Arzneimittel und Therapie

Masern schwächen Immunsystem

Infektion bewirkt Immunsuppression und löscht Gedächtniszellen

Masern sind alles andere als harmlos, so sind teils schwere Krankheitsverläufe möglich. In zwei aktuell veröffentlichten Studien wird nun ein weiterer unerwünschter Effekt deutlich: Die Infektion kann die Immunabwehr beeinträchtigen und so andere Erkrankungen begünstigen – und dies auch noch Jahre später. Ein Grund mehr, die Impfung gegen Masern zu befürworten.

Die Tatsache, dass eine überstandene Masernerkrankung eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen nach sich zieht, ist bekannt. Nun kamen zwei internationale Arbeitsgruppen den zugrunde liegenden Ursachen auf die Spur. Dabei gingen sie von der Hypothese aus, dass eine Maserninfektion zu einer lang anhaltenden Immunsuppression führt. Diese Annahme wurde bereits in früheren Studien geäußert, es fehlte indes der immunologische Nachweis, wie diese Suppression zustande kommt.

Immunologische Amnesie

Eine internationale Arbeitsgruppe sequenzierte den naiven B-Zell-Pool und den Pool der Gedächtnis-B-Zellen von ungeimpften Kindern vor und 40 bis 50 Tage nach einer Maserninfektion. Dabei zeigten sich folgende Auffälligkeiten: Es fand nur eine unvollständige Reifung des naiven B-Zell-Pools statt, und es zeigte sich, dass spezifische Immungedächtniszellen, die vor der Maserninfektion bestanden, nach der Masernerkrankung nicht mehr nachweisbar waren. Die Maserninfektion hatte also zu einer immunologischen Amnesie geführt.

Foto: Seventyfour – stock.adobe.com

Ein gut gefüllter Abwehrpool – die Impfung gegen Masern schützt vor dem Verlust von Antikörpern, die bereits gegen andere pathogene Erreger erworben wurden.

„Reset“ in unreifen Status

Das Resetting des Immunsystems in einen unreifen Status mit einem nur begrenzten Repertoire an Antikörpern ähnelte bei einigen Kindern den Effekten, wie sie auch durch Immunsuppressiva ausgelöst werden. Die beobachtete Immun­amnesie wurde auch im Tierversuch bestätigt. Zuvor gegen Grippe geimpfte Frettchen wurden mit einem Masern-ähnlichen Virus (Morbilli-Virus) infiziert. Wurden sie nach der durchgemachten Masernerkrankung mit Grippeviren infiziert, so erkrankten sie häufiger und schwerer als ungeimpfte Frettchen – das Immun­gedächtnis war also durch die Masern­infektion gelöscht worden.

Geringere Antikörpervielfalt

In der zweiten Studie wurde der Antikörperpool von 77 nicht gegen Masern geimpften Kindern vor und nach einer Maserninfektion quantitativ erfasst und mithilfe eines Immunoassays analysiert. Dabei zeigte sich, dass 11 bis 73% des Antikörperrepertoires durch die Infektion eliminiert wurden. Diese Antikörperdepletion wurde bei Kindern, die gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) geimpft waren, nicht beobachtet. Ein Wiederaufbau des Antikörperpools bei den ungeimpften Kindern fand erst wieder nach erneutem Kontakt mit Pathogenen statt. Und wieder der Beweis im Tierversuch: Eine ähnlich starke Abnahme von Antikörpern wurde bei Makaken (Meerkatzen) beobachtet, ­deren Antikörpervielfalt ebenfalls nach einer ­Maserninfektion drastisch abnahm.

Fazit: Die Masernimpfung hat einen doppelten Nutzen. Sie macht immun gegen Masern und schützt vor weiteren infektiösen Erkrankungen, gegen die der Körper bereits vor der Maserninfektion Antikörper gebildet hatte. |

Literatur

Petrova V et al. Incomplete genetic reconstitution of B cell pools contributes to prolonged immunosuppression after measles. Sci Immunol 2019;4(41); doi:10.1126/sciimmunol.aay6125

Mina M et al. Measles virus infection diminishes preexisting antibodies that offer protection from other pathogens. Science 2019;366(6465):599-606

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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