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Management

Tiefstapler von Berufs wegen

Hochstapler-Phänomen: Wie Selbstzweifel überwunden werden können

Selbstzweifel sind weit verbreitet. Besonders zu Beginn des Berufslebens oder nach einem Stellenwechsel ist eine gewisse Verunsicherung durchaus normal. Hält dieses Gefühl jedoch an, ist es zudem gar nicht begründet, handelt es sich even­tuell um das sogenannte Hochstapler-Phänomen. Wir zeigen Ihnen, wie Sie die Selbstzweifel überwinden können.

Wer kennt das nicht – das Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten? Zumindest hin und wieder trifft das auf die meisten Menschen zu. Eine gewisse Verunsicherung ist vor allem zu Beginn des Berufs­lebens normal. Schließlich sind die Anforderungen im Apothekenalltag ganz andere als an der Uni. Doch selbst alte Hasen reagieren bisweilen mit Verunsicherung, wenn zum Beispiel ein Stellenwechsel die eingespielten Routinen infrage stellt oder ein Inhaberwechsel den Betrieb der Apotheke „durcheinanderwirbelt“. Das alles ist menschlich, verständlich und weit verbreitet.

Was aber ist, wenn diese Selbstzweifel immer wieder auftreten und die Betroffenen darunter leiden? Was, wenn Menschen ihre eigenen Fähigkeiten so sehr anzweifeln, dass sie sich quasi als eine Art Hochstapler empfinden? Was, wenn jemand unter dem Hochstapler-Syndrom leidet und nicht erkennt, dass er in Wirklichkeit eher ein Tiefstapler ist? Der Weg zu mehr Selbstsicherheit: Problem anerkennen, darüber sprechen und bewusst gegen Selbstzweifel vorgehen.

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Zweifel kommen jedem mal Aber was, wenn man seine Fähigkeiten so sehr anzweifelt, dass man sich selbst ausbremst? Wenn man sich vor lauter Versagensängsten für einen Hochstapler hält, aber eigentlich „tiefstapelt“? Offene Kommunikation hilft und man stellt schnell fest: Nicht nur ich habe das Problem.

Ständige Angst vor dem Auffliegen

Das Hochstapler-Phänomen – oder auch Impostor-Syndrom (engl. Hochstapler) – ist ein psychologisches Phänomen. Obwohl häufig als Syndrom bezeichnet, stellt es keine krankhafte Beeinträchtigung oder Persönlichkeitsstörung dar. Es handelt sich bei den Betroffenen meist um Personen, die objektiv eigentlich gar keinen Grund haben, an ihren Fähigkeiten zu zweifeln – dies aber dennoch tun. Sie stellen ihre Erfolge infrage oder erklären sie mit Glück, Zufall und anderen externen begünstigenden Umständen. Die Angst „aufzufliegen“ und quasi als Hochstapler enttarnt zu werden, gehört dazu. Ganz nach dem Motto: „Die Anderen müssten doch eigentlich bemerken, dass meine Fähigkeiten gar nicht ausreichen.“

Selbst wenn Kollegen oder Vor­gesetzte die „Hochstapler“ loben oder ihre Erfolge anerkennen, kann dieses Lob nicht verinnerlicht und angenommen werden. Die Selbstzweifel überwiegen. Menschen, die unter diesem Phänomen leiden, sind in Wirklichkeit eher Tief- als Hochstapler – und stehen sich schlimmstenfalls selbst im Weg. Es entsteht ein Teufelskreis aus Selbstzweifel, Angst und Stress. Und das kann Folgen für den beruflichen Werdegang haben.

Wer sich für einen beruflichen Hochstapler hält, reagiert darauf durchaus unterschiedlich. Zwei Grundstrategien werden beobachtet. Die einen versuchen, ihren Zweifeln mit Fleiß und akribischer Vorbereitung zu begegnen. Für sie ist es wichtig, möglichst wenig dem Zufall zu überlassen. Es besteht allerdings die Gefahr, es mit dem selbst auferlegten Perfektionismus zu übertreiben. Zudem hält sich bei ihnen trotz allem der Eindruck, nicht gut genug zu sein. Andere Betroffene wiederum prokrastinieren. Das heißt, sie schieben Aufgaben vor sich her, anstatt sie anzugehen. Sie wollen einer als „sicher“ angenommenen Blamage am liebsten aus dem Weg gehen. Zu groß ist die Angst zu versagen.

Natürlich ist nichts in Stein gemeißelt. Es ist möglich, dass je nach Situation unterschiedlich reagiert wird. In jedem Fall handelt es sich um eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Möglichkeiten und Erfolge. Die Einflüsse auf den Alltag sind unterschiedlich stark ausgeprägt. Zahlreiche Studien haben schon versucht, dem Hochstapler-Phänomen auf den Grund zu gehen und die Ursachen heraus­zukristallisieren.

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In berühmter Gesellschaft Auch wenn er den Nobelpreis erhalten hat – von Albert Einstein wird berichtet, dass er von Selbstzweifeln geplagt wurde.

Hohes Bildungsniveau macht anfälliger

Der Begriff des Impostor-Phänomens wurde erstmals 1978 durch die amerikanischen Psychologinnen Dr. Pauline R. Clance und Dr. Suzanne A. Imes in einem wissenschaftlichen Artikel eingeführt und das dahintersteckende psychologische Muster beschrieben. Clance und Imes interviewten für ihre international beachtete Arbeit 150 beruflich erfolgreiche Frauen. Auffallend war, dass diese ihre Erfolge eher dem Glück zuschrieben als ihrem eigenen Können. Clance und Imes berichteten, dass die interviewten Frauen den Eindruck hätten, von anderen überschätzt zu werden, währenddessen sie sich selbst für nicht besonders intelligent hielten.

Interessant ist, dass insbesondere Menschen mit hohem Bildungs­niveau für das Impostor-Phänomen anfällig zu sein scheinen. Grundsätzlich kann es jedoch jeden treffen. Auch Albert Einstein wird zugeschrieben, vom Hochstapler-Phänomen betroffen gewesen zu sein – zumindest zeitweilig. Die allgemeine Verehrung seines Lebenswerkes sei ihm unangenehm gewesen. „I feel compelled to think of myself as an involuntary swindler”, soll Einstein in diesem Zusammenhang gestanden haben. Natürlich war Einstein kein „Betrüger“. Allerdings gehörte er scheinbar zu den hochbegabten Personen, die – wenigstens zeitweise – von Selbstzweifeln geplagt wurden. Das Gegensätzliche stellt der Dunning-Kruger-Effekt dar, bei dem die eigenen Fähigkeiten eher überschätzt werden, während das Können von eindeutig Kompetenteren unterschätzt wird.

Vielfältige Ursachen

Studien haben gezeigt, dass un­gefähr 70 Prozent der Menschen mindestens einmal in ihrem Leben mit dem Impostor-Phänomen zu kämpfen haben. Manch einer leidet nur temporär daran. Andere Menschen sind jedoch ihr ganzes Leben betroffen.

Die Ursachen des Hochstapler-Phänomens sind vielfältig. Es handelt sich um eine Wechselwirkung zwischen bestimmten Persönlichkeitsstrukturen, die als eher ängstlich, emotional labil oder introvertiert beschrieben werden, und externen Einflussfaktoren, die familiärer, genderstereotypischer oder auch kultureller Art sein können. In den meisten Fällen handelt es sich um mangelndes Selbstvertrauen, dessen Ursprung schon in der Kindheit gelegt wurde. Bestimmte familiäre Konstellationen und typische Rollenzuschreibungen begünstigen die Ausprägung des Phänomens. Meist wurde in der Kindheit nicht genügend Selbstwert vermittelt. Stark leistungsorientierte Familien stehen dabei im Fokus. Wenn alles auf Leistung getrimmt ist, können Versagensängste die Folge sein. Auch die Leistungsansprüche der Gesellschaft fließen hier ein. Während der Kindheit kann sich allerdings auch das Gegenteil negativ auswirken. Kinder, die für alles gelobt werden, sind in der Folge keine, auch keine konstruktive Kritik gewöhnt. Auf diese Weise kann ebenfalls ein negativer Effekt auf die Ausbildung eines Selbstwertgefühls eintreten.

Ist das Hochstapler-Phänomen ein typisches Frauenproblem? Clance und Imes legten ihren Fokus auf erfolgreiche Frauen. Ursprünglich ging die Wissenschaft davon aus, dass eher Frauen betroffen seien. Aktuelle Forschung belegt allerdings, dass Männer und Frauen in etwa gleichermaßen darunter leiden. Es werden jedoch häufig unterschiedliche Strategien verfolgt. Frauen reagieren oft mit vermehrtem Einsatz im Berufsleben, Männer hingegen versuchen, eher auszuweichen und resignieren schneller. Grundsätzlich leiden die Betroffenen unter einer generell erhöhten Leistungserwartung der Gesellschaft.

Kurzer Selbsttest: Bin ich betroffen?

Könnte sein – falls Sie Folgendes nur zu gut kennen:

1. Perfektionismus: Ich möchte besonders im beruflichen Umfeld alles perfekt erledigen. Mein ­Umfeld ist der Meinung, dass ich eine Perfektionistin bin.

2. Angst vor Misserfolg: Fast ständig kreisen meine Gedanken um einen möglichen Misserfolg. Bestimmt erledige ich meine Auf­gaben nicht richtig, nicht gut genug, nicht schnell genug und so weiter. Viel Zeit verbringe ich mit diesen Ängsten und Zweifeln.

3. Selbstunterschätzung: Ich ­denke, dass ich den Anforderungen nicht gewachsen bin. Ich bin nicht intelligent genug. Andere sind besser als ich. Wenn es dennoch geklappt hat, war Glück im Spiel.

4. Fehlende Durchsetzungsfähigkeit: Um nichts falsch zu machen, halte ich mich mit meinen Ideen und Verbesserungsvorschlägen lieber zurück. Ich ­werde dementsprechend nicht richtig wahrgenommen – und durchsetzen kann ich mich auf diese Weise auch nicht.

Vielfältige Folgen

Über Versagensängste im Beruf wird ungern gesprochen. Auch in der Apotheke ist das nicht anders. Schließlich handelt es sich um ein unangenehmes Thema. Selten traut sich jemand, über seine Zweifel zu reden. Gewisse Selbstzweifel sind selbstverständlich normal. Sind sie jedoch ständig vorhanden und gewinnen sie Überhand, kann auch die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt werden. In diesen Extremfällen können sich aus dem Impostor-Phänomen Angstzustände und depressive Verstimmungen ent­wickeln. Gesteigerter Perfektionismus kann in einen Burn-out münden. Auch wenn die Diagnose „Burn-out“ umstritten ist, letztlich weisen die Symptome auf eine Erschöpfungs-Depression hin.

In der Apotheke kann das ständige Gefühl, den Anforderungen eigentlich nicht richtig gewachsen zu sein, dazu führen, dass beispielsweise die Kommunikation mit den Kunden leidet. Der in Wirklichkeit kompetente „Hochstapler“ tritt in solchen Momenten eventuell nicht souverän genug auf und setzt sein Wissen nicht zielführend ein. Er kann sein Potenzial letztlich nicht richtig ausschöpfen. Wer zudem aus Furcht mit guten Ideen hinter dem Berg hält, schadet nicht nur sich selbst, sondern im Zweifelsfall auch der Apotheke.

Bis zu einem bestimmten Punkt kann sich das Phänomen allerdings auch positiv auf das persönliche Standing in der Apotheke auswirken, denn ein „Tiefstapler von Berufs wegen“ gilt häufig als angenehmer Kollege. Er hält sich eher im Hintergrund, tritt bescheiden auf. Er ist keinesfalls ein Aufschneider. Ob das Hochstapler-Phänomen also eher eine Last oder eine Tugend ist, entscheidet die „richtige“ Dosis.

Problem als solches erkennen

Was kann gegen das Hochstapler-Phänomen getan werden? Es handelt sich um keinen unveränderlichen Wesenszug, so wie zunächst angenommen. Inzwischen zeigen Erfahrungen, dass es möglich ist, durch einen offenen Austausch und mithilfe bestimmter Strategien dagegen vorzugehen. Zunächst einmal ist es wichtig, das Problem als solches zu erkennen. Darüber hinaus sollten Betroffene offen ihre Selbstzweifel ansprechen und benennen. Es ist wichtig, hinder­liche Verhaltensweisen anzuerkennen. Außerdem ist es erleichternd festzustellen, dass es anderen Menschen ähnlich ergeht. Eine Strategie ist dementsprechend das offene Gespräch über eigene Fehler und Probleme. Dabei kristallisiert sich häufig heraus, ich bin nicht allein. Auch Kollegen, Vor­gesetzte und Freunde können betroffen sein.

Es ist empfehlenswert, ein Erfolgstagebuch zu führen. Da die Selbstwahrnehmung verzerrt ist und persönliche Erfolge nicht erkannt werden, kann eine Visualisierung hilfreich sein. Betroffene können auf diese Weise festhalten, was sie im Berufsleben zu leisten vermögen. Zur Erinnerung: Es handelt sich ja um erfolgreiche Menschen. Sie müssen es sich nur selbst vergegenwärtigen. Komplimente und Lob sollten angenommen, der Tiefstapelei ein Ende gesetzt werden.

Bewusstes Gegensteuern gegen eingeübte Reflexe auf der einen Seite und das Setzen realistischer Anforderungen an sich selbst auf der anderen Seite verhelfen zu einer besseren Balance und Aus­geglichenheit. Kommt es dennoch einmal zu Kritik oder zu Miss­erfolgen, sollten diese als Möglichkeit aufgefasst werden, sich weiterzuentwickeln.

Wer stark unter dem Impostor-Phänomen leidet, sollte sich zudem nicht scheuen, professionelle Hilfe anzunehmen. |

Inken Rutz, Apothekerin und freie Journalistin

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