Arzneimittel und Therapie

(K)ein Grund für Fleischverzicht

Eine Einordnung der NutriRECS-Empfehlungen

In der vergangenen Woche sorgte eine Ernährungsstudie für weltweites Aufsehen und emotionale Diskussionen in den sozialen Medien. Ein prominent in den „Annals of Inter­nal Medicine“ publiziertes Statement des NutriRECS-Konsor­tiums kam zu dem Schluss, dass die gesundheitlichen Vorteile einer redu­zierten Fleischzufuhr nicht ausreichend belegt seien. Die Empfehlung der Autoren lautete daher, dass weder der Verzehr von rotem als auch von verarbeitetem Fleisch eingeschränkt werden sollte. Dies wider­spricht jedoch praktisch allen ernährungsmedizinischen Leitlinien weltweit. Was dahinter steckt, erläu­tert Prof. Dr. Martin Smollich.

Das NutriRECS-Konsortium, bestehend aus 14 Mitgliedern aus sieben verschiedenen Ländern, deren Expertisen überwiegend in den Bereichen Public Health und Epidemiologie liegen, hatte sich zum Ziel gesetzt, evidenz­basierte Empfehlungen zum Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch aufzustellen. Die zusammenfassenden Empfehlungen des NutriRECS-Konsortiums lauten: Erwachsene sollen den aktuellen Konsum von rotem Fleisch und verarbeitetem Fleisch unverändert fortsetzen (Empfehlungsstärke: schwach; Evidenzgrad: gering). Allein dieses Statement reichte aus, um weltweit die Überschriften zu beherrschen und kontroverse Diskussionen auszulösen. Der Tenor der Berichterstattung war: „Fleisch ist doch gesund“.

Bei genauem Hinsehen gibt es für diese Einschätzung allerdings wenig Grund. Vielmehr führen die Publikation an sich und die anschließende Debat­te zwei grundsätzliche Dinge deutlich vor Augen: Einerseits ist die Datenbasis und Evidenz fast aller Ernäh­rungsempfehlungen äußerst dürftig, und andererseits werden wissenschaftliche Ergebnisse in den Publikumsmedien oft derart verkürzt dargestellt, dass sie mit den tatsächlichen Studienergebnissen praktisch nichts mehr zu tun haben.

Foto: dresden – stock.adobe.com

Geringe Aussagekraft von Ernährungsstudien

Der Hauptgrund, weshalb Ernährungsempfehlungen in aller Regel sehr umstritten sind, liegt darin, dass die Datenbasis selten wirklich aus­sagekräftig ist. Es gibt in der Ernährungsepidemiologie zwar sehr viele Daten, doch wird ihre Aussagekraft durch fragwürdige Anamnesemethoden, unzählige Störfaktoren, fehlende Kontrollgruppen und die subjektive Auswahl von Studien regelmäßig zunichte gemacht [1]. So dokumentieren zahlreiche Studien die Gesundheitsrisiken des Fleischkonsums (insbesondere in Form einer erhöhten Inzidenz von Krebs und kardiovaskulären Erkrankungen) [2]. Die International Agency for Research on Cancer (IARC) klassifiziert verarbeitetes Fleisch als „krebserregend für Menschen“ sowie rotes Fleisch als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ [3]. Andere Studien, die sich teilweise auf dieselben Datengrundlagen berufen, sehen dagegen nur ein geringes und gar kein erhöhtes Gesundheitsrisiko infolge von Fleischverzehr [4, 5].

Fünf separate Analysen als Datengrundlage

Diesem Durcheinander wollten die Auto­ren des NutriRECS-Konsortiums nun ein Ende bereiten, indem sie sämtliche bisher verfügbare Daten auswerteten. Diese Daten haben sie in fünf einzelnen Metaanalysen bzw. Reviews zusammengefasst.

In den ersten drei Metaanalysen wurden die Ernährungsweisen von über sechs Millionen Teilnehmern aus über 100 Einzelstudien ausgewertet, wobei durchgehend gesundheitlich vorteilhafte Effekte durch Fleisch­verzicht beob­achtet wurden. Die ­maximal erreich­te, absolute Risiko­reduktion durch Fleischverzicht betrug für die Gesamtsterblichkeit 9 bis 15%, für die kardiovaskuläre Morta­lität 1 bis 6% und für die Krebssterblichkeit 4 bis 18%. Da diese Daten (selbstverständlich) aus Beobachtungsstudien stammen, ist die Evidenz der Ergebnisse trotz statistischer Signifikanz schlecht.

In der vierten Analyse werteten die Autoren zwölf randomisiert-kontrollierte Studien aus, die Ernährungsweisen mit verschiedenem Fleischanteil verglichen. Eine der hier eingeschlossenen Studien – eine Auswertung der Women’s Health Initiative (WHI) – war so groß, dass sie das Gesamter­gebnis dominierte. Im Übrigen war in dieser WHI-Studie gar kein Effekt von Fleischverzicht untersucht worden, sondern die Bedeutung einer fettreduzierten Diät. Die Schlussfolgerung besaß ebenfalls nur schlechte bzw. sehr schlechte Evidenz und lautete: „Rotes Fleisch hat einen geringen oder keinen Effekt auf kardiovaskuläre Endpunkte, Krebshäufigkeit und Krebsinzidenz“.

Der fünfte Review lieferte gar keine Datenanalyse, sondern diskutierte narrativ die Bedeutung individueller Geschmackspräferenzen für den Fleischkonsum.

Gesundheitsvorteil durch Fleischverzicht bestätigt

Zusammengefasst ergibt sich damit eigentlich ein ziemlich klares Bild: Drei der fünf zugrunde liegenden Analysen zeigen signifikante Gesundheitsvorteile durch Fleischverzicht, eine Analyse zeigt einen geringen/gar keinen Effekt, und der fünfte Review nimmt gar keine Datenanalyse vor. Damit liefert die NutriRECS-Auswertung keineswegs die medial verbreitete Basis für die Aussage, ein hoher Fleischkonsum sei gesundheitlich unbedenklich. Vielmehr zeigen die Daten etwas anderes: Die Datengrundlage zur Beurteilung der gesundheitlichen Effekte von Fleischkonsum ist relativ schlecht.

Hier wird ein entscheidender Punkt deutlich: Wenn man an Ernährungsstudien dieselben Evidenzmaßstäbe wie an Arzneimittelstudien anlegt, gibt es für praktisch keine Ernährungsempfehlung irgendeine Form von Evidenz: Ernährungseffekte sind sehr langfristig, werden von sehr vielen Störfaktoren beeinflusst, und man hat es immer mit hochkomplexen Gemischen statt mit einzelnen chemischen Substanzen zu tun. Zu diesem Missverständnis tragen auch Medienberichte bei, die über methodisch praktisch wertlose Assoziationsstudien in einer Weise berichten, die eine gesicherte Kausalität suggerieren (Stichwort: „Walnüsse schützen vor Krebs“). Die gesundheitliche „Wirksamkeit“ von Ernährung beruht auf diätetischen Gesamtkonzepten (für deren Vorteile es Evidenz gibt), und nicht auf einzelnen Lebensmitteln.

Zudem trifft die Forderung nach Fleischverzicht bei vielen Menschen einen emotionalen Punkt. Dabei sollte man sich vor Augen führen, dass der aktuell übliche Fleischkonsum historisch gesehen einzigartig hoch und alles andere als „normal“ ist: Noch in den 1950er-Jahren betrug der durchschnittliche Fleischkonsum in Deutschland nur ein Drittel der heute üblichen Verzehrsmenge von über einem Kilogramm pro Woche. Und selbst die konsequente Umsetzung der Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die alles andere als pro-vegan ausgerichtet ist, würde mindestens eine Halbierung des Fleischkonsums bedeuten.

Nutri-Score® soll Lebensmittelauswahl erleichtern

Grafik: amine1976 – stock.adobe.com

Wer kennt sie nicht – die Qual der Wahl vor gut gefüllten Regalen. Möchte man beim Einkauf darauf achten, möglichst wenig ungesunde Dinge in den Wagen zu packen, kann der Gang zum Supermarkt schon mal etwas länger dauern. Denn leicht zu erkennen sind versteckte Fette oder große Zuckermengen oft nicht. Um mehr über die Zusammensetzung eines Nahrungsmittels zu erfahren, muss man die Nährwerttabellen studieren, die als verpflichtende Kennzeichnung auf allen Lebensmittelpackungen vorgeschrieben sind. Mit dem Nutri-Score® soll der Verbraucher zukünftig auf einen Blick die Nährwerteigenschaften eines Lebensmittels erfassen und verschiedene Produkte leichter miteinander vergleichen können. Wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) am 30. September 2019 bekannt gab, ging die fünfstufige Farb-Buchstabenkombination in einer repräsentativen Verbraucherbefragung zur erweiterten Nährwertkennzeichnung als klarer Sieger hervor. Die freiwillige Kennzeichnung soll im Laufe des kommenden Jahres in Deutschland eingeführt werden. Entwickelt wurde das wissenschaftlich fundierte Modell von einem unabhängigen Forschungsteam der französischen Gesundheitsbehörden. Dabei werden ernährungsphysiologisch günstige (z. B. hoher Ballaststoff- und Eiweißgehalt, hoher Anteil an Obst, Gemüse und Nüssen) und ungünstige Inhaltsstoffe (z. B. hoher Energie-, Fett- oder Salzgehalt) miteinander verrechnet. Die Nährwert-Skala reicht von einem grünen A (= günstig) bis zu einem roten E (= ungünstig): Je besser der Nutri-Score®, desto mehr kann das Lebensmittel aus ernährungsphysiologischer Sicht zur täglichen Nahrung beitragen. Ob ein Lebensmittel „gesund“ oder „ungesund“ ist, darüber sagt die Kennzeichnung per Definition nichts aus. Denn: Nur gesundheitlich unbedenkliche Lebensmittel dürfen in Verkehr gebracht werden.

[Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. www.bmel.de]

Weitere Ungereimtheiten

Daneben zeigen sich zahlreiche Ungereimtheiten in der NutriRECS-Studie. So geben die Autoren zwar an, keine Interessenkonflikte zu haben, doch einer der größten Sponsoren des NutriRECS-Konsortiums ist Texas A&M AgriLife, ein Lobbyverband der texanischen Agrarindustrie [6]. Ein erklär­tes Unternehmensziel von A & M AgriLife ist es, die Rinderzucht in Texas zu fördern [7].

Des Weiteren betiteln die Autoren ihre Publikation als „Dietary Guideline Recom­mendations“, was eine scheinbar offiziell veröffentlichte Leitlinie suggeriert. Faktisch handelt es sich aber um eine selbsternannte Wissenschaftlergruppe und nicht um ein Gremium von Fachgesellschaften, wie dies für Leitlinienempfehlungen üblich ist. Vergleichbar wäre es, wenn die Leitlinie zur Melanomtherapie nicht von der Deutschen Gesellschaft für Dermatologie, sondern von einer zusammengewürfelten Gruppe be­stehend aus Epidemiologen verfasst würde.

Und zuletzt liegt den Empfehlungen zu fortgesetzt hohem Fleischkonsum ein logischer Fehler zugrunde: Die Auto­ren konstatieren, die Studienlage zu Gesundheitseffekten des Fleischkonsums sei schlecht und nicht aussagekräftig. Doch wie kann man dann auf dieser Datenbasis die Empfehlung (!) ableiten, den aktuell hohen Konsum von rotem Fleisch und verarbeitetem Fleisch unverändert fortzusetzen? Die logisch korrekte Empfehlung wäre gewe­sen, dass gar nichts empfohlen werden kann. Zudem ist es äußerst fragwürdig, eine solch explizite Empfehlung abzugeben, wenn gleichzeitig die Empfehlungsstärke als „schwach“ und der Evidenzgrad als „gering“ klassifiziert wird. In der medialen Berichterstattung wurde dieser Punkt völlig außer Acht gelassen.

Zahlreiche Gegendarstellungen von Experten

Unmittelbar nach Publikation der Daten erschienen detaillierte Gegendarstellungen von internationalen Fachgesellschaften, um den öffentlichen Schaden zu begrenzen. Entsprechende Stellungnahmen, die den gesundheitlichen Vorteil eines reduzierten Fleischkonsums betonen, folgten noch am selben Tag vom World Cancer Research Fund, der American Society for Preventive Oncology, vom National Health Service und vom deutschen Max-Rubner-Institut. Die School of Public Health der Harvard-University erklärte, entgegen der sensationsheischenden Überschriften liefere die NutriRECS-Analyse keinen Grund dafür, die bisherigen Empfehlungen zur Reduktion des Verzehrs von rotem und verarbeitetem Fleisch infrage zu stellen. Vielmehr basiere die Empfehlung einer pflanzenbasierten Ernährung auf „solider Evidenz aus randomisiert-kontrollierten Studien“ [8].

Bereits vor der Publikation hatte das NutriRECS-Manuskript für Aufregung gesorgt: 13 prominente Wissenschaftler, darunter Walter Willett von der Harvard University und Kim Williams, ehemaliger Präsident des American College of Cardiology, wandten sich wenige Tage vor dem angekündigten Erscheinungstermin an die Heraus­geberin der „Annals of Internal Medicine“ mit dem dringenden Anliegen, die Publikation zurückzustellen und das Manuskript erneut zu überprüfen. Die Autoren dieses Briefes sahen die missverständliche mediale Rezeption der Ergebnisse voraus und warnten vor einer Gefahr für die öffentliche Gesund­heit.

Fazit

Anders als viele Medienberichte suggeriert haben, bestätigen die Ergebnisse der NutriRECS-Auswertung die gesund­heitlichen Vorteile eines reduzierten Fleischkonsums. Ein Fleischverzicht war auch in der aktuellen Auswertung mit einer um bis zu 15% reduzierten Gesamtsterblichkeit und einer um bis zu 18% reduzierten Krebssterblichkeit assoziiert. Da diese Ergebnisse überwiegend auf Beobachtungsstudien beruhen, stufen die Auto­ren die Evidenz als schlecht ein. Ob die Aussicht auf eine um 18% reduzierte Krebssterblichkeit persönliche Motivation genug dafür ist, um den Fleischkonsum einzuschränken, muss jeder selbst entscheiden. Neben dieser rein ernährungsmedizinischen Perspektive gibt es jedoch auch gravierende ethische und ökologische Gründe, die für eine Reduktion des Fleischkonsums sprechen – doch diese Aspekte wurden von den Studienautoren explizit ausgeklammert. |

Literatur

[1] Ioannidis JPA. The challenge of reforming nutritional epidemiologic research. JAMA 2018;320(10):969-970

[2] Levine ME et al. Low protein intake is associated with a major reduction in IGF-1, cancer, and overall mortality in the 65 and younger but not older population. Cell Metab 2014;19(3):407-417

[3] Bouvard V et al. International Agency for Research on Cancer Monograph Working Group Carcinogenicity of consumption of red and processed meat. Lancet Oncol 2015;16(16):1599-600

[4] Kappeler R et al. Meat consumption and diet quality and mortality in NHANES III. Eur J Clin Nutr 2013;67(6):598–606

[5] McAfee AJ et al. Red meat consumption: an overview of the risks and benefits. Meat Sci 2010;84(1):1-13

[6] Schattenberg P. Texas A & M AgriLife joins international NutriRECS consortium. Mitteilung vom 16. April 2019. https://today.agrilife.org; Abruf am 7. Oktober 2019

[7] About Texas A&M AgriLife. https://agrilife.org/about/; Abruf am 7. Oktober 2019

[8] New “guidelines” say continue red meat consumption habits, but recommendations contradict evidence. Mitteilung der Harvard T. H. Chan School of Public Health vom 30. September 2019; Abruf am 7. Oktober 2019

Autor

Prof. Dr. rer. nat. Martin Smollich, Fachapotheker für Klinische Pharmazie, Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ); Leiter der Arbeitsgruppe Pharmakonutrition am Institut für Ernährungsmedizin, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck; Herausgeber des Fachblogs Ernaehrungsmedizin.blog

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