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30 Jahre Mauerfall

Den Mangel verwalten

Wie Arzneimittel-Lieferengpässe in der DDR überbrückt wurden

Lieferschwierigkeiten gehören 2019 zu den größten Ärgernissen im Arzneimittelbereich. Auch die Publikumsmedien haben dieses Thema für sich entdeckt. Häufig wird in deren Berichterstattung der ­Vergleich mit den Verhältnissen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gezogen, wo Mangelwirtschaft auf der Tagesordnung stand. Zeitzeugen berichten jedoch: Die Versorgung war damals nicht gefährdet, denn Not macht bekanntlich erfinderisch. | Von Rika Rausch

Lamotrigin, Fluvastatin und die ganze Bandbreite der Sartane bereiten Apothekern der Gegenwart schon seit Langem Kopfzerbrechen. Bei Venlafaxin ist die Lage geradezu prekär. Nun kommen noch Probleme mit Metformin hinzu. Kaum ein Arbeitstag vergeht, an dem keine neuen Defekte hinzukommen.

Den Gipfel bilden Lieferschwierigkeiten bei Blockbustern wie Ibuprofen – so gut wie alle Hersteller sind betroffen, auch deren OTC-Sparte. In einem Beitrag des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) Anfang Mai 2019 wird der Apotheker Gert Fiedler zitiert, der seit drei Jahren im Vorstand des Apothekerverbandes Sachsen-Anhalt ist: „Was ich gerade sehe, ist etwas, was ich zu DDR-Zeiten ganz genau so erlebt habe. Lieferengpässe.“ Zurückzuführen sei dies auf die Konzentration von Produktion, damals auf Ungarn und Tschechien, heute auf Indien und China. „Und wenn da ein Hersteller ausfällt, dann haben wir nix.“

Also alles wie früher – oder wie war es damals eigentlich?

Pro Wirkstoff nur ein Präparat

Zu Zeiten der DDR war der Großteil der Apotheken und Arzt­praxen verstaatlicht. Nur vereinzelt gab es privat geführte Apotheken. In den 70er-Jahren wurden Versorgungsbetriebe für Pharmazie und Medizintechnik gegründet, die 1984 in Pharmazeutische Zentren umbenannt wurden und jeweils für ein bis zwei Kreise zuständig waren. Hier kümmerten sich Abteilungen wie Ökonomie, Personal, Pharmazie, Herstellung und Labordiagnostik/Analytik um die Belange der Kreisapotheken.

Das Sortiment an DDR-Arzneimitteln war übersichtlich. Es gab etwa 2500 Medikamente, pro Wirkstoff nur ein Prä­parat, meist ohne Umkarton und ohne Packungsbeilage. Die wichtigsten Hinweise wie Inhalt, Anwendung, Dosierung und Haltbarkeit waren auf die Packung aufgedruckt, ebenso der Preis, der über all die Jahre konstant blieb. Zumindest in den staatlichen Apotheken gab es weder Drogerieartikel noch Kosmetik. Auch Wechselwirkungen waren noch kein Thema – zum einen, weil darüber kaum etwas bekannt war, zum anderen, weil nur wenige Wirkstoffe in Gebrauch waren. Die Arzneimittel stammten aus vier Quellen: Entweder sie wurden in der DDR hergestellt, aus den „sozialistischen Bruderländern“ eingeführt, auf Einzelantrag aus kapitalistischen Ländern importiert (Nomen­klatur C) oder als Defektur hergestellt.

Neue Ware höchstens einmal pro Woche

Im Brandenburgischen Apothekenmuseum in Cottbus können die Besucher eine DDR-Offizin um 1965 betreten (Abb. 1), in der der Geruch aus einer Mischung von B-Vitaminen und nicht dicht schließenden Flaschen in der Luft hängt. Die Leiterin des Museums Annette Schiffner (Abb. 2) erinnert sich: „Eine DDR-Apotheke war immer voll. Vor dem Öffnen um 8 Uhr hatte sich bereits eine Schlange gebildet, die den ganzen Vormittag nicht abriss. Nach einer Mittagspause ging es weiter bis 18 Uhr.“ Auch ihre Profession als Pharmazieingenieurin gehört seit der Wiedervereinigung zur Museums­geschichte. In weniger als 20 Jahren werden die Letzten ihrer Berufsgruppe in Rente gehen. Auf die Frage, wie es war, zu Zeiten der sozialistischen Planwirtschaft zu arbeiten, antwortet Schiffner: „Wir hatten keine schlechte Versorgung. Natürlich fehlte es manchmal an einigen Dingen, aber wir hatten auch nicht so einen Überfluss an Medikamenten wie heute.“ Neue Ware erhielten die Apotheken nur einmal pro Woche oder alle zwei Wochen durch das nächstgelegene Versorgungsdepot. Die Bestellung wurde akribisch geplant. Erkältungsmittel wurden schon im Sommer geliefert, um vor­bereitet zu sein. Viele Hände waren nötig, bis die Ware in den Lagerräumen verstaut war. Hatte das Versorgungsdepot ein Arzneimittel nicht vorrätig, fehlte es allein schon wegen der großen Lieferabstände über einen längeren Zeitraum in der Apotheke.

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Abb. 1: DDR-Offizin um 1965

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Abb. 2: Museumsleiterin Annette Schiffner: „Man weiß nicht, wie sich alles weiterentwickelt hätte, wenn die Wende nicht gekommen wäre.“

Fehlende Positionen auf separatem Rezept

Auf dem HV-Tisch der DDR-Offizin in Cottbus liegt noch eines der letzten Originalrezepte aus jener Zeit (Abb. 3). Dass es noch nicht abgerechnet und für immer verloren gegangen ist, verdankt die Nachwelt dem Umstand, dass das verordnete Parkopan damals nicht lieferbar war. Zuzahlungen gab es zu DDR-Zeiten nicht. Verordnungsfähig war alles: von Pyolysin-Salbe zur Wundheilung bis hin zum Badezusatz mit ätherischen Ölen. Konnte eine Position nicht besorgt werden, war es möglich, in der Apotheke eine „Teilverordnung“ vom ärztlichen Rezept „herauszuschreiben“. Das fehlende Arzneimittel konnte dann in einer anderen Apotheke bezogen werden.

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Abb. 3: Eines der letzten erhaltenen DDR-Rezepte

Rare Arzneimittel, an die sich Zeitzeugen erinnern, waren beispielsweise Indomethacinum (Indometacin), Rewodina (Diclofenac) und Analgin (Metamizol), aber vor allem auch Präparate der Nomenklatur C. Diese Importe, die unter anderem aus der BRD bezogen wurden, betrafen vorrangig Betäubungsmittel und lebensnotwendige Medikamente wie Berotec® DA, aber auch rezeptfreie Arzneimittel wie Canesten®. Lieferengpässe infolge von Rückrufen habe es nur selten gegeben. Die Umgestaltung des Umkartons konnte die Geduld von Apothekern und Patienten aber schon mehrere Monate auf die Probe stellen. Ein Arzneimittel, das schwer zu besorgen war, ist Schiffner besonders in Erinnerung geblieben: „Das Analgetikum Turivital – darauf haben wir gefühlt immer gewartet. Bis heute weiß ich nicht, warum es da ständig zu Lieferengpässen kam.“ Das Granulat zum Auflösen in Wasser enthielt pro Beutel (à 5 g) 0,3675 g Acetylsalicylsäure, 0,05 g Coffein und 0,25 g Ascorbinsäure (Abb. 4). Es verschwand nach der Wende vom Markt, gerüchte­weise wegen des Verdachts auf Missbrauch als Dopingmittel.

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Abb. 4: Für die sogenannte Bückware musste sich das Personal in der Apotheke buchstäblich bücken, weil sie unten im Regal gelagert wurde. Zu DDR-Zeiten nannte man so auch Artikel, die örtlich knapp oder nur durch Tausch erhältlich waren. Ein Beispiel: das Analgetikum Turivital.

Medikamente gespart und getauscht

Bei Lieferschwierigkeiten halfen sich die Apotheken untereinander aus: Es wurde geborgt und getauscht. Fertigarzneimittelpackungen wurden ausgeeinzelt. Wenn sich die Schubladen leerten, wurde kurzerhand die Abgabe rationiert. „Statt zehn Packungen Spalt für das ganze Dorf gab es dann eben nur zwei.“ Selbstverständlich, so Schiffner, ärgerten sich die Kunden auch schon damals darüber. Auf Importarzneimittel aus dem kapitalistischen Ausland musste man schlichtweg warten. Im Zweifel entschied der Bezirksapotheker oder Mitarbeiter, die mit der Abwicklung der Nomenklatur C beauftragt waren, wer welches Medikament bekam.

Griff zum Pistill statt ins Leere

Engpässe mit DDR-Arzneimitteln wurden durch das pharmazeutische Personal in vielen Fällen selbst überbrückt – durch Eigenproduktion. Die Ausgangssubstanzen wurden nicht in den einzelnen Apotheken, sondern zentral in der Abteilung Herstellung/Labordiagnostik der Pharmazeutischen Zentren geprüft und dann – langfristig orientiert am Bedarf – verteilt. Die Zusammensetzungen waren in den SR-Vorschriften gelistet und im Vergleich zu heutigen Fertigarzneimitteln recht einfach. Fehlte beispielsweise die Dexamethason-Salbe F 0,05% (F für Fett), wurde sie mit den Bestandteilen Dexamethason 0,05 g, Methylhydroxybenzoat 0,12 g und Propylhydroxybenzoat 0,08 g angerührt und als Dexamethason-Salbe E 0,05% (E für Eigenproduktion) deklariert. Je nach Bedarf wurden zur Herstellung der unterschiedlichsten Arzneiformen Babybadewannen-große Fanta­schalen und Brotbackmaschinen eingesetzt. Zäpfchen wurden im Akkord gegossen, zum Beispiel Propyphenazon-Zäpfchen gegen Schmerzen und Fieber, in deren Fall die Eigenherstellung sogar eher die Regel als die Ausnahme war. Der pharmazeutische Sachverstand war stets gefragt. „Es war eine sehr gute fachliche Arbeit“ lautet Schiffners Fazit über die Tätigkeit in einer DDR-Apotheke.

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Ausflugstipp zurück in die Vergangenheit

Wer einmal eine originale DDR-Offizin besuchen möchte, dem sei ein Besuch im Brandenburgischen Apothekenmuseum in Cottbus empfohlen. Das Mobiliar stammt aus der Adler-Apotheke Fehrbellin um 1965. Gezeigt wird eine große Auswahl an DDR-Arzneimitteln, Dokumentationsmaterial aus 40 Jahren Apothekenarbeit und viele kleine Gegenstände, die diese Zeitreise vervollständigen. Das Museum kann nur im Rahmen einer Führung besucht werden. Der Rundgang führt unter anderem durch ein Galenisches Laboratorium, eine Apothekenoffizin um 1930 und eine Kräuterkammer um 1800. Noch bis zum 31. Dezember 2019 läuft die Sonderausstellung „Der Apotheker im Wandel der Zeit – Zum 200. Geburtstag von Theodor Fontane”.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 11.00 Uhr und 14.00 Uhr, Samstag und Sonntag 14.00 Uhr und 15.00 Uhr (am 25. und 26.12. geschlossen). Führungen außerhalb der angegebenen Zeiten sowie ausführliche Fontane-Führungen können telefonisch unter der Nummer 0355/23997 vereinbart werden.

Brandenburgisches Apothekenmuseum
Altmarkt 24, 03046 Cottbus
www.brandenburgisches-apothekenmuseum.de

Planwirtschaft hatte auch Vorteile

Planwirtschaft bedeutete auch, dass Lieferengpässe nicht überraschend kamen. Die Ärzte wurden zeitnah informiert, sodass sie (wo möglich) gleich etwas anderes verordnen konnten. Zudem war durch die Planung absehbar, wann das Medikament wieder verfügbar sein würde. Heutzutage werden Apotheken von Herstellern oft mit vagen Prognosen abgespeist und das Lieferdatum immer weiter nach hinten verschoben. Mit der Wiedervereinigung 1990 fiel die so­zialistische Planwirtschaft in sich zusammen. Der Osten Deutschlands musste sich schnell an die Marktwirtschaft gewöhnen. Schlagartig standen Tausende neue Arzneimittel zur Verfügung, die mehrmals pro Tag bestellt und geliefert wurden. Konsum wurde größer geschrieben: Es wurde Kosmetik über den HV-Tisch verkauft und mit bunten Plakaten im Schaufenster geworben.

Die 90er-Jahre waren für viele ostdeutsche Apotheken wirtschaftlich lohnend. Nun jährt sich der Mauerfall zum 30. Mal: Die DDR ist lange Geschichte, doch das Thema Lieferengpässe könnte aktueller nicht sein. |

 

Literatur

Ottersbach N. Anhaltender Lieferengpass bei Valsartan. Meldung auf MDR Aktuell vom 03. Mai 2019, verfügbar unter https://www.mdr.de/nachrichten/panorama/lieferengpass-valsartan-100.html (letzter Aufruf am 16.10.2019)

Guthmann E, Petrasek B. Arzneimittel eines vergangenen Staates. 2. Überarbeitete Auflage 2016, Sonnen-Apotheke Meißen, Offset-Druckerei Richter, Meißen

Arzneimittel-Verzeichnis, Teil 1, Ausgabe 1988, 22. Auflage, VEB Verlag Volk und Gesundheit Berlin

Vorschriften für Standardrezepturen, Ausgabe 1990

Hendrischke M. Apotheker in der Mangelwirtschaft. Meldung auf Apotheke Adhoc vom 4. Oktober 2015, verfügbar unter https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/markt/mauerfall-ddr-apotheker-in-der-mangelwirtschaft/?tx_ttnews%5BsViewPointer%5D=2&cHash=c8039c92486dfda9880ca0076dfb2a5f (letzter Aufruf am 16.10.2019)

 

Autorin

Rika Rausch, Apothekerin und DAZ-Redakteurin

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