitpunkt, sich in Nachsicht zu üben und vielleicht lieber die Schrulligkeit anderer zu akzeptieren, statt sich im Kampf dagegen weiterhin aufzureiben. Kuntze spricht von der Einsicht, dass wir keine Siege mehr erringen müssen beim Miteinander, Niederlagen des Gegenübers richten in einem selbst den größeren Schaden an.

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Wo stehe ich, wo will ich hin? Manchmal ändern sich die Prioritäten, wenn man schon viele Jahre im Berufsleben steht. Hin und wieder lohnt es sich innezuhalten und zu hinterfragen, was man erreicht hat und was jetzt noch wichtig ist.

Werte und Sehnsüchte im Beruf ausleben

Der internationale Berater Dr. Ha Vinh Tho sieht als Ursache persönlicher Schwierigkeiten eine Entfremdung von uns selbst, wir sollten die Verbindung wieder­finden zu unseren Werten und Sehnsüchten, um diese dann auch im Beruf auszuleben. Bezogen auf die Apotheke heißt das zum Beispiel: Arbeite ich hauptsächlich in dem Arbeitsbereich, der mir am meisten liegt? Wie ist meine Einstellung den Kunden gegenüber, schaffe ich es nach all den Jahren immer noch, ihnen mit Freundlichkeit und Geduld zu begegnen? In der Hektik des Alltags vergessen wir oft genug zu lächeln oder Kunden, denen es hilft, die Tür aufzuhalten, oder auch uns bewusst zu machen, wie erfreulich es ist, dass sie gerade zu uns statt zur Konkurrenz ­kommen. Schnell vergessen wird auch, dankbar zu sein für einen guten Arbeitsplatz und das tolle Team, das wir gefunden haben. Nach den Jahren, in denen wir uns auf Produktion, Aufbau und Konsum konzentriert haben, weil das für uns wichtig war, können wir jetzt die psychologischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse von uns und den Kunden oder Kollegen besser wahr- und ernstnehmen und als gegeben anerkennen. Selbst wenn nur selten Zeit dafür ist – einzelne Momente mit einem tieferen kurzen Gespräch oder nur einer kleinen ­Bemerkung stärken und beleben beide. Wir arbeiten nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch, weil uns der Umgang mit anderen Menschen und der Beitrag zu ihrer besseren Gesundheit zufrieden macht und mit Sinn erfüllt. Was zählt und immer wichtiger wird in den spä­teren Berufsjahren, sind die menschlichen Begegnungen und die gegenseitige Anteilnahme.

Literaturtipps

Sven Kuntze
Alt sein wie ein Gentleman – Über Würde im Alter und andere überschätzte Tugenden.
Bertelsmann Verlag 2019, ISBN 978-3-570-10358-6

 

Dr. Ha Vinh Tho
Der Glücksstandard – Wie wir Bhutans Bruttonationalglück praktisch umsetzen können.
O.W. Barth Verlag, 2019, ISBN 978-3-426-29295-2

 

Dr. Jörg-Peter Schneider
Halbzeit – Der Weg zur inneren Meisterschaft. Midlife-Power statt Midlife Crisis
BoD Verlag, ISBN 978-3-839-15275-1

 

Zu beziehen über:
Deutscher Apotheker Verlag, Birkenwaldstraße 44, 70191 Stuttgart
Telefon 0711 2582-341, Telefax 0711 2582-290
E-Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de

Der Blick voraus

Es soll uns spätestens jetzt gut­gehen, damit wir die zweite Hälfte als gelungen und erfüllend er­leben. Was gehört dazu? Die folgenden Fragen helfen dabei, es herauszufinden:

  • Haben Sie die gleichen Werte wie früher oder andere? Welche?
  • Was am Arbeitsplatz macht Sie zufrieden?
  • Was müsste sich ändern und was können Sie selbst dafür tun?
  • Mit wem im Team haben Sie noch etwas zu klären, wann sprechen Sie es an?
  • Wie wollen Sie in Zukunft leben und arbeiten?
  • Welche Erwartungen lassen Sie in Zukunft los?
  • Brauchen Sie eine längere Pause, um sich über die für Sie wichtigen Fragen und Pläne klarzuwerden?
  • Was zieht Ihnen in den verschiedenen Lebensbereichen Energie ab und wie/wobei können Sie auftanken?
  • Wofür brennen Sie?
  • Was können Sie jetzt tun, um Ihre Gesundheit und Fitness zu erhalten bzw. zu verbessern, und womit fangen Sie heute an?

Tipp für mutige Entdeckerinnen

Legen Sie sich etwas zum Schreiben bereit. Gehen Sie in Ihrer Phantasie in die Zukunft. Sie sind zwei Monate vor der Rente und blicken zurück auf Ihr Apothekendasein. Was hätten Sie gerne anders gemacht?

Denken Sie an alle Bereiche: Fortbildung, Kolleginnen, Arbeitsschwerpunkte, Kunden, denen Sie schon immer etwas sagen oder die Sie etwas fragen wollten, sich aber nicht trauten, Ideen, deren Umsetzung alle vorangebracht hätte, Auslandspraktika etc. Machen Sie sich brainstormartig und ungehemmt (!) Notizen, ohne zu sieben! Schauen Sie, wann Sie was davon jetzt in Ihrer zweiten Berufshälfte verwirk­lichen wollen.

Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.

Molière

Unsere Aufgabe ist es, aktiv unsere Potenziale bestmöglich ein­zusetzen, und nicht darauf zu warten, dass die Kolleginnen oder die Chefin sie zufällig ent­decken. Wir richten uns zudem spätestens in der zweiten Hälfte danach aus, was für uns persönlich wichtig ist.

Viel zu häufig wird der Erfahrungsschatz der älteren Mit­arbeiterinnen nicht gesehen, sie werden links liegengelassen und nicht mehr gefördert. Doch nur die Unternehmen, denen das Wohl aller Mitarbeiterinnen am Herzen liegt, profitieren von einem geringen Krankenstand und niedriger Fluktuation. Wenn Sie als Chefin beobachten, was für die Kolleginnen im mittleren Alter wichtig ist oder diese dazu befragen, können Sie sich darauf einstellen und entsprechende Angebote bei den Tätigkeiten, Arbeitszeiten etc. machen. So bleiben Ihnen zuverlässig das Engagement und die Loyalität dieser Mitarbeiterinnen erhalten. |

Ute Jürgens

Ute Jürgens ist Kommunikations­trainerin mit Spezialisierung auf die Heilberufler, 
Dipl. Erwachsenenpädagogin und PTA, www.kommed-coaching.de

 

* Da die überwiegende Anzahl der Apothekenmitarbeiter weiblich ist, schreibe ich in der weiblichen Form. Männliche Kollegen dürfen sich gerne mit angesprochen fühlen.

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