Arzneimittel und Therapie

Das Fortschreiten verhindern

Welche Therapien den Krankheitsverlauf bei multipler Sklerose günstig beeinflussen

Krankheitsmodifizierende Thera­pien können das Fortschreiten der multiplen Sklerose verlangsamen. So scheint das Progressionsrisiko unter Fingolimod, Natalizumab und Alemtuzumab geringer als unter Interferon β und Glatirameracetat. Auch Studienergebnisse zu einer Stammzelltherapie lassen hoffen.

Die multiple Sklerose (MS) zeichnet sich durch progressive Entzündungsreaktionen im zentralen Nervensystem aus. Anfangs tritt die Erkrankung meist schubartig in Form von motorischen Störungen auf. Mit der Zeit können die schubartigen remittierenden Beschwerden in einen fortschreitenden Verlauf übergehen (sekundär progrediente MS, kurz: SPMS). Der Gesundheitszustand der betroffenen Patienten verschlechtert sich dann auch zwischen den Schüben zunehmend. Um die Schubraten zu verringern, stehen MS-Patienten mit Wirkstoffen wie Interferon β, Glatirameracetat, Fingolimod, Natalizumab und Alemtuzumab mehrere Optionen einer krankheitsmodifizierenden Therapie (engl. DMT, disease modifying therapy) zur Verfügung. Inwiefern die jeweilige Therapie den Übergang der schubartig remittierenden zur sekundär progredienten Verlaufsform beeinflusst, wurde in einer Kohortenstudie ermittelt [1]. Dazu wurden die Daten von 1555 MS-Patienten ausgewertet. Im Vergleich zur Nichtbehandlung erwies sich eine krankheitsmodifizierende Therapie grundsätzlich als vorteilhaft. So wurde mit Interferon β und Glatirameracetat das relative Risiko, innerhalb von fünf Jahren eine SPMS zu entwickeln, um 29% (Hazard Ratio [HR] 0,71; 95%-Konfidenzintervall [KI] 0,61 bis 0,81) vermindert, das Immunmodulans Fingolimod bewirkte gar eine 63%ige Risikoreduktion (HR 0,37; 95%-KI 0,22 bis 0,62). Die monoklonalen Antikörper Natalizumab (39%; HR 0,61; 95%-KI 0,43 bis 0,86) und Alemtuzumab (48%; 0,52; 95%-KI 0,32 bis 0,85) schnitten ebenfalls gut ab. Mit der Therapie sollte möglichst frühzeitig begonnen werden: Ein Therapie­beginn innerhalb der ersten fünf Jahre nach Krankheitsausbruch war im Vergleich zu einem späteren Therapiebeginn mit einem geringeren Risiko für einen Übergang zur SPMS verbunden.

Foto: Jakub Jirsák – stock.adobe.com
Der Übergang von einem remittierend schubförmigen Verlauf zum fortschreitenden Verlauf lässt sich durch frühzeitigen Therapiebeginn verzögern.

Stammzellen als Hoffnungsträger

Einen deutlichen Therapieerfolg verspricht auch eine nicht myeloablative Stammzelltherapie. Dieser neue Therapieansatz wurde in einer offenen randomisierten Studie mit krankheitsmodifizierenden Therapien verglichen [2]. Untersucht wurden 110 Patienten mit schubartiger remittierender multipler Sklerose, die unter ihrer konventionellen Therapie im zurückliegenden Jahr zwei Rückfälle erlitten hatten und auf der Expanded Disability Status Scale (EDSS) einen Behinderungsschweregrad von 2 bis 6 (mit 10 als schlechtestem Grad) aufwiesen. Während die Hälfte der Studienteilnehmer mit einer wirksamen DMT behandelt wurde – wobei Alemtuzumab und Ocrelizumab ausgenommen waren –, erhielt die andere Hälfte eine autologe hämatopoetische Stammzelltherapie nach einer nicht myeloablativen Konditionierung mit Cyclophosphamid (200 mg/kg) und Antithymozytenglobulin (6 mg/kg). Daraufhin wurde der Krankheitsverlauf bis zu fünf Jahre lang weiter beobachtet. Dabei konnte bei 34 Patienten der DMT-Gruppe ein Fortschreiten der Erkrankung – definiert als Verschlechterung des EDSS-Scores – beobachtet werden, dagegen nur bei drei Patienten nach Stammzelltherapie. Überraschend war zudem, dass der Behinderungsschweregrad im Gegensatz zur DMT-Therapie (Anstieg von 3,31 auf 3,98) ein Jahr nach der Stammzelltherapie rückläufig war (Rückgang von 3,38 auf 2,36). Sollte sich dieses Ergebnis in Studien mit größeren Teilnehmerzahlen bestätigen, könnte MS-Patienten zukünftig eine vielversprechende nicht medikamentöse Therapieoption zur Verfügung stehen. |

Quelle

[1] Brown JWL et al. Association of Initial Disease-Modifying Therapy With Later Conversion to Secondary Progressive Multiple Sclerosis. JAMA 2019;321(2):175-187

[2] Burt RK et al. Effect of Nonmyeloablative Hematopoietic Stem Cell Transplantation vs Continued Disease-Modifying Therapy on Disease Progression in Patients With Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis A Randomized Clinical Trial JAMA 2019;321(2):165-174

Apotheker Dr. Simko Sama

Das könnte Sie auch interessieren

USA: Zulassung von Mavenclad bei Multipler Sklerose

Cladribin bei sekundär progredienter MS

Neue Perspektiven in der Pharmakotherapie der multiplen Sklerose

Gegenschub

PRAC schränkt MS-Arzneimittel Alemtuzumab ein

Mehr Sicherheit für Lemtrada

Monoklonaler CD52-Antikörper zugelassen

Alemtuzumab bei multipler Sklerose

Bei Multipler Sklerose steht die Abwehr der Immunsystemattacken im Fokus

Wenn es den Nerven an den Kragen geht

Niedrigere Krankheitsaktivität und Abbruchraten

Rituximab bei multipler Sklerose überlegen

Antikörper gegen Multiple Sklerose

Verschlechtert Alemtuzumab MS?

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.