30 Jahre Mauerfall

Pharmazeutisch zusammen(ge)wachsen

Die Wiedervereinigung – eine Herausforderung für den Berufsstand und das Apothekenwesen

eda | Die Adler-Apotheke Stadtfeld in Magdeburg wird seit mehr als 30 Jahren von Gert Fiedler geleitet. Wie viele der Kollegen seiner Generation verbindet er mit dem Mauerfall und der folgenden Wiedervereinigung ganz persönliche Eindrücke und Erinnerungen. Am 1. Oktober 1990 war Fiedler einer von nur drei Apothekern in Sachsen-Anhalt, die als Erster seine Apotheke privatisierte.
Foto: Adler-Apotheke Stadtfeld in Magdeburg

Die Adler-Apotheke Stadtfeld in Magdeburg war eine der ersten Betriebsstätten, die nach der Wiedervereinigung privatisiert wurde.

Es folgte der Aufbau des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt und die langjährige, intensive standespolitische Arbeit bis heute. Keine Frage – das Dauerthema zu DDR-Zeiten waren Lieferengpässe, natürlich auch im Arzneimittelbereich. Doch der gravierende Unterschied: Neben der zeit­nahen und effektiven Kommunikation von Problemen zwischen Apothekern und Ärzten, wurden die Apotheken tatsächlich in die Lage versetzt, für Ersatz zu sorgen.

Ein Umstand, den Fiedler heute vermisst. Eine weitere „Dauerstory“ ist das elektronische Rezept, mit dem sich Fiedler und seine Kollegen – mit Unterbrechungen – seit Mitte der 1990er-Jahre beschäftigen. Im Interview blicken wir mit ihm zurück und wagen einen Vergleich zwischen Ost- und West-Pharmazie und den unterschiedlichen Apothekensystemen.

 

DAZ: Herr Fiedler, früher war nicht unbedingt alles besser, aber vieles auch nicht schlecht. Mit Blick auf die Pharmazie in der DDR und das damalige Apothekenwesen: Gibt es etwas, was Sie sich heute wünschen würden aus vergangenen Tagen?

Fiedler: Am 9. November 1989 war noch nicht absehbar, mit welcher Rasanz der Wiedervereinigungsprozess voranschreiten würde. Allerdings war schnell klar, dass die überwiegend staatlichen Apotheken so nicht weiter existieren würden. Was würde aus ­unseren Berufsabschlüssen werden? Diplom-Pharmazeuten und Pharmazie-Ingenieure gab es im Westen (noch) nicht. Die Regelstudienzeit Pharmazie betrug in der DDR zehn Semester und schloss die Anfertigung einer Diplomarbeit ein. Aber: Diese sehr gute pharmazeutische Ausbildung mit höher zu bewertenden Abschlüssen als im alten Bundesgebiet, so kann ich heute einschätzen, bildete die Grundlage dafür, völlig problemlos und hochkompetent die Arzneimittelversorgung in der Wendezeit und danach zu realisieren. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, diese umfangreichere pharmazeutische Ausbildung in der gesamten Bundesrepublik als Standard zu etablieren?

 

DAZ: Und – gibt es etwas, was Sie konkret in der Apotheke vermissen?

Fiedler: In den DDR-Apotheken wurde weit überwiegend pharmazeutisch gearbeitet. „Überbürokratie“, mit der wir heute in unerträglicher Weise konfrontiert sind, gab es nicht. Das Verhältnis von Arzt und Apotheker war sehr eng und gleichberechtigt. Die Kommunikation untereinander, in der vordigitalen Zeit, empfand ich im Vergleich zu heute als wesentlich effek­tiver und verlässlicher. Die intensive Zusammenarbeit zwischen den Heilberufen war ein Garant dafür, die anfällige Versorgungslage im Arzneimittelbereich teilweise auszugleichen.
 

„Damals hat man einen versorgungsrelevanten Fehler immerhin schnell korrigiert.“

Gert Fiedler

Zum Beispiel wurden die Ärzte regelmäßig und zeitnah über die aktuelle Versorgungssituation informiert und mit Vorschlägen zur Substitution nicht verfügbarer gegen verfügbare Arzneimittel ausgestattet. Das änderte zwar die Liefersituation nicht. Aber es war den Ärzten kurzfristig möglich, die Arzneitherapie an die Gegebenheiten anzupassen. Ich meine, wir vergeuden heute eine Menge pharmazeutische Arbeitszeit für uneffektive Prozesse: zu viel Bürokratie, zu häufig Korrektur von Fehlern, die nicht wir verursacht haben, für die Kommunikation in Richtung Arztpraxen und Krankenhäuser gibt es erheblichen Verbesserungsbedarf.

Kommt die DDR zurück? „Mehr Übersichtlichkeit im Arzneimittelmarkt“ versprach Gesundheitsministerin A. Fischer 1999.


DAZ: Wie bewerten Sie die Situation heute? Mit Blick auf die Lieferengpässe sprechen viele von „DDR-Verhältnissen“. Halten Sie das für angemessen oder ist die Situation anders zu bewerten?

Fiedler: Im Ergebnis halte ich es für zutreffend, dass die Ursachen für Lieferengpässe bei Arzneimitteln damals wie heute relativ identisch sind: Konzentration der Arzneimittelproduktion an wenigen Standorten mit hohem Ausfallrisiko. Forciert durch die jeweiligen Rahmenbedingungen – damals wie heute. Im Unterschied zu jetzt wurde allerdings zu DDR-Zeiten aktiv gegengesteuert. Neben der zeitnahen Kommunikation von Problemen zwischen Apotheker und Arzt, wurden beispielsweise die Apotheken in die Lage versetzt, für Ersatz zu sorgen. Soweit mit entsprechenden Wirkstoffen und Herstellungsvorschriften möglich, fand in den Apotheken eine Ersatzproduktion von Arzneimitteln statt, bis hin zu einer subindustriellen Ersatzproduktion in Herstellungs­abteilungen der Pharmazeutischen Zentren. Und was passiert heute? Krankenkassen und Hersteller schließen regelmäßig Rabattverträge ab bzw. halten an diesen fest, obwohl die Liefersituation nicht zuverlässig gegeben ist. Die GKV gaukelt eine Erfüllungspflicht uns gegenüber vor, die aber immer häufiger materiell nicht untersetzt ist. Wir sind bürokratischem Aufwand und einem Ausfallrisiko ausgesetzt, auch wenn Hersteller beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) den Lieferengpass öffentlich machen. Mit Stand 1. November 2019 waren beim BfArM – von Herstellern freiwillig – 271 Lieferengpässe gemeldet, darunter zahlreiche Rabattarzneimittel! Statt das Problem fehlender Arzneimittel aktiv anzugehen, wird dies seit Jahren vonseiten der Politik und der GKV kleingeredet, so mein Eindruck. Obwohl, so ganz stimmt dies nicht. Die Abschaffung der Ausschreibungen bei Impfstoffen hatte ganz bestimmt etwas mit der stetig schlechter werdenden Versorgungsituation in diesem Zusammenhang zu tun. Bitte nicht falsch verstehen. Ich habe nichts gegen Rabattverträge bei Arzneimitteln. Aber wenn diese zum Selbstzweck beziehungsweise zum Dogma werden und sich isoliert von jeder Realität verselbstständigen, dann gehören sie abgeschafft. Nach meiner Meinung trifft dies auch auf die „Importförderklausel“ zu. Der Arzneimittel-Rest-Markt Europas kann weder quantitativ noch qualitativ eine stabile Versorgung sichern. Dass dieser Markt weiterhin verbindlich und relevant im Rahmen der Versorgung von GKV-Versicherten von uns zu bedienen ist, halte ich für grundlegend falsch. Insgesamt bewerte ich die Verhältnisse beim Thema Arzneimittellieferengpässe heute negativer als zu DDR Zeiten.

Foto: Katrin Pohl

Gert Fiedler hat im Ost- und West-Apothekensystem gearbeitet und zieht das Fazit: „In den DDR-Apotheken wurde überwiegend pharmazeutisch gearbeitet. ‚Überbürokratie‘, mit der wir heute konfrontiert sind, gab es nicht.“


DAZ: Was war seit der Wende dagegen Neuland für die Kollegen aus der ehemaligen DDR?

Fiedler: Computer in der Apotheke, die Dominanz kaufmännischer Prozesse, das Arbeitsrecht, das Finanzamt, die Aufnahme hoher Kredite, die vielen Krankenkassen, die Willkür der Politik, um spontan nur einiges an Neuland für uns zu nennen: Erinnern Sie sich noch? Kurz vor Weihnachten 1990 wurde in den neuen Bundesländern ein ab 1. Januar 1991 gültiger Preisabschlag für Arzneimittel, in Höhe von 55 Prozent, in Kraft gesetzt. Die Folgen waren für uns sehr unerwartet: schon wieder kurz nach der Wende Lieferengpässe (es gab eine ganze Reihe namhafter Hersteller, die Arzneimittellieferungen in den Osten der Republik boykottiert haben). Diese allerdings sehr schnell eintretend und so gravierend, dass die Regelung schon zum April 1991 korrigiert werden musste. Damals hat man, im Gegensatz zu heute, einen versorgungsrelevanten Fehler immerhin schnell korrigiert.

Lieferengpässe aufgrund fehlender Beipackzettel war für DAZ-Cartoonistin Barbara Anfang 2014 ein Thema.

DAZ: Sie haben damals aktiv daran mitgearbeitet, in Ihrem jungen Bundesland standespolitische Strukturen zu etablieren, die aus dem Westen übernommen wurden. Hat sich das System der Kammern und Verbände Ihrer Meinung nach bewährt?

Fiedler: Die öffentliche Verwaltung, das System der gesetzlichen Krankenversicherung und auch die Struktur und Organisation des Apothekenwesens wurden in Sachsen-Anhalt nach 1990 ganz wesentlich mit niedersächsischer Unterstützung aufgebaut. Anfängliche Versuche eigene Wege zu gehen, wie zum Beispiel die Etablierung einer Apotheken-GmbH als Rechtsnachfolger eines sehr gut organisierten Pharmazeutischen Zen­trums in Magdeburg, wurden relativ schnell nicht weiter verfolgt. Insofern war es logisch, die funktionierenden Strukturen aus dem Westen auch in Sachsen-Anhalt zu organisieren. Priorität hatte, rund um die Privatisierung der Apotheken durch die Treuhand, für Rahmenbedingungen zu sorgen, die die wirtschaftliche Existenz der privatisierten Apotheken absicherte. In diesem Gesamtzusammenhang hat sich der Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt gegründet, dessen Vorstand ich von Beginn an (mit kurzer Unterbrechung) angehöre. Und ja, ich halte das System der Kammern und Verbände für sinnvoll. Ich halte es für extrem wichtig, dass sich Kammern und Verbände im Rahmen der ABDA bundesweit organisiert haben. Bitte nicht vergessen: wir sind eine relativ kleine Berufsgruppe.

„Insgesamt bewerte ich die Verhältnisse beim Thema Arzneimittellieferengpässe heute negativer als zu DDR-Zeiten.“

Gert Fiedler

DAZ: Mit welchen Apothekenthemen haben Sie sich nach der Wiedervereinigung intensiv auseinandergesetzt?

Fiedler: Der Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt ist ein kleiner Verband. Was uns ausmacht ist, möglichst vorausschauend zu agieren und realistische, pragmatische und machbare Schritte zu gehen. Zwei Beispiele dafür. Ende 1996 erschien in der Ärztezeitung ein Bericht darüber, dass Anfang 1997 ein Modellversuch zum elektronischen Rezept in Sachsen-Anhalt startet. Basis für dieses Projekt war, neben der für die damalige Zeit sehr modernen, technischen Ausstattung in Arztpraxen und Apotheken in Sachsen-Anhalt, die Überzeugung vom Nutzen des Projektes für die Patienten. Die gleichberechtigt mitwirkende Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt sah das genauso. Technisch war alles vorbereitet, wir hätten das elektronische Rezept schon lange haben können … Dass wir es nicht haben, liegt nicht daran, dass wir es damals nicht hinbekommen hätten … Beispiel zwei: In der Mitte der 2000er-Jahre haben wir uns intensiv dem Thema „Pharmazeutische Dienstleistungen“ gewidmet. Wir haben zusammengetragen, welche dieser Leistungen sich in den Apotheken etabliert haben. Es wurden die Evidenz hinterfragt und Leistungsbeschreibungen erarbeitet. Diese auch unter Berücksichtigung des zu erwartenden Zeitaufwandes und des notwendigen Personals als wirtschaftliche Kalkula­tionsgrundlage für die Apotheken. Aus dem Projekt auf Landesebene ist der LeiKa, Leistungskatalog der Beratungs- und Serviceangebote in Apotheken, auf Bundesebene hervorgegangen. Beide Projekte sind derzeit aktueller denn je, allerdings sehr viel später, als wir es erwartet haben.

 

DAZ: Herr Fiedler, vielen Dank für das Gespräch. |

 

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