Gesundheitspolitik

Kommentar: Wo bleibt der Aufschrei?

Christine Ahlheim

In unserem Gesundheitswesen findet gerade ein gewaltiger Tabubruch statt: Die kürzlich bekannt gegebene Übernahme der TeleClinic durch die DocMorris-Mutter Zur Rose hebt die seit vielen Jahrhunderten bestehende Trennung von ärztlicher und apothekerlicher Tätigkeit auf. Zwar ist es nicht dieselbe Person, die ein Medikament verordnet und abgibt, aber die Akteure arbeiten für denselben Konzern. Dass dessen finanzielle Interessen sich negativ auf das Wohl der Patienten auswirken könnten, dürfte klar sein.

Da erstaunt es, dass der kollek­tive Aufschrei der Politik ausbleibt. Die Mehrzahl der von der AZ befragten Gesundheitspolitiker setzt darauf, dass das im Patientendaten-Schutz-Gesetz ver­an­ker­te Makelverbot auch zwischen TeleClinic und DocMorris seine Wirkung entfalten wird.

Doch wer glaubt, damit die Zuweisung von Rezepten verhindern zu können, ist bestenfalls naiv. DocMorris hat seit seiner Gründung keinen Pfifferling auf die deutschen Gesetze ge­geben – und ist damit durchgekommen. Auch das Makelverbot wird für Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli nicht mehr sein als eine sportliche Herausforderung, mit der er die Duldsamkeit der deutschen Politik austestet. Und er wird es genauso umgehen wie einst das Versand­verbot und die Rx-Preisbindung. Die einzige Möglichkeit, Zur Rose bei der Übernahme unseres Gesundheitswesens zu bremsen, wäre ein Rx-Versandverbot. Doch das wird zumindest so lange nicht kommen, wie unserem Bundesgesundheitsminister die digitalen Verheißungen einer Schweizer Aktiengesellschaft verlockender erscheinen als die bodenständigen Ange­bote der Vor-Ort-Apotheken.

Dr. Christine Ahlheim, Chefredakteurin der AZ

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