Deutscher Apothekertag 2019

Zwischen Pollyanna und Kassandra

Ein Kommentar von Peter Ditzel

Peter Ditzel, DAZ-Herausgeber

Wie in jedem Jahr, und erst recht in diesem, mit Spannung erwartet: Die Rede unseres Präsidenten Friedemann Schmidt zur Lage. Wie wird er uns in diesem Jahr die depressive Lage unserer Apotheken und das Ergebnis der Arbeit seines Vereins schönreden? Springen die Delegierten wie bei den letztjährigen Apothekertagen am Ende seiner Rede wiesenmäßig von ihren Stühlen auf und zollen ihrem Präsidenten frenetisch Applaus? Die Latte liegt hoch. Um den Ausgang vorwegzunehmen, zitiere ich mal einen Delegierten: „Was war das denn?“ Ja, was war das in diesem Jahr? Eine Rede, die eher einer Psychologie- und Mythologie-Lehrstunde ähnelt als einem Lagebericht der ABDA. Was ist da mit unserem Präsidenten durchgegangen? Vielleicht eine heimliche Liebe zur Philosophie, zur Psycho- und Mythologie? Da verliert er sich in verschwurbelten Sätzen und versucht, dem Auditorium die „Prävalenz-induzierte Konzeptänderung der Perzeption“ näherzubringen. Und die, so weiß unser Präsident, mündet dann natürlich philosophisch betrachtet im „Gesetz der Penetranz der negativen Reste“, womit man trefflich unser düsteres Stimmungsbild erklären kann. Aber klar, „man darf nicht in die Falle laufen, sämtliche Probleme im Rekurs auf psychologische Erklärungsmuster als Bagatelle abzutun“, so spinnt Schmidt seinen Faden weiter. Und an dieser Stelle findet er Zeit für ein paar verständnisvolle Schlenker hin zu den Frustrationen des Apothekenalltags, z. B. der tägliche bürokratische Aufwand und die Lieferengpässe. Nun, diesen unangenehmen Dingen muss man ins Auge schauen – aber bitte wie Pollyanna, „der Heldin eines zauberhaften Kinderbuchs“, so Schmidt, die auch in vertrackten Situationen die positiven Aspekte entdeckt. Ja, da wird es einem doch warm ums Herz, oder? Aber halt, es gibt ja nicht nur Pollyanna. Unser Präsident hat da auch noch Kassandra entdeckt, diese Böse, die überall das Negative sieht und „der wir reflexhaft zugeneigt sind“. Sie weist unserem Präsidenten den Weg zurück in die raue Wirklichkeit: „Ja, ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln wäre die wirksamste Maßnahme ... Und nein, diese Maßnahme ist unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen ... nicht durchsetzbar ...“ – trotz Kampagnen und Initiativen der Basis. Und dafür hat Schmidt, wer hätte das gedacht, viel Verständnis, auch wenn er inhaltlich anderer Meinung ist. Der Pharmaziestudent Benedikt Bühler hat „meinen persönlichen Respekt“ für die Entschlossenheit mit der RxVV-Petition.

Gegen Ende seines Berichts verabschiedet sich Schmidt so ganz nebenbei noch von einem zentralen Dogma der ABDA-Politik: Der bisherige Leitsatz „Struktur vor Geld“ sei so einfach wie falsch. Man müsse auch „den Blick frei haben für Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Verbesserung in Teilbereichen unserer Arbeit ... In Richtung Apothekenhonorar wird Schmidt noch konkreter: „Es hat wenig Sinn, an einem pauschalisierten Vergütungssystem über alle Leistungen hinweg bedingungslos festzuhalten, das zwar simpel und berechenbar ist, aber genau diese entscheidende Differenz wirtschaftlich einebnet, weil es keinen Unterschied macht zwischen einem Päckchenversand aus dem Automaten und der persönlichen Abgabe einschließlich eines (…) deutlich aufwendigeren Kontaktes.“ Na, das gleicht aus ABDA-Sicht ja fast schon einem Erdbeben. Der präsidial-optimistische Ausblick kommt dann noch zum Schluss. Den Delegierten legt er nahe: „Durch Pollyannas Augen können wir mit der aktuellen Apothekenreform also einiges erreichen.“ Ja, so einfach ist’s, sich die die Wirklichkeit schön zu reden. Fazit: So ein Opus kann man mögen, muss es aber nicht. Und so gibt es dieses Mal – selbst mit Pollyannas Ohren gehört – von den Delegierten nur anständigen Beifall.

 

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