Die Seite 3

Menschlich, aber nicht von gestern

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Dr. Thomas Müller-Bohn, Redakteur der DAZ

Apotheken waren und sind in ihren ­internen Abläufen häufig Vorreiter bei neuen Technologien. Sie nutzen elektronische Bestellungen, Echtzeitabfragen beim Großhandel, Kommissionierer, Datenbanken und technisch bestens ausgestattete Rechenzentren. Nach außen wirkt ihre Arbeitsweise dagegen meist traditionell. Sie pflegen den direkten Kontakt zu den Menschen. Denn das ist trotz aller modernen Möglichkeiten weiterhin die wirksamste Kommunikation, mit der sich komplexe Inhalte vermitteln und Missverständnisse ausräumen lassen. In einer zunehmend technisierten Welt gehören Apotheken damit zu den letzten Inseln empathischer Kommunikation und es bleibt zu hoffen, dass das E-Rezept den guten Draht zu den Menschen nicht abschneiden wird.

Wenn der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich dann aber meint, Apotheker würden im Regelfall „im Gestern leben“ (wie beim Eppendorfer Dialog, siehe Seite 64), ist zu fragen, wie sich Politiker künftige Apotheken vorstellen. Als neue Ansätze nannte Hennrich Spezialisierungen, die Prävention – besonders das Impfen – und vielleicht sogar Cannabis. Offenbar will die Politik die Apotheken gerne als Kümmerer für ungeliebte Aufgaben nutzen. Im Ausland haben die Apotheken gezeigt, dass sie die Impfquoten erhöhen können. Doch was sie in ihrem ureigenen Gebiet der Arzneimittelversorgung leisten können und was mit neuen, im engeren Sinn pharmazeutischen Leistungen gemeint ist, scheint wohl in der Politik noch immer nicht angekommen zu sein.

Zu fragen ist auch, ob der unmittelbare Kontakt zu den Menschen bei der ­„normalen“ Versorgung politisch wertgeschätzt wird. Leider gehen auch die ABDA-Offiziellen bei ihrem Werben für neue Leistungen oft darüber hinweg, welche Mühe in der angeblich banalen „Distribution“ liegt. Verwechselte oder fehlerhafte Rezepte, Doppelmedikationen und falsche Handhabungen werden erst im Gespräch deutlich. ­Gewollte Therapieumstellungen und Rabattverträge können persönlich am besten erklärt werden. Manche Liefermodalitäten für den Botendienst lassen sich digital nicht abbilden. Dafür werden auch künftig Menschen vor Ort ­gebraucht und auch das E-Rezept wird sicher nicht die universelle Antwort für alle diese Herausforderungen sein.

Beim Eppendorfer Dialog war es dann allerdings DocMorris-Vorstand Max Müller, der die Vorteile der „sprechenden Pharmazie“ würdigte. Er nahm für sein Unternehmen in Anspruch, Verordnungen gezielt auch mit Algorithmen zu prüfen und daraufhin Ärzte und Patienten auf mögliche Probleme anzusprechen. Damit stellte er den Versand im besten Licht dar, als sei dies das Vorbild für die Apotheke von morgen. Systemimmanente Lücken des Versandes wurden dabei nicht thematisiert. Doch was ist mit Notdienst, Akutversorgung und Problemen, die erst im Gespräch deutlich werden? Auch Patienten, die selbst ein Problem vermuten oder kommunikative Schwierigkeiten haben, werden sich kaum an den Versand wenden. Wenn aber bevorzugt unproblematische Fälle in den Versand gehen, fehlen gerade diese in der Mischkalkulation, die die Vor-Ort-Apotheken brauchen.

Die entscheidenden Botschaften der Apotheker sollten daher sein: Erstens, die Vor-Ort-Apotheken können mehr als das leisten, was auch im Versand möglich ist, aber nicht umgekehrt. Und zweitens, die Vor-Ort-Apotheken sind offen für die Digitalisierung, aber nur soweit die Technik nicht zulasten der Menschlichkeit geht.

Thomas Müller-Bohn

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