Als Apotheker im Ausland

Neue Wege gegen Personalmangel

Wie die Apothekenkooperation Migasa bei der Personalsuche hilft

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Personalmangel gehört zu den Hauptsorgen von Apothekenleitern. Die Bundesagentur für Arbeit stuft den Apothekerberuf nach wie vor als Engpassberuf ein. Im Schnitt müssen Apothekenleiter derzeit 143 Tage lang warten, bis sie eine offene Stelle besetzen können. Die Apothekenkooperation Migasa bietet mit verschiedenen Projekten Perspektiven in diesem Bereich: Sie akquiriert Apothekerinnen und Apotheker im Ausland und vermittelt sie in deutsche Apotheken. Darüber hinaus bringt sie über ein innovatives Internetportal Berufsnachwuchs und suchende Apotheken zusammen.| Von Peter Ditzel 

Bereits 2015 beginnt die Migasa, junge Apothekerinnen und Apotheker in Spanien zu akquirieren. Der Mülheimer Apotheker Patrick Marx, der sich bei der Migasa federführend und ehrenamtlich für dieses Projekt einsetzt, reist persönlich nach Spanien und nimmt an den Vorstellungsgesprächen mit potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten teil, um sich selbst ein Bild von den jungen Pharmazeuten zu machen.

Das „spanische Projekt“

Im August 2015 ist es dann so weit: 14 junge Apothekerinnen und Apotheker kommen nach Deutschland. Von Migasa erhalten sie Betreuung, Hilfestellung und Unterstützung bei der Wohnungssuche, beim notwendigen Deutschkurs und der Fachsprachenprüfung. Im Januar/Februar 2016 absolvieren alle Kandidatinnen und Kandidaten erfolgreich die Fachsprachenprüfung, die für Pharmazeuten aus dem EU-Ausland Voraussetzung ist, um in deutschen Apotheken arbeiten zu können.

Aufgrund des guten Verlaufs dieses Projekts entschließt sich die Migasa-Zentrale, das Projekt in 2016 fortzusetzen. Wie schon beim ersten Projekt arbeitet die Migasa auch bei der zweiten Auflage mit der deutschen Handelskammer in Madrid zusammen. Dieses Mal wählt die Migasa-Delegation aus den 25 Bewerberinnen und Bewerbern elf aus, die dann von Oktober 2016 bis April 2017 in Madrid ihren Sprachkurs absolvieren, bevor sie nach Deutschland reisen.

Wie Marx erläutert, arbeiten die meisten der bisher in Spa­nien akquirierten Apothekerinnen und Apotheker nach wie vor in Migasa- oder anderen Apotheken Deutschlands: „Aus dem ersten Kurs sind immer noch etwa zehn in Deutschland, in Migasa-Apotheken arbeitet noch immer etwa die Hälfte – eine gute Quote, wie ich finde“, so Marx. Und er fügt hinzu: „Übrigens, eine spanische Apothekerin und ein spanischer Apotheker, die sich in dieser Gruppe kennengelernt haben – sie arbeitet in einer Apotheke in Mühlheim, er in einer Essener Apotheke –, haben sich über dieses Projekt kennengelernt, sie heiraten nun in Sevilla.“ Natürlich gibt es in jedem Kurs menschliche Schicksale und Entscheidungen, Freundschaften und Heimweh, so dass nicht alle in Deutschland oder in Migasa-Apotheken bleiben. Marx: „Anfangs gab es keine Verpflichtung für die angeworbenen Apothekerinnen und Apotheker, in Migasa-Apotheken zu bleiben. Daraus haben wir gelernt: Wer nun durch uns in eine deutsche Apotheke vermittelt wird, verpflichtet sich, mindestens ein Jahr zu bleiben.“ Verständlich, denn der Aufwand für die Apotheken und die Investition in die spanischen Mitarbeiter ist nicht zu unterschätzen, vom Zeitaufwand, aber auch finanziell. Migasa-Apotheker, die Apotheker aus der EU auf­nehmen, helfen den ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht nur dabei, sich im deutschen Apothekenwesen und dem deutschen Arzneimittelmarkt zurechtzufinden, sie kümmern sich anfangs auch darum, sich in den neuen Alltag einzufinden. Die Apotheke hilft beispielsweise dabei, eine geeignete Unterkunft zu finden. „Wir haben in der Regel die Erstausstattung des Kühlschranks bereitgestellt“, so Marx, „die Mitarbeiter bauen durch solche Zuwendungen eine engere Bindung zur Apotheke auf.“

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Deutschland als Zukunft – Weil in Spanien, Portugal oder Italien die Gehälter und Berufsaussichten für Apotheker sehr beschränkt sind, gibt es Interesse von Pharmazeutinnen und Pharmazeuten, nach Deutschland zu wechseln.


Letztlich ist aus diesen Aktivitäten eine Dynamik entstanden: „Die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Arbeitsagentur ist auf uns zugekommen“, erläutert es Marx, „wir hatten viele Kontakte und Gespräche, und mittlerweile arbeiten wir mit der ZAV zusammen: Diese Vermittlungsstelle ist sehr daran interessiert, Mitarbeiter im Ausland zu rekrutieren, im Bereich Pflege, aber auch für Apotheken. Aus diesen Aktivitäten sind darüber hinaus weitere Kon­takte in Richtung Italien und Portugal entstanden. Wir veranstalten in diesen Ländern zusammen mit der ZAV Infoveranstaltungen für die ausländischen Apothekerinnen und Apotheker, die sich dann in unser Programm einschreiben können. Dann suchen wir hier in Deutschland Apotheken, die Interesse haben, eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter einzustellen.“

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„Wir versuchen, ihnen zu vermitteln: Bei uns hast du Chancen, du wirst wertgeschätzt. Und ja, du musst einen harten Weg gehen.“

Apotheker Patrick Marx

Da in Ländern wie Spanien, Portugal und Italien die Gehälter und Berufsaussichten für Apotheker sehr beschränkt sind, gibt es Interesse von Pharmazeutinnen und Pharmazeuten, nach Deutschland zu wechseln: „Es gibt dort einen Arbeitgebermarkt: Keine Tarifverträge, die Gehälter liegen unter 2000 Euro für approbierte Apotheker“, erläutert Marx die Situation. Und er fügt hinzu: „Wir versuchen, ihnen zu vermitteln: Bei uns hast du Chancen, du wirst wertgeschätzt. Und ja, du musst einen harten Weg gehen, Sprachkurse und Zusatzausbildungen absolvieren, die ein Jahr dauern. Wir begleiten dich, es gibt ein Programm, das du durchlaufen musst, aber am Ende beginnst du mit einem Gehalt von 3500 Euro und hast viele Chancen bis hin zum Filialleiter.“

Nicht nur für Migasa-Apotheken

Wenn die Migasa ausländische Pharmazeuten nach Deutschland holt, fragt die Kooperation zunächst bei den Mitgliedsapotheken an, ob Bedarf besteht. Marx: „Wenn bei unseren Apotheken aktuell kein Interesse besteht, dann bieten wir die Apothekerin, den Apotheker auf dem gesamten Arbeitsmarkt in Deutschland an, z. B. auch bei befreundeten Kooperationen.“ Diese Kräfte sind allerdings noch nicht in der Apotheke einsatzbereit, sie haben Deutschkenntnisse auf dem Sprachniveau B2 und müssen noch das Fach­sprachen-Niveau C1 erlangen, was etwa noch vier bis fünf Monate dauert. Das Sprachniveau C1 ist die Voraussetzung, um hier in Deutschland in der Apotheke arbeiten zu können. Dann dauert es noch etwa zwei, drei Monate, in denen sich die Pharmazeuten einarbeiten und Erfahrungen im Apothekenbetrieb und im Kundengespräch sammeln, bis sie im HV einsatzbereit sind oder den ersten Nachtdienst machen können. Dies zeigt: Wenn man sich für eine Kraft aus Spanien, Portugal oder Italien interessiert, sollte man vorausschauend und weitsichtig planen. Kurzfristig mit diesen Mitarbeitern zu rechnen, ist nicht möglich.

Sucht eine Apotheke allerdings eine bereits eingearbeitete und einsatzbereite Kraft aus den EU-Ländern, so kann auch dazu eine Anfrage an die Migasa gerichtet werden. In diesem Fall erhebt die Kooperation für die Vermittlung ein Honorar von 5500 Euro – um die Kosten zu finanzieren, die für die Rekrutierung und die Sprachkurse für das B2-Niveau im Ausland angefallen sind.

Von den 71 bisher nach Deutschland vermittelten Apothekerinnen und Apothekern arbeiten derzeit etwa über 60 noch immer hier, allerdings nicht unbedingt in ihrer ersten Apotheke. Eine persönliche Lebensveränderung kann auch hier einen Ortswechsel in eine andere deutsche Stadt notwendig machen.

Zusammenarbeit auch mit Fachschaft …

Doch nicht nur durch Anwerben von ausländischen Apothekerinnen und Apothekern versucht die Apothekenkooperation Migasa, dem Personalmangel entgegenzuwirken. Mittlerweile hat sich bei dieser Apothekenkooperation eine Projektgruppe gebildet, die sich die Akquisition von Apo­thekenpersonal auf dem deutschen Arbeitsmarkt zum Ziel genommen hat. Im Projekt „Du hier?“ mit der Website www.arbeitsplatz-apotheke.de werden beispielsweise verschiedene Arbeitsplätze in der Apotheke beschrieben. Apothekerinnen und Apotheker können sich über dieses Portal bewerben und ihre Bewerbungsunterlagen hochladen, so dass sie den Apotheken zugänglich sind. Wer eine Stelle sucht, kann sich aber auch gezielt eine Migasa-Apotheke an einem bestimmten Standort aussuchen und sich über dieses Portal dort bewerben.

Die Migasa-Projektgruppe konzentriert sich nicht nur auf die Approbierten, sondern setzt schon auf einer früheren Stufe an: bei den Studierenden und PTA-Schülern. Die Kooperation steht daher in Kontakt zu den pharmazeutischen Instituten und den PTA-Schulen. Für eine Zusammenarbeit kann z. B. die Fachschaft des pharmazeutischen Instituts in Bonn gewonnen werden. Dies ermöglicht es der Migasa, beispielsweise beim „Fässchen“ aufzutreten – das ist ein zwangloses Treffen der Bonner Pharmaziestudierenden, bei dem sie sich austauschen. Acht Termine pro Semester stehen im Kalender. Die Migasa darf auf diesen Treffen exklusiv Vorträge halten, die gewünschten Themen kommen von der Fachschaft. Es sind in erster Linie Informationen zum Apothekenalltag. Die Apothekenkooperation unterstützte die Zusammenarbeit bereits durch eine Spende.

Darüber hinaus darf die Apothekenkooperation auch bei der in Bonn üblichen Kittelverbrennung am Ende des Studiums mit einem Stand vor Ort sein, der es der Migasa ermöglicht, die Studierenden persönlich anzusprechen, Kontakt aufzunehmen und sich vorzustellen. Ziel ist es, den Studierenden die Vorteile des Arbeitsplatzes Apotheke zu zeigen und sie bei der Jobsuche zu unterstützen.

Foto: Migasa

Regelmäßig ist die Migasa mit einem Stand bei der Kittelverbrennung in Bonn vor Ort.

… und PTA-Schulen

Die Migasa hat außerdem Kontakt zu PTA-Schulen, beispielsweise zur Völker-Schule in Osnabrück. „Es entsteht die Idee“, so erläutert es Migasa-Apotheker Stefan Leugermann, Lengerich, „sogenannte Speed-Dating-Treffen zu organisieren.“ Zwei Termine fanden bereits in der PTA-Schule statt. 20 Apothekerinnen und Apotheker der Migasa waren dabei. Angesprochen waren die PTA-Schülerinnen und -Schüler der Unterstufe. Sie bekamen eine Liste der teilnehmenden Apotheken und konnten sich daraus die Apotheken aussuchen, die von der Lage her für sie infrage kamen. Das Treffen läuft nach Art von Speed-Datings ab: An kleinen Tischen sitzen die Apothekerinnen und Apotheker, ihnen gegenüber die PTA-Schülerin bzw. der PTA-Schüler. Nach zehn Minuten ertönt ein Signal, das Gespräch wird beendet und die Schüler wechseln einen Tisch weiter zur nächsten Apothekerin bzw. Apotheker. Beide Seiten, Apotheker(in) und PTA-Schüler(in) haben für das Speed-Dating jeweils einen kurzen Steckbrief vorbereitet, der die wichtigsten Angaben zur Apotheke und den Arbeitsplatz bzw. eine Kurz­angabe der Bewerbungsdaten enthält. Der Steckbrief wird zu Beginn des Gesprächs ausgetauscht, er dient auch als Unterlage für Notizen, die man sich während des Gesprächs machen möchte. Mithilfe der Steckbriefe lassen sich dann zu Hause in Ruhe die Gesprächspartner in Erinnerung rufen, sie erleichtern die Entscheidungsfindung und Kontaktaufnahme. „Das Format des Speed-Dating funktionierte so gut, dass sich sogar noch am selben Tag unmittelbar nach dem Treffen Kontakte zwischen Apotheken und PTA-Schülern ergaben“, weiß Migasa-Apotheker Leugermann.

Foto: Migasa

Gegen Personalmangel: Mit der Aktion „Du hier?“ macht die Apothekenkooperation Migasa Werbung im Netz, bei Pharmaziestudierenden und in PTA-Schulen für den Arbeitsplatz Apotheke.

Wie der ebenfalls an diesem Projekt beteiligte Migasa-Apotheker Carl-Henrik Leue berichtet, haben sich aus dem Speed-Dating bereits einige Kontakte ergeben, er selbst konnte so bereits Mitarbeiterinnen gewinnen. Leue: „Das Schöne an diesen Terminen: Ich habe aufgrund der zahlreichen Gespräche eine Auswahl an Bewerberinnen, man kann Prioritäten setzen, wer am besten zur Apotheke und zum Team passt. Man kann natürlich skeptisch fragen, ob die zehn Minuten fürs Kennenlernen reichen. Aber, mal ehrlich, meistens entscheidet es sich schon nach wenigen Augenblicken, ob man zueinander passt.“ Für die Apotheke sei es vorteilhaft, eine Auswahl an Bewerberinnen kennenzulernen: „Durch das Speed-Dating auf uns aufmerksam machen zu können, ist wirklich Gold wert“, ergänzt Leue.

Erst vor Kurzem konnte auch die Bernd-Blindow-Schule in Bückeburg zur Teilnahme an diesem Projekt gewonnen werden. Apotheker Mark Bültmann, der sich als Migasa-Vertreter für diesen Kontakt einsetzte, erklärt dazu: „Von Seiten der Apotheken möchte man den Schülern das Signal geben, dass man sich um sie bemüht und ihnen Möglichkeiten für die nötigen Berufspraktika und den Weg in das Berufsleben anbietet.“

Foto: Migasa

„Es ist einzigartig unter den Kooperationen, einen Leistungsbaustein Personal zur Verfügung zu stellen.“

Migasa-Geschäftsführer Thomas Knoll

Allerdings funktioniere das Speed-Dating nicht an jeder Schule, wie Migasa-Mitarbeiterin Kristin Lepper einschränkt. Zum Teil scheitere diese Idee an einem zu kleinen Einzugsgebiet. Daher baut man die Idee der Profilkarten aus, mit denen sich Apotheken präsentieren: Diese Karten werden nicht nur für das Speed-Dating genutzt, sondern auch in den PTA-Schulen ans Schwarze Brett gehängt, so dass sich die Schülerinnen rasch einen Überblick verschaffen können. Lepper: „Über diese Steckbriefe hat die Apo­theke die Möglichkeit, sich übersichtlich und persönlich zu präsentieren.“

Durch Kontakt zu den pharmazeutischen Instituten und den PTA-Schulen sowie mit Infoständen vor Ort macht die Migasa auf ihre Internetseite „Du hier?“ aufmerksam. Über diese Plattform (www.arbeitsplatz-apotheke.de) können sich Apothekerinnen, Apotheker und PTA bei Apotheken bewerben und ihre Bewerbungsunterlagen hochladen.

Ein weiterer Baustein, mit denen Apotheken auf sich aufmerksam machen können: Die Apothekenkooperation lässt für ihre Mitgliedsapotheken Plakate zum Aushängen erstellen, die die Teilnahme an „Du hier?“ nach außen kommunizieren.

Migasa-Geschäftsführer Thomas Knoll freut sich über diese Aktivitäten. Er ist überzeugt: „Nach wie vor ist es einzig­artig unter den Kooperationen, einen Leistungsbaustein Personal in dieser Form zur Verfügung zu stellen.“ |

Autor

Peter Ditzel ist Herausgeber der DAZ – Deutsche Apotheker Zeitung

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