Arzneimittel und Therapie

Gedächtnisfunktion in Gefahr

Langzeitanwendung von Anticholinergika mit erhöhtem Demenzrisiko assoziiert

Dass sich Anticholinergika akut auf die kognitiven Fähigkeiten auswirken können, ist bekannt. Auch eine langjährige Anwendung scheint die geistige Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen. Dies geht aus den Ergebnissen einer großen britischen Fall-Kontroll-Studie hervor.

Anticholinerg wirkende Arzneimittel werden sehr häufig und teils über mehrere Jahre hinweg angewendet, beispielsweise zur Behandlung von Depressionen, des Morbus Parkinson oder der Inkontinenz. Zahlreiche Arzneistoffe greifen in das cholinerge System ein. Das macht diese Gruppe in ihren erwünschten und unerwünschten Wirkungen so vielfältig. Das Neben­wirkungsspektrum reicht von peripheren bis hin zu zentralen Symptomen. Gerade bei älteren Menschen können unerwünschte Effekte auf das Zentralnervensystem, die Haut, das Herz, die Harnwege sowie die Sehfunktion und den Magen-Darm-Trakt auftreten. Wenn ältere Patienten über eine Verschlechterung der kognitiven Fähigkeiten (Gedächtnisverlust, Verwirrtheit etc.) klagen, sollte man hellhörig werden.

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Bei Patienten mit Demenz sollten anticholinerge Substanzen nicht eingesetzt werden.

Schon länger besteht der Verdacht, dass der langfristige Gebrauch von Anticholinergika das Demenzrisiko erhö­hen könnte. Im Rahmen einer großen, eingebetteten Fall-Kontroll-Studie wurde nun untersucht, wie hoch das Risiko für einzelne Arzneistoffklassen einzuschätzen ist. Dazu wurden die Daten von 284.343 englischen Patienten im Alter von 55 bis 100 Jahren ausgewertet. Während der Beobachtungsphase wurde in 58.769 Fällen eine Demenzerkrankung diagnostiziert. 225.574 Patienten dienten als Kontrolle. Etwa die Hälfte der betrachteten Patienten hatte mindestens ein anticholinerges Arzneimittel verordnet bekommen. Über einen Zeitraum von zehn Jahren – das letzte Jahr vor der Diagnose ausgeschlossen – wurde die „anticholinerge Last“ der Studienteilnehmer bestimmt. 56 verschiedene Wirkstoffe, die nach anerkannten Risiko­skalen eine starke anticholinerge Wirkung haben, waren im Vorfeld definiert worden. Die Forscher errechneten anhand der Verordnungsdaten für jeden Studienteilnehmer eine kumulative anticholinerge Gesamtdosis, angegeben als standardisierte Tagesdosen (TSDD, total standardized daily doses) über das gesamte Expositionszeitfenster hinweg. Die Skala reichte von keiner bis zu einer sehr starken Exposition.

Höheres Risiko bei höherer Last

Die Ergebnisse zeigten ein steigendes Risiko für Demenz: Im Vergleich zu Personen, die keine anticholinergen Arzneimittel eingenommen hatten, betrug die adjustierte Odds Ratio (aOR) in der Gruppe mit niedriger Exposition – d. h. ein bis 90 TSDD – 1,06 (95%-Konfidenzintervall [KI] 1,03 bis 1,09). In der Gruppe der stark exponierten mit über 1095 TSDD lag das Chancenverhältnis bei 1,49 (95%-KI 1,44 bis 1,54). Dies entspricht einer fast 50% höheren Wahrscheinlichkeit, innerhalb von zehn Jahren an Demenz zu erkranken. Umgerechnet bedeutet das, dass sich das Demenzrisiko bei einer täglichen Einnahme eines ein­zigen starken anticholinergen Arzneimittels über drei Jahre hinweg (mit der für ältere Menschen empfohlenen minimalen effektiven Dosis) um 50% erhöht.

Am stärksten waren die Assoziationen bei anticholinergen Antidepressiva (aOR 1,29; 95%-KI 1,24 bis 1,34), Parkin­sonmedikamenten (aOR 1,52; 95%-KI 1,16 bis 2,00), Spasmolytika zur Behandlung der Blaseninkontinenz (aOR 1,65; 95%-KI 1,56 bis 1,75), Antipsychotika (aOR 1,70; 95%-KI 1,53 bis 1,90) und Antiepileptika (aOR 1,39; 95%-KI 1,22 bis 1,57). Auch in Fällen, die vor dem Alter von 80 Jahren diagnostiziert wurden, sowie bei vasku­lären Demenzerkrankungen waren die Assoziationen insgesamt stärker ausgeprägt. Diese Ergebnisse zeigen erneut, dass der Einsatz anticholinerg wirkender Arzneimittel bei älteren Patien­ten sorgfältig abzuwägen ist. Weitere Untersuchungen sind nun nötig, um die zugrunde liegenden Mecha­nismen aufzuschlüsseln. |

Literatur

Coupland CAC et al. Anticholinergic Drug Exposure and the Risk of Dementia: A Nested Case-Control Study. JAMA Intern Med 2019;. doi:10.1001/jamainternmed.2019.0677

Apothekerin Dorothée Malonga Makosi, MPH

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