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Innerhalb Europas Wege suchen und finden

Wie kann die Politik Lieferengpässe langfristig lösen?

eda | Ein „Sommerloch“-Thema sind sie definitiv nicht: Die Arzneimittel-Lieferengpässe werden seit Monaten in den Medien thematisiert – sowohl in den Lokalzeitungen als auch überregional. Dabei rücken die Apotheken unfreiwillig in den Fokus jeglicher Berichterstattung, denn sie müssen den Patienten Rede und Antwort stehen, wie es um die Verfügbarkeit der jeweiligen Arzneimittel bestellt ist. Christoph Gulde, Apothekeninhaber aus Stuttgart und Vizepräsident des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg, betrachtet die Situation mit Sorge und möchte den Gesetzgeber motivieren, nun endlich politische Konsequenzen zu ziehen und für die Zukunft vorzusorgen.
Foto: LAV Baden-Württemberg

Christoph Gulde betreibt die Solitude-Apotheke in Stuttgart-Weilimdorf und ist Vizepräsident des Landesapothekerverbandes sowie Delegierter der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg.

DAZ: Herr Gulde, haben Sie das Gefühl, dass das Thema Lieferengpässe nun endlich in der Politik angekommen ist?

Gulde: Das Thema ist der Politik schon länger bekannt. Mit jedem Monat wird es aber in der öffentlichen Wahrnehmung spürbarer und damit wächst die Notwendigkeit, nach sinnvollen Wegen zu suchen, die zunächst eine weitere Verschärfung verhindern und für die Zukunft eine Rückkehr zur Normalität ermöglichen.

 

DAZ: Mit welchen Fragen müsste sich der Gesetzgeber auseinandersetzen?

Gulde: Wie sichere ich konkret die Arzneistoff- und Arzneimittelversorgung in Deutschland heute und wie verbessere ich den Zugang morgen? Welche Stellschrauben in der bisherigen Gesetzgebung erschweren eine ausgewogene Versorgung und tragen zur globalen Oligopolbildung bei? Welchen Stellenwert haben Arzneimittel in einer Gesellschaft: Gehören sie zur Daseinsvorsorge oder berühren sie gar Fragen der nationalen Sicherheit? Das Ganze hat dabei immer auch eine europäische Dimension und verlangt am Ende des Tages auch europäische Lösungen.

 

DAZ: Seit wann hat sich die Situation auf dem Generikamarkt Ihrer Ansicht nach so deutlich verschärft?

Gulde: Innerhalb eines Zeitraums laufen zeitgleich verschiedene Entwicklungen ab, die zusammenhängen können, aber nicht zwingend müssen: Konkret hat sich die Situation auf dem Generikamarkt mit Einführung der Rabattverträge verändert. Dabei wird eine Tendenz zu Monopolen und Oligopolen im Arzneistoff- und Arzneimittelmarkt deutlich erkennbar. Zeitgleich findet aber auch eine Globalisierung in allen Märkten statt und ebenso finden Weiterentwicklungen bei Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Handelswegen und -beziehungen statt. In den Apotheken hat sich die Situation innerhalb der letzten 18 Monate deutlich und von Quartal zu Quartal zu­nehmend verschärft.

 

DAZ: Was bedeutet das konkret für den Arbeitsalltag in den Apotheken?

Gulde: Das geht so weit, dass die Nichtverfügbarkeitsabfrage in unseren EDV-Systemen mittlerweile eine zentrale Rolle spielt und über die letzten Monate programmtechnisch immer weiter verbessert werden musste, weil immer größere Datenmengen immer häufiger abgefragt werden mussten. Die Ausnahme wird zur Regel: Waren es vor 18 Monaten 50 Positionen, die wir täglich auf Wiederlieferbarkeit überprüft haben, sind es heute über 200. War vor fünf Jahren die Nichtlieferbarkeit noch eher die Ausnahme, ist die regelhafte Anfrage heute Standard. Das hat sich auch bei unseren Kunden verfestigt: Immer häufiger rufen sie deshalb vorher in der Apotheke an, um die aktuelle Liefersituation ihrer Medikamente zu klären. All das ist eine Herausforderung für uns geworden, die mit Pharmazie zunächst mal gar nichts zu tun hat, aber einen spürbaren Teil unserer Arbeitszeit bindet.

 

DAZ: Meinen Sie, dass die Chance besteht, dass es tatsächlich zu einem Umdenken bei den Entscheidern kommen wird? Weg von der rein ökonomischen Betrachtung des Marktes, hin zu einer nachhaltigen Fürsorge und sozialen Verantwortung in diesen Fragestellungen?

Gulde: Das wäre aus Sicht der Patienten dringend nötig. Und ich sehe auch das Bemühen in der Politik, hier ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen sozialer Verantwortung und Wirtschaftlichkeit zu finden. Aber einfach wird das nicht: Rabattverträge bringen mit sektoraler Brille betrachtet knapp fünf Milliarden Einsparungen. Das ist so viel, wie die Apotheke das GKV-System insgesamt kostet und damit eine große Hausnummer. Ohne europäische Umweltauflagen, europäischem Lohngefüge und ohne Rücksicht auf Verluste lassen sich die Arzneistoffe dafür fern ab von Europa billigst einkaufen. Auch hier gibt es wieder parallele Ereignisse, die die Politiker beeinflussen und die sich widersprechen können: Aus Europa kommen neuerdings durchaus Töne, die Markt um jeden Preis wollen – selbst im sensiblen Gesundheitsbereich, Stichwort EuGH-Urteil 2016 – das im Widerspruch zur bisherigen europäischen Rechtsprechung steht. Gleichzeitig widersprechen höchste deutsche Gerichte weiterhin allen Aufweichungsversuchen im deutschen Arzneimittelmarkt.
 

Foto: diego cervo – stock.adobe.com
Mehr als 500 Humanarzneimittel stehen aktuell auf der Liste für Lieferengpässe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Geben Sie bei DAZ.online den Webcode C3QA2 in das Suchfeld ein und gelangen Sie direkt zur Liste.
 

DAZ: Welche Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach denn am wirkungsvollsten, um die akute Not zu lindern?

Gulde: Von „Not“ will ich heute noch nicht sprechen. Die kann noch kommen. Für den Mangel an sich und die Versorgungssituation weltweit gibt es national keine schnellen Lösungen. Aber es gibt drei Dinge, die der Gesetzgeber aus meiner Sicht schnellstmöglich umsetzen muss, damit wir mit der Situation in den Apotheken besser umgehen können. Erstens: Die Apotheken unter den erschwerten Bedingungen unterstützen und die „Nullretax“ gesetzlich abschaffen. Diese hängt wie ein Fallbeil über jeder Versorgungsentscheidung. Anmerkung: Grundsätzlich ist auch in normalen Zeiten aus meiner Sicht eine Retaxation maximal auf unseren Ertragsteil (3 Prozent plus 8,35 Euro) gerechtfertigt, auch wenn Sozialgerichte an exemplarisch ungeeigneten Beispielen anders entschieden haben. Das gibt es sonst nirgends. Hier fordere ich den Gesetzgeber auf, endlich für Gerechtigkeit zu sorgen. Allein diese Maßnahme würde in den Apotheken für spürbare Entspannung sorgen. Zweitens: Der neue Rahmenvertrag zur Arzneimittellieferung zwischen den Selbstverwaltungsorganen wäre ja ganz gut, wenn wir uns nicht permanent um die Nichtlieferbarkeit und deren penible, akribische Dokumentation kümmern müssten. Hier benötigen wir aus meiner Sicht politische Unterstützung gegenüber der GKV, um den „Dokumentations-Klimbim“ bis zu einer Entspannung der Situation zu relativieren. Und drittens: Der deutlich erhöhte Aufwand gehört honoriert, entweder mit Lob und großem Dank von Politik und GKV oder noch besser, weil verdient, mit einem Zusatzhonorar.
 

„Auch in den Arztpraxen ist angekommen, dass nicht die Apotheke unfähig ist, sondern dass Mängel im System zu Lieferengpässen führen und zwar häufig.“

DAZ: Und was wäre die langfristige Perspektive?

Gulde: Langfristig muss die Bundesregierung innerhalb Europas Wege suchen und finden, wie eine grundsätz­liche Verbesserung der Lage erreicht werden kann. Da steht am Anfang die Analyse mit allen Marktbeteiligten, dann der Abgleich mit gesellschaft­lichen Vorstellungen und der Bereitschaft, für eine höhere Versorgungssicherheit einen höheren Preis zu bezahlen. Und am Ende Maßnahmen. Mit billig allein wird das nicht gehen. Bezeichnend dafür ist für mich, dass es in vielen Fällen lukrativer ist, patentgeschützte Präparate legal mit mehr Ertrag ins europäische Ausland zu verkaufen. Und, dass wir bei der Zuteilung von Impfstoffen im europäischen Vergleich wohl eher hinten liegen.

 

DAZ: Sie bezeichnen sich selbst augenzwinkernd als spezialisierten Pharmazeuten für A.L.M. im Gesundheitswesen: Arzneimittelbeschaffung, Lieferschwierigkeiten und Mangelverwaltung. Wie gehen Sie mit diesen Herausforderungen im Apothekenalltag um?

Gulde: Diesen Begriff A.L.M. benutze ich seit über einem Jahr. Ich wollte und will damit auf eine hintergründig humoristische Art darauf aufmerksam machen, dass etwas falsch läuft in unserem Beruf und in unserem Land. Dass wir nämlich mehr und mehr Zeit für Zustände aufwenden müssen, die es so in einem G7-Land nicht geben darf und die Pharmazie in unseren Apotheken damit an den Rand gedrückt wird. Solange es um unterschiedliche Schachteln mit gleichem Wirkstoff und Wirkstoffgehalt geht, mag es ja noch gehen. Wenn aber Therapien geändert oder unterbrochen werden müssen, Arzneimittel über eine ganze Weile überhaupt nicht lieferbar sind, dann geht es zu weit. Der unnötige Ressourcenverbrauch bei dieser Mangelverwaltung schmerzt. Angefangen bei den unzähligen Anfragen per App oder Telefon zur Lieferbarkeit ihrer Arzneimittel von Kunden, weiter mit den standardisierten Lieferbarkeitsabfragen und deren Dokumentation, wenn Rabattarzneimittel mal wieder nicht lieferbar sind und die Lücken im Warenlager nicht geschlossen werden können, bis hin zu den genauso unzähligen Erklärungen gegenüber Patienten und Arztpraxen, die mit diesem Zustand Verständnisschwierigkeiten haben, verkomplizieren sich die Abläufe in unseren Apotheken sehr deutlich. Derzeit federn wir mit großem individuellen Einsatz Lieferschwierigkeiten ab. Wenn es aber einfach so weiterläuft, rutschen wir in Versorgungsschwierigkeiten. Da helfen auch nicht die einfachen Antworten wie beispielsweise eine zu finanzierende Aufstockung des Warenlagers beim Großhandel oder in den Apotheken, weil eine verdoppelte Null immer noch null ist. Die Maßnahmen müssen einen anderen Ansatz haben. Die Ursachen sind komplex.
 

„Der deutlich erhöhte ­Aufwand gehört honoriert, ­entweder mit Lob und ­großem Dank von Politik und GKV oder noch besser, weil verdient, mit einem Zusatzhonorar.“

DAZ: Welche Reaktion erleben Sie bei den Patienten?

Gulde: Anfangs haben die Patienten uns für bestenfalls unfähig, wenn nicht für zu dumm gehalten. Ältere Menschen, die noch Mangelzustände aus Kriegs- oder Nachkriegszeiten kannten oder auch Menschen aus den neuen Bundesländern haben die Lage schneller realisiert. Mittlerweile haben sich viele in ihrem Verhalten auf mögliche Engpässe eingestellt und holen ihre Anschlusspackung deutlich früher. Sie sind sensibler für das Thema und geduldiger bei unserer Suche nach Lösungen. Auch in den Arztpraxen ist angekommen, dass nicht die Apotheke unfähig ist, sondern dass Mängel im System zu Lieferengpässen führen und zwar häufig.

 

DAZ: Inwiefern beeinflussen die Lieferengpässe das Berufsbild und Image des Apothekers in der Öffentlichkeit? Steigt das Ansehen oder hat man als „Mangelverwalter“ ein eher schlechtes Standing?

Gulde: Die Begriffe „Mangel“ und „verwalten“ sind tatsächlich auf den ersten Blick leicht negativ besetzt. Wir sind aber nicht der gelangweilte Verwalter, sondern genauso Betroffener wie die Patienten, sitzen also im selben Boot. Insofern sehe ich keinen negativen Einfluss auf unser Standing durch diesen Begriff. Ich sehe aber einen ganz sicher negativen Einfluss auf unser Standing durch die minutenlangen Recherchen am Computer, bei denen wir hochkonzentriert Lieferbarkeiten abklären und dokumentieren müssen und keine Kapazität haben, mit dem Patienten über seine Probleme oder gar seine Medikation sprechen zu können. Rückmeldungen wie „Sie schauen nur noch auf ihren Bildschirm“ kommen immer wieder vor. Das versteht ja ­niemand, was wir da in kürzester Zeit leisten. Unser Fachwissen und unsere Expertise als Arzneimittelfachmann werden dabei völlig an den Rand gedrängt.

 

DAZ: Haben Sie bereits bedrohliche Versorgungssituationen bei Patienten miterleben müssen?

Gulde: Lebensbedrohliche Versorgungssituationen kenne ich derzeit nur aus dem stationären Bereich – Stichwort: Antibiotika. In meiner Apotheke bedeutet es dann eher die komplexe Suche nach zweitbesten Lösungen, beispielsweise war die Situation sehr angespannt, als die Epinephrin-Injektoren sehr lange überhaupt nicht lieferbar waren. Lösung hier: besser auf eigenes Risiko den Pen über das Haltbarkeitsdatum hinaus zu verwenden als gar keinen zu haben. Oder der Ausfall von Metoprololsuccinat über einen langen Zeitraum: Lösung hier: Umstellung auf Metoprololtartrat mit allen notwendigen Maßnahmen und Erklärungen. Auch der Ausfall von Metamizol blieb mir in Erinnerung. Immerhin ein Schmerzmittel ohne wirkliche Alternativen. Hier gab es erste Rationierungen. Der Ausfall von Valsartan wegen Verunreinigungen – ein sehr holpriger Umstieg auf andere Sartane, die dann auch nicht in der unvorhersehbaren Menge produziert waren. Ibuprofen – eine noch über Monate andauernde Knappheit des Rohstoffs auf dem Weltmarkt und viele zweitbeste Lösungen mit einer Menge Aufwand bei Patienten, Apotheke und Arzt. Impfstoffe – wir sprechen immer über Impfmüdigkeit und zu geringe Durchimpfungsraten. Gleichzeitig lassen wir aber zu, dass wir über Monate einzelne Impfstoffe überhaupt nicht bekommen. In Erinnerung blieb mir Polio, die Knappheit von Grippeimpfstoffen, aktuell Shingrix und von einzelnen Größen von Impfstoffen gegen FSME bei Kindern.

 

DAZ: Herr Gulde, vielen Dank für das Gespräch. |

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