Arzneimittel und Therapie

Umstrittenes Flurbiprofen

In Kombination mit Antikoagulanzien und NSAR besteht erhöhte Blutungsgefahr

cel/cst | Nicht zum ersten Mal wird Flurbiprofen mit Skepsis betrachtet: Die AMK erinnerte im Mai 2018 an Hypersensitivitäts­reaktionen unter lokal anzuwendenden Halsschmerzpräparaten mit dem NSAR. Das „arznei-telegramm“ weist nun auf mögliche Wechsel­wirkungen Flurbiprofen-haltiger Rachentherapeutika mit Antikoagulanzien und Kombinationsarzneimitteln hin.

Im Rahmen der Selbstmedikation ist Flurbiprofen zur kurzzeitigen symptomatischen Behandlung bei schmerzhaften Entzündungen der Rachenschleimhaut ab einem Alter von zwölf Jahren in Form von Lutschtabletten (z. B. Dobendan® direkt, Flurbiangin®, Flurbiprofen AL) oder Halssprays (z. B. Dobendan® direkt Halsspray) erhältlich. Allerdings ist Flurbiprofen nicht unumstritten. Bereits im Mai 2018 erinnerte die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) an das Risiko für Hypersensitivitäts­reaktionen unter Flurbiprofen-haltigen Rachentherapeutika. Frankreich ging in diesem Sommer noch einen Schritt weiter: Lutschtabletten mit Flurbiprofen gibt es seither nur noch auf Rezept. Grund ist laut Recherche des „arznei-telegramms“, dass die französische Arzneimittelbehörde ANSM (Agence nationale de sécurité du médicament et des produits de santé) poten­zielle Wechselwirkungen des nicht­steroidalen Antirheumatikums (NSAR) mit Antikoagulanzien fürchtet. So erreich­ten die ANSM dem „arznei-­telegramm“ zufolge 49 Berichte über Neben­wirkungen, die in Verbindung mit den Lutschpastillen stehen, darunter fünf Blutungsereignisse. Diese seien hauptsächlich im Gastrointestinaltrakt und teilweise unter gleichzeitiger Einnahme oraler Antikoagulanzien wie Apixaban (Eliquis®) aufgetreten.

Die deutschen Fachinformationen weisen bereits auf diese Wechselwirkungen hin. So sollte die gleichzeitige Anwen­dung von zwei oder mehr NSAR aufgrund des erhöhten Risikos für Neben­wirkungen – vor allem für gastro­intestinale Ereignisse wie Geschwüre oder Blutungen – vermieden werden. Bei der gleichzeitigen Anwen­dung mit Antikoagulanzien ist Vorsicht geboten: Deren Wirkung kann durch NSAR verstärkt werden. In Kombi­nation mit Thrombozytenaggregationshemmern besteht ebenfalls ein erhöhtes Risiko für gastrointestinale Ulzerationen oder Blutungen.

Foto: Yuriy Shevtsov – stock.adobe.com

Die Autoren des „arznei-telegramms“ stören sich in den informierenden Texten zu Flurbiprofen jedoch an einem Nebensatz, den sie als „verharmlosend und desinformierend“ werten. Denn die unerwünschten Effekte seien „üblicherweise nicht in Zusammenhang mit der kurzzeitig begrenzten Anwendung von Arzneimitteln wie Dobendan® direkt nach­gewiesen“ worden. Dies wiege umso schwerer, als Patienten mit Halsschmerzen zusätzlich ebenfalls rezept­freie NSAR-haltige „Erkältungsdämpfer“ wie Aspirin® Complex (ASS plus Pseudoephedrin) oder Boxagrippal® (Ibuprofen plus Pseudoephedrin) einnehmen könnten. So lautet das Fazit im „arznei-telegramm“: „Angesichts weiterer unerwünschter Wirkungen einschließlich zum Teil schwerwiegend verlaufender Hypersensitivitätsreaktionen sowie häufiger Ulzerationen der Mundschleimhaut raten wir weiterhin nachdrücklich von der Verwendung flurbiprofenhaltiger Rachentherapeutika ab.“ Die Autoren des „arznei-telegramms“ empfehlen bei Halsschmerzen vorwiegend eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und das Lutschen nichtmedizinischer Bonbons. Bei starken Schmerzen könnten Patienten zur symptomatischen Linderung Lidocain-haltige Lutschtabletten anwenden.

Dieser Rat ist allerdings nicht konform mit den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM). Die DEGAM betrachtet lokal wirksame, synthetische Rachen­therapeutika in ihrer Halsschmerz-Leitlinie, die derzeit überarbeitet wird, kritisch: Eine Anwendung von Lutschtabletten, Gurgel­lösungen und Rachensprays mit Lokalantiseptika und/oder Lokalanästhetika oder Antibiotika wird nicht empfohlen. Auf lokale NSAR wie Flurbiprofen wird in der Leitlinie nicht eingegangen. Die Leitlinien-Experten bevorzugen bei Halsschmerzen die systemische Gabe von Ibuprofen oder Paracetamol. Allerdings muss bei systemischem Ibuprofen in jedem Fall auch an potenzielle Wechselwirkungen mit Antikoagulanzien, eine erhöhte Gefahr von Nebenwirkungen bei gleichzeitiger Einnahme mit bestimmten Erkältungskombinationen und die Gefahr von Magen-Darm-Ulzerationen gedacht werden. |

Literatur

Flurbiprofen-Lutschtabletten in Frankreich rezeptpflichtig. a-t 2019;50:114-115; www.arznei-telegramm.de

Halsschmerzen DEGAM-Leitlinie Nr. 14. Stand Oktober 2009 (in Überarbeitung). AWMF-Register-Nr. 053-010. www.degam.de

19/18 Informationen der Institutionen und Behörden: AMK: Flurbiprofen-haltige Rachentherapeutika – Risiko für Hypersensitivitätsreaktionen beachten. Meldung der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) vom 8. Mai 2018; www.abda.de

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