Aus den Ländern

Leistungsschau der Wissenschaften rund um die Haut

Bericht von der Jahrestagung der Gesellschaft für Dermopharmazie

DÜSSELDORF (hb) | Die Haut ist nicht nur flächenmäßig das größte, sondern auch in Bezug auf ihre Funktionen das vielseitigste Organ des Menschen. Insofern müsste man ihr eigentlich viel mehr Aufmerksamkeit widmen. Und zwar nicht nur, um sie gesund zu erhalten, sondern auch, um ihre Möglich­keiten für die systemische Pharma­kotherapie zu nutzen. Diesen Themen widmet sich die Gesellschaft für Dermopharmazie e. V. (GD). Vom 25. bis 27. März 2019 hielt die GD ihre 23. Jahres­tagung in Düsseldorf ab.

Das große wissenschaftliche Informationsangebot des dicht gedrängten Programms ist auch auf die inter­disziplinäre Ausrichtung der Tagung zurückzuführen: Mit der Haut und Dermatika beschäftigen sich nicht nur Pharmazeuten und Mediziner, sondern auch Juristen, Materialwissenschaftler und Physiker.

MDR gefährdet stoffliche Medizinprodukte

So kamen in dem Symposium der GD-Fachgruppe „Dermopharmazie und Recht“ unter anderem die Fallstricke der „neuen“ Medizinprodukteverordnung (MDR) zur Sprache. Besonders für die stofflichen Medizinprodukte könnte die Luft dünn werden, wenn die Medizinprodukteverordnung ab dem 26. Mai 2020 überall in der EU gilt, meinte Dr. Guido Middeler, Lübeck. Ein besonderes Problem besteht darin, dass stoffliche Medizinprodukte zur Anwendung an der Haut bisher in die niedrigste Risikoklasse I eingestuft waren und von den Herstellern selbst zertifiziert werden konnten. Durch eine neue Klassifizierungsregel werden nun laut Middeler voraussichtlich 90% der Produkte höher gestuft und können dann in Zukunft nicht mehr ohne Beteiligung einer Benannten Stelle zertifiziert und in den Verkehr gebracht werden. Deren Zahl ist jedoch in den letzten Jahren gesunken. Vor allem für die stofflichen Medizinprodukte, die vom Erscheinungsbild her Arzneimitteln ähneln, aber nicht pharma­kologisch, sondern physikalisch oder physikochemisch wirken, könnte es schwierig werden, überhaupt eine Benannte Stelle zu finden, denn ihre Beurteilung ist komplex und anspruchsvoll und wirft häufig Probleme auf. Als Folge könnten gute und etablierte Produkte vom Markt verschwinden, so Middeler‘s Befürchtung.

Topika nicht einfach substituieren

Ein weiteres Problem, mit dem die GD sich schon seit geraumer Zeit befasst, ist die Frage der Austauschbarkeit wirkstoffidentischer topischer Dermatika. Anhand von praktischen Bei­spielen halbfester Topika erläuterte Dr. Andreas Hünerbein, Naumburg, zu welchen Problemen die unachtsame Umsetzung der formellen Substitutionsvorgaben führen kann. Hünerbein verwies auf die S2k-Leitlinie zum „Gebrauch von Präparationen zur lokalen Anwendung auf der Haut (Topika)“, die die Bedeutung der Grundlage und deren Einfluss auf die kutane Bioverfügbarkeit ausdrücklich betont und eine Substitution nur aufgrund von Wirkstoffgleichheit ablehnt. Zu seinem Bedauern ist es aber bislang nicht gelungen, den Gemeinsamen Bundesausschuss zur Aufnahme von Topika in die Substitutionsausschlussliste zu bewegen. Bei der Abgabe der Präparate in der Apotheke rät Hünerbein, eine etwaige Substitution kritisch zu hinterfragen. Gegebenenfalls vorhandene Unverträglichkeiten, zum Beispiel gegenüber bestimmten Konservierungsmitteln, sollten mit dem Patienten oder dem Arzt abgeklärt werden.

Auch dunkle Hauttypen brauchen Sonnenschutz

In einem Symposium der GD-Fach­gruppe „Dermatopharmakologie“ ging es um Sonnenschutzmittel. Prof. Dr. Martina Meinke, Berlin, zeigte auf, dass Sonnencremes auch für dunkle Hauttypen (IV bis V) sinnvoll sind. Bei diesen wurden im Vergleich zum Hauttyp II im UV-Bereich zwar deutlich weniger Radikale bestimmt, aber im VIS-Bereich eine ähnliche Anzahl und im NIR-Bereich bei längerer Bestrahlung sogar mehr Radikale gemessen. Außerdem wurden in einem Seminar spektrometrische Methoden vorgestellt, mit denen der Lichtschutzfaktor von Sonnen­schutzmitteln in vivo erstmals bestimmt werden kann, ohne dass hierfür ein Erythem erzeugt werden muss.

Gesellschaft für Dermopharmazie

Die Gesellschaft für Dermopharmazie (GD) ist eine interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft an der Schnittstelle zwischen Dermatologie, Pharmazie und Kosmetologie. Sie hat derzeit 458 ordentliche und 36 fördernde Mitglieder. Bei der Jahres­mitgliederversammmlung wurde der Vorstand der GD neu gewählt.

In ihren Ämter bestätigt wurden

  • Apotheker Dr. Joachim Kresken, Viersen (Vorsitzender)
  • Prof. Dr. med. Hans F. Merk, Aachen (stellvertretender Vorsitzender)
  • Dipl.-Chem. Dr. Siegfried Wallat, Monheim am Rhein (Schatzmeister)

Als Schriftführerin neu gewählt wurde:

Prof. Dr. med. Christiane Bayerl, Wiesbaden

Beisitzer des Vorstandes sind:

  • Dipl.-Phys. Prof. Dr. Dr.-Ing. Jürgen Lademann, Berlin
  • Dipl.-Pharm. Dr. Dominique Lunter, Tübingen (neu gewählt)
  • Prof. Dr. med. Petra Staubach, Mainz
  • Apotheker Prof. Dr. Günther Weindl, Bonn (neu gewählt)

Neben den Leitern der Fachgruppen setzt sich der Beirat aus folgenden gewählten Mitgliedern zusammen:

  • Prof. Dr. med. Thomas L. Diepgen, Heidelberg
  • Mag. Pharm. Dr. Erich Leitner, Bruck/Mur, Österreich
  • Apothekerin Prof. Dr. Christel Müller-Goymann, Braunschweig
  • Prof. Dr. med. Dr. mult. h. c. Thomas Ruzicka, München

Transdermale Systeme: Pflaster mit Lichtschalter

Dr. Luciano F. Boesel von der Eidgenossenschaftlichen Materialprüfungs-und Forschungsanstalt in St. Gallen (Schweiz) stellte neue Perspektiven für die transdermale Therapie über Pflaster mit Lichtschaltern vor. Genutzt werden dabei lichtempfindliche Polymere, die als amphiphile Membrane oder als Nanokapseln eingesetzt werden. In die Membran wird Spiropyran als aktives Molekül eingebaut. Ihre Durchlässigkeit kann mittels UV-Licht gesteuert und auf fixe Endwerte (z. B. 30%) oder als on-off eingestellt werden. Damit kann die Durchlässigkeit auf bis zu 500% gesteigert werden. Auch die lichtempfindlichen Nanokapseln werden mit einem Fotoschalter ausgestattet, der empfindlich gegenüber sichtbarem Licht ist. Sie werden über Mikronadeln verabreicht, um die Hautbarriere zu überwinden. Boesel hofft, dass mit solchen aktiven transdermalen Abgabesystemen personalisierte Formen entwickelt werden können, die programmierbare und komplexe Abgabeprofile ermöglichen.

Netzwerk Hautapotheke

Bei der Jahrestagung der GD fand auch ein ganztägiges Qualifizierungsseminar für das Netzwerk Hautapotheke.de statt. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Apotheken, die sich auf dem Gebiet der Hautberatung profilieren möchten. Nach Angaben der GD gehören dem Netzwerk derzeit 127 Apotheken aus ganz Deutschland an, weitere 237 haben Interesse bekundet, sich ebenfalls qualifizieren zu wollen (Stand: 22. März 2019). Nähere Informationen sind in dem Internetportal www.hautapotheke.de zu finden. |

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