DAZ aktuell

Becker: 150 Millionen Euro sind zu wenig

LAV-Chef präsentiert beim Parlamentarischen Abend weitere Forderungen der Apotheker

BERLIN (bro) | Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV) und Präsident des baden-württembergischen Apothekerverbands, kann sich vorstellen, dass Apotheker künftig weitere Aufgaben übernehmen. Zum Beispiel könnten sie in Not- und Wiederholungsfällen auch ohne ärztliche Verordnung rezeptpflichtige Arzneimittel abgeben, erklärte er am 1. April 2019 beim parlamentarischen Abend der baden-württembergischen Apotheker in Berlin.
Foto: Svea Pietschmann
Fritz Becker sieht in den neuen Spahn-Plänen viel Gutes – doch er übt auch Kritik

Der parlamentarische Abend in der baden-württembergischen Landesvertretung hat bereits Tradition. Wie gewohnt stellte Becker den anwesenden Gästen aus dem Bundestag die wirtschaftlichen Entwicklungen in der Apothekenbranche vor. Ein Schwerpunkt war diesmal der OTC-Markt. Becker erläuterte, dass die Apotheker in diesem Bereich in den vergangenen Jahren zwar noch einen leichten Umsatzanstieg verzeichnen konnten. Der Absatz sei aber seit 2016 kontinuierlich gesunken: Von 649 Millionen OTC-Packungen (2016) auf 619 Millionen Packungen (2018).

Hier zeigte Becker auch die Unterschiede zum Versandhandel auf: Noch betrage der Anteil der Versender am Rx-Markt etwa ein Prozent. Das Kuchenstück der Versandkonzerne am OTC-Markt werde hingegen immer größer, Ende 2018 habe es bei rund 15 Prozent gelegen. Alleine im vergangenen Jahr konnten die Versender 106 Millionen Euro mit OTC hinzugewinnen, das entspricht einem Plus von rund elf Prozent. Die Apotheken setzten 2018 mit OTC nur 0,6 Prozent mehr um, nämlich insgesamt 36 Millionen Euro. Insgesamt wuchs der gesamte OTC-Markt um zwei Prozent. Becker bezog sich auf Angaben des Marktforschungsunternehmens Insight Health.

Becker: Das Paket ist ein guter Kompromiss

Im politischen Teil seiner Rede beschäftigte sich der DAV-Chef hauptsächlich mit der von der Großen Koalition geplanten Apotheken-Reform. Dass die Eckpunkte nun statt des Rx-Boni-Deckels für EU-Versender eine im Sozialrecht verankerte Gleichpreisigkeit vorsehen, bezeichnete Becker als „guten Kompromiss“. Becker ging nochmals auf die Beschlüsse des ABDA-Gesamtvorstandes aus der vergangenen Woche ein: „Wir können darauf aufbauen, auf diesen Eckpunkten“. Unter anderem sehen die Mitte März von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgelegten Pläne vor, dass Krankenkassen verboten wird, mit EU-Versendern Verträge abzuschließen, die abweichende Preise vorsehen. Sie dürfen ihre Versicherten auch nicht belohnen, wenn sie bei EU-Versendern bestellen. Zudem soll bei der Einführung des E-Rezeptes das „Makeln“ von Verordnungen verboten werden.

Allerdings übte Becker auch Kritik an den Plänen des Bundesgesundheitsministers. Dass die Preisbindung für EU-Versender aus dem Arzneimittelgesetz (AMG) gestrichen werden soll, bezeichnete er als „nicht ganz glücklich“. Er habe „durchaus Verständnis dafür, dass die Politik mit der Streichung dieser Regelung auf das EU-Vertragsverletzungsverfahren reagieren“ müsse. Der „Knackpunkt“ sei für ihn aber die dadurch entstehende Ausnahme für PKV-Versicherte. Schließlich würden von der Verankerung des Boni-Verbots im SGB V ausschließlich GKV-Versicherte betroffen sein, PKV-Versicherte könnten also Rx-Boni erhalten.

Ein weiterer Kritikpunkt Beckers: die geplanten Honoraranpassungen. Während im ersten Plan rund 375 Millionen Euro mehr pro Jahr für die Apotheken vorgesehen waren, sind es im zweiten Eckpunkte-Papier nur noch 150 Millionen Euro. Becker: „Ich sage das ganz frank und frei, das ist uns zu wenig.“ Mit den pharmazeutischen Dienstleistungen gehe bei den Apothekern zwar „ein Traum in Erfüllung“, weil es eine neue, „zweite Säule“ in der Vergütung gebe. Allerdings müsse die Honorierung dieser komplexen Dienstleistungen höher ausfallen.

Nicht zuletzt erklärte Becker, was sich die Apotheker noch vorstellen können – etwa die pharmazeutische Verordnung im Ausnahmefall: „In Nacht- und Notdiensten oder in Notfallsituationen können Apotheker das beste Präparat auch ohne ärztliche Verordnung aussuchen und so schnell reagieren.“ Auch das Folgerezept sei denkbar. Becker sagte, dafür müsse man „klare Regeln“ schaffen, mit der Ärzteschaft habe man auch schon Wege besprochen, auf denen das „funktionieren“ könne. Das Thema Impfen sprach Becker ebenfalls an. Er blieb aber dabei: Die Forderungen nach Impfungen in der Apotheke wird es von der ABDA nicht geben. Allerdings sprach sich Becker erneut dafür aus, dass Apotheker den Impf­status ihrer Patienten checken. |

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