Arzneimittel und Therapie

Blutdrucktherapie fürs Hirn

Durch gute Einstellung der Demenz vorbeugen

Demenzerkrankungen sind bei älteren Menschen weit verbreitet. Der Prävention kommt eine große Bedeutung zu. Gleich mehrere aktuelle Studien zeigen, wie wichtig lebens­lang physiologische Blutdruckwerte für die Gehirngesundheit im Alter sind.

Schätzungen zufolge sind 1,2 Millionen Menschen in Deutschland an einer Demenz erkrankt, wobei insbesondere die Zahl leichter Demenz­formen möglicherweise unterschätzt wird. Nach klinischen Kriterien werden etwa 50 bis 70% der Erkrankungen einem Morbus Alzheimer und circa 15 bis 25% einer vaskulären Demenz zugeordnet [1]. Häufig liegen jedoch „gemischte Demen­zen“, Kombinationen verschiedener Pathologien, vor. Die Zahl der Neuerkrankungen nimmt mit der Lebens­erwartung zu. Auch vor dem Hintergrund steigender Kosten für die Gesundheitssysteme sind deshalb dringend nicht nur neue Behandlungsstrategien, sondern insbesondere effiziente Ansätze zur Vorbeugung von Demenzerkrankungen erforderlich. Die Bedeutung vaskulärer Pathophysiologien tritt dabei immer mehr in den Vordergrund. Sowohl eine Hypertonie als auch unter bestimmten Umständen ein zu niedriger Blutdruck wurden mit Verschlechterungen der kognitiven Funktionen und Demenzerkrankungen in Verbindung gebracht.

Foto: shidlovski – stock.adobe.com

Höheres Demenzrisiko bei dauerhaft erhöhtem Blutdruck

Zwei in der Fachzeitschrift „JAMA“ publizierte Studien liefern nun weitere Erkenntnisse: Walker et al. führten eine prospektive Kohortenstudie mit einer langen Beobachtungsdauer von 24 Jahren durch [2]. Dabei zeigte sich, dass nicht nur Teilnehmer mit durchgehend erhöhten Blutdruckwerten von über 140/90 mmHg, sondern auch solche mit zunächst erhöhten und im fortgeschrittenen Alter niedrigen Werten von unter 90/60 mmHg, ein signifikant erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Demenz im Vergleich zu normotensiven Probanden aufwiesen. 4761 Teilnehmer mittleren Alters – im Schnitt waren sie 54 Jahre alt – wurden im Zeitraum 1987 bis 1989 in die Studie eingeschlossen. Der Blutdruck wurde in den folgenden Jahren mehrmals gemessen. Bei den letzten beiden Visiten wurden die Probanden auf Anzeichen einer kognitiven Beeinträchtigung untersucht. Zum Abschluss der Untersuchung hatten 516 Studienteilnehmer eine Demenz entwickelt. Die Inzidenzrate berechnet auf 100 Personenjahre betrug bei Teilnehmern mit durchgehend normalen Blutdruckwerten 1,31, bei normalem Blutdruck im mittleren und Hypertonie in fortgeschrittenem Alter 1,99, bei durchgehender Hypertonie 2,83, bei normalem Blutdruck im mittleren und Hypotonie in fortgeschrittenem Alter 2,07 und bei Hypertonie im mittleren und Hypotonie in fortgeschrittenem Alter 4,26.

Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung eines dauerhaft erhöhten Blutdrucks als Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz. Unklar bleibt jedoch, ob ein Blutdruckabfall vor Auftreten der kognitiven Beeinträchtigungen eine Ursache oder ­vielmehr ein Begleitsymptom der ­Demenzerkrankung ist.

Intensive Therapie verringert Ausdehnung zerebraler Läsionen

Nasrallah et al. gingen in der SPRINT-MIND-Studie, einer Substudie des randomisierten kontrollierten Systolic Blood Pressure Intervention Trial (SPRINT), einen Schritt weiter [3]: Sie untersuchten den Einfluss einer intensivierten im Vergleich zu einer üblichen Blutdrucksenkung auf das Läsionsvolumen in der weißen Hirnsub­stanz und das Gesamthirnvolumen mithilfe der Magnetresonanztomografie. Veränderungen der weißen Hirnsubstanz sind Zeichen einer zerebralen Mikroangiopathie und gelten als unabhängiger Risikofaktor für Demenzerkrankungen. 670 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 67 Jahren wurden in die Studie eingeschlossen, 449 beendeten die Prüfung nach einer Behandlungsdauer von im Mittel 3,4 Jahren. Unter der intensivierten Therapie, bei der ein systolischer Zielwert von unter 120 mgHg angestrebt wurde, vergrößerten sich die Läsionen in der weißen Hirnsubstanz um 0,92 cm3. Unter der Standardtherapie, bei der der systolische Zielwert unter 140 mgHg lag, dehnten sich die Läsionen jedoch signifikant stärker aus – und zwar um 1,45 cm3. Die intensivierte antihypertensive Therapie verlangsamte somit die Ausbreitung der strukturellen Veränderungen im Gehirn. Das mittlere Gesamthirnvolumen nahm unter der intensivierten Therapie jedoch etwas mehr ab als unter der Standardtherapie (-30,6 cm3 vs.-26,9 cm3). Wieso es unter der stärkeren Blutdrucksenkung zu einer Atrophie der Hirnmasse kommt, ist zumindest derzeit nicht zu erklären.

Frühzeitig intervenieren

Eine weitere, in „Lancet Neurology“ veröffentlichte Studie zeigt auf, dass ein regelmäßiges Blutdruckmonitoring und nötigenfalls eine therapeutische Intervention bereits frühzeitig erfolgen sollten, um Folgeschäden vorzubeugen. Dazu wurden die Blutdruckwerte bei 502 Individuen des Geburtsjahrgangs 1946 in einer britischen Kohortenstudie über Jahrzehnte hinweg erfasst. Zum Abschluss der Untersuchung wurden die Probanden mittels bildgebender Verfahren und kognitiver Tests auf eine Demenzerkrankung hin untersucht. Erhöhte systolische und diastolische Blutdruckwerte im Alter von 53 Jahren sowie ein starker Blutdruckanstieg zwischen 43 und 53 Jahren zeigten positive Assoziationen mit einer Zunahme an Läsionen der weißen Hirnsubstanz im höheren Lebensalter, d. h. zu einem Zeitpunkt, zu dem die Probanden 69 bis 71 Jahre alt waren. Höhere diastolische Blutdruckwerte im Alter von 43 Jahren und stärkere Anstiege der diastolischen Werte zwischen 36 und 43 Jahren führten darüber hinaus zu geringeren Gehirnvolumina im höheren Lebensalter. Höhere systolische Werte zwischen 36 und 43 Jahren waren zudem mit einer Abnahme des Volumens der Hippocampi verbunden – dem Sitz des Gedächtnisses. Eine Korrelation von Blutdruck einerseits und Amyloid-ß-Ablagerungen sowie kognitivem Test­ergebnis andererseits ergab sich in dieser Studie hingegen nicht.

Die nun vorliegenden Ergebnisse ­stehen in Einklang mit bisherigen Erkenntnissen bezüglich der Bedeutung eines physiologischen Blutdrucks auf die kognitive Gesundheit. Ob eine intensivierte Blutdrucksenkung in diesem Zusammenhang zielführend ist, muss in umfangreicheren Studien geprüft werden. |

Literatur

[1] S3-Leitlinie „Demenzen“. Langversion – Januar 2016. AWMF-Register-Nr.: 038-013

[2] Walker KA et al. Association of Midlife to Late-Life Blood Pressure Patterns With Incident Dementia. JAMA 2019;322(6):535-545

[3] Nasrallah IM et al. Association of Intensive vs Standard Blood Pressure Control With Cerebral White Matter Lesions. JAMA 2019; 322(6):524-534

[4] Lane CA et al. Associations between blood pressure across adulthood and late-life brain structure and pathology in the neuroscience substudy of the 1946 British birth cohort (Insight 46): an epidemiological study. Lancet Neurol 2019; doi: 10.1016/S1474-4422(19)30228-5

Apotheker Dr. Peter Meiser

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