Aus den Ländern

Freiberuflichkeit statt Kapitaleinfluss

Interessengemeinschaft der Heilberufe

KIEL (tmb) | Nur in Schleswig-Holstein gibt es eine gemeinsame Organisation der akademischen Heilberufe. Die dortige Interessengemeinschaft der Heilberufe (IDH) veranstaltete am 30. Oktober in Kiel einen Thementag zum Schutz der Freiberuflichkeit vor Kapitaleinfluss. Dabei forderte die IDH von der Politik, die freien Heilberufler zu stärken, da sie ein essenzieller Teil des solidarischen Gesundheitssystems Deutschlands seien.

Dr. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und turnusmäßiger IDH-Vorsitzender, beschrieb die Freiberuflichkeit und die Selbstverwaltung der Heilberufe als Grundlagen des deutschen Gesundheitssystems. Damit stehe das Patientenwohl an oberster Stelle. Doch die Kommerzialisierung durch berufsfremde Kapitalgeber führe zu Zerrissenheit zwischen dem Berufsethos und betriebswirtschaft­lichem Erfolg.

Foto: DAZ/tmb

Die Vertreter der Heilberufeorganisationen in Schleswig-Holstein beim IDH-Thementag (v. l.): Dr. Henrik Herrmann (Präsident Ärztekammer), Dr. Michael Brandt (Präsident Zahnärztekammer), Dr. Peter Froese (Vorsitzender Apothekerverband), Dr. Angelika Nierobisch (Vizepräsidentin Psychotherapeutenkammer), Dr. Kai Christiansen (Präsident Apothekerkammer), Dr. Evelin Stampa (Präsidentin Tierärztekammer), Dr. Michael Diercks (Vorstandsvorsitzender Kassenzahnärztliche Vereinigung), Dr. Monika Schliffke (Vorstandsvorsitzende Kassenärztliche Vereinigung)

Gewinnstreben begrenzen

Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth, konstatierte einen „Angriff des Kapitalmarktes auf die Freiberuflichkeit“. Der Kapitalmarkt sei wichtig, um finanzielle Mittel für Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Die Investoren seien naturgemäß primär an der Rendite interessiert, während aus einer typisch unternehmerischen Sicht vorrangig Kunden, Mitarbeiter sowie Forschung und Entwicklung betrachtet würden. Die Freiberuflichkeit beschrieb Nagel als weisungsunabhängige, freie und künstlerische Arbeit. Diese Stellung der freien Berufe ergebe sich aus dem Grundgesetz. Wenn sie angegriffen werde, sei das auch eine „Verfassungskrise“. Für die Heilberufe komme hinzu, dass Patienten nicht souverän wie Kunden, sondern den Rahmenbedingungen ausgeliefert seien.

Foto: DAZ/tmb

Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel: Gesundheitsdienstleistungen nicht rationieren.

Während früher im Gesundheitswesen alle Kosten getragen wurden, sei in den zurückliegenden 25 Jahren viel rationalisiert worden, berichtete Nagel. Dies sei sinnvoll und wichtig gegen Verschwendung angesichts begrenzter Ressourcen. Doch es dürfe nicht zur Rationierung von Gesundheitsleistungen kommen und die freie Wahl der Patienten unter den Leistungserbringern müsse erhalten bleiben. Nagel erklärte, es sollte möglich sein, mit der Krankheit anderer Geld zu verdienen, um einen Anreiz für diese Arbeit zu geben. Doch sollten die Gewinnerwartungen im Gesundheitswesen begrenzt sein, weil die Gewinne von der Solidargemeinschaft finanziert werden. Auch die Investoren müssten diese Sozialpflichtigkeit anerkennen, forderte Nagel.

Rosinenpicken befürchtet

Die Vertreter der Heilberufe beschrieben anschließend ihre Erfahrungen mit berufsfremden Investoren. Zahnärzte berichteten über Medizinische Versorgungszentren, die besonders in Ballungsräumen aktiv seien. Die zahnärztliche Tätigkeit sei für Investoren attraktiv, weil es dort vielfältige Versorgungsformen gibt, die auch auf Ästhetik und Komfort zielen. Tierärztliche Praxen und Kliniken in Deutschland werden mittlerweile von skandinavischen Ketten aufgekauft. Dr. Evelin Stampa, Präsidentin der Tierärztekammer Schleswig-Holstein, befürchtet daraufhin steigende Behandlungskosten für die Tierhalter. In der Diskussion wurden Befürchtungen geäußert, dass Medizinische Versorgungszentren in den Händen berufsfremder Investoren an besonderen Standorten lukrative Leistungen anbieten, während die flächendeckende Versorgung leidet. Auch Vertreter von Krankenkassen lobten die Weisungsunabhängigkeit der Heilberufler und warnten vor der „Rosinenpickerei“ der Kapitalgesellschaften. Die FDP-Bundestagsabgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus beschrieb dies am Beispiel zahn­ärztlicher Versorgungszentren. Die schwankende Haltung der FDP zum Fremdbesitzverbot bei Apotheken wurde jedoch nicht angesprochen.

Europäische Dimension

Erst am Ende der Diskussion verwies Dr. Peter Froese, Vorsitzender des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein, auf die europäische Dimension des Wettbewerbs. Ausländische Kapitalgeber würden das Thema offensiv in die Politik tragen. Außerdem werde die digitale Disruption „geradezu zur Religion erklärt“. Darum solle die Politik „nicht hin- und hereiern“, vielmehr sollten sich die Politiker im Interesse der Patienten klar zu den Heilberuflern bekennen und nicht mit einem kapitalgetriebenen System liebäugeln, forderte Froese. |

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