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Mehr Lohn oder mehr Freizeit?

Neue Tarifmodelle in der Diskussion

Gewerkschaften hatten über längere Zeit hinweg vor allem Lohnzuwächse als Ziel. Neue Modelle setzen auf mehr Urlaub oder weniger Arbeitszeit als Alternative: eine Forderung, die auch bei Tarifverhandlungen im Apothekenbereich an Bedeutung gewinnt.

Erinnern Sie sich noch? Ab Ende der 1970er-Jahre forderten mehrere Gewerkschaften die 35-Stunden-Woche. Forscher am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans Böckler-Stiftung fanden heraus [1], dass sich bei der tariflich vereinbarten Wochenarbeitszeit über Jahre hinweg kaum etwas getan hat. Thorsten Schulten und seine Coautoren beobachten seit kurzer Zeit eine Trend­wende. Anders als in früheren Tarifrunden ging es nicht nur um höhere Gehälter, sondern auch um mehr Freizeit. Neue Tarif­modelle räumen Beschäftigten je nach Branche in gewissem Umfang Wahlmöglichkeiten ein.

Foto: mammamaart – istockphoto

Wegweisende Abschlüsse aus anderen Branchen

Einige Beispiele: Angestellte der Deutschen Bahn können wählen, ob sie lieber 2,6 Prozent mehr Lohn, eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um eine Stunde oder sechs Tage mehr Urlaub im Jahr hätten. Ähnliche Möglichkeiten bietet ein Tarifabschluss für Post-Angestellte. Sie bekommen 2019 entweder eine 3,0-prozentige Lohnerhöhung oder acht zusätzliche freie Tage im Jahr. Schulten zufolge haben sich bei der Deutschen Bahn 56 Prozent für zusätzlichen Urlaub, 42 Prozent für mehr Lohn und zwei Prozent für eine kürzere Wochenarbeitszeit entschieden. Mehr Freizeit sei eine attraktive Option für viele Arbeitnehmer.

Foto: Angela Pfeiffer/ADEXA
Tanja Kratt

Apotheken: Antwort auf den Fachkräftemangel

„Neue, moderne Arbeitszeitmodelle sind in Gesprächen mit dem Arbeit­geberverband Deutscher Apotheken (ADA) auch ein großes Thema“, sagt Tanja Kratt. Sie ist als Zweite Vorsitzende bei ADEXA für die Tarifpolitik zuständig. Bislang habe sich der ADA den Forderungen von ADEXA aber widersetzt, was Kratt erstaunt: „Im Apothekenbereich kommt es seit Jahren zur Arbeitsverdichtung. Viele Angestellte sind ausgelaugt.“

Auch die längere Lebensarbeitszeit, sprich die Rente mit 67, leiste ihren Beitrag. Nicht zuletzt seien immer wieder Klagen zu hören, dass sich der Fachkräftemangel verschärfe. Es gebe großen Handlungsbedarf. Kratt: „Bei unseren Verhandlungen zum Bundesrahmentarifvertrag fordern wir deshalb auch eine kürzere Wochen­arbeitszeit bzw. mehr Urlaubstage.“ Ziel sei, die Berufe attraktiver zu machen, sprich Arbeitsverhältnisse zu verbessern. |

Quelle

[1] Tarifpolitik: Zeit ist das neue Geld. Böckler Impuls 2019, Nr. 2, S. 6, www.boeckler.de/Boeckler_Impuls_2019_02_6.pdf

Michael van den Heuvel

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