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Die Messe ist (noch nicht) gelesen!

Foto: DAZ/Kahrmann
Dr. Doris Uhl, Chefredakteurin der DAZ

Wir blicken auf ein bewegtes Wochenende zurück. Auf dem Westfälisch-Lippischen Apothekertag erklärte zunächst Karl-Josef Laumann, Gesundheitsminister des Landes Nordrhein-Westfalen, dass in Sachen Eckpunktepapier zur Reform des Apothekenmarktes (DAZ 2019, Nr. 12, S. 9) die Messe noch nicht gelesen sei. Die Forderung nach einem Rx-Versandverbot steht nach wie vor im Raum. Der ebenfalls geladene Bundesgesundheitsminister Jens Spahn konterte umgehend, dass die Zeit der „Fürbitten“ vorbei sei und man sich der „Kommunion“ nähere. Er ist wild entschlossen, das Gesetzgebungsverfahren im April zu starten, den Boni-Wildwuchs auch ohne Rx-Versandverbot zu beenden und den Grundstein zur Honorierung von pharmazeutischen Dienstleistungen zu legen (S. 12). Letzteres stößt in der Apothekerschaft auf ein geteiltes Echo. Während die einen in der jetzt dafür vorgesehenen Summe von 105 Millionen Euro nur ein Nasenwasser sehen, ist es für andere der lang ersehnte Einstieg in ein Honorierungssystem für Leistungen, mit denen sich die Apotheke vor Ort von dem Versandhandel abgrenzen kann. Dabei scheint die Höhe der Honorarsumme zunächst zweitrangig zu sein, auch wenn Diskussionsbedarf angemeldet wird. Denn mit dem kurzerhand von zuvor 240 Millionen Euro auf 105 Millionen Euro geschrumpften Honorartopf werden sich neu zu erbringende Dienstleistungen wie zeit- und personalintensive Medikationsanalysen weder kostendeckend noch gewinnbringend finanzieren lassen.

Doch diejenigen, die trotzdem die Einführung honorierter pharmazeutischer Dienstleistungen begrüßen, hoffen, damit endlich der leidigen Diskussion um den Mehrwert der Apotheke vor Ort gegenüber dem Versandhandel entrinnen zu können. Ist der erste Schritt in dieses neue Honorierungssystem getan, könne man neue Abrechnungsstrukturen schaffen als Basis für zukünftige leistungsgerechte Honorierungen. Auch könne man ganz anders Daten erheben, um den Wert pharmazeutischer Dienstleistungen für die Patienten zu untermauern. Das Geld werde dann der Leistung folgen. In unserer Leserdiskussion auf S. 93 bringt Dr. Olaf Rose, regelmäßiger DAZ-Autor und Apothekeninhaber aus Münster, es so auf den Punkt: „Wir haben jetzt die einmalige Chance, unseren Beruf zukunftsfähig und unentbehrlich zu machen. Diese Änderung liegt also nicht nur in unserem eigenen Interesse, sondern ist auch unsere Verpflichtung gegenüber nachfolgenden Generationen.“

Dass die Sorge um die berufliche Zukunft besonders junge Apothekerinnen und Apotheker umtreibt, hat auch der Protestmarsch „#retteDeineApotheke“ mehrerer Hundert Apotheker, PTA und PKA am letzten Wochenende in Berlin gezeigt (S. 9). Auslöser für die von jungen Kollegen initiierte Demonstration war das zweimonatige Ultimatum zur Aufhebung der Rx-Preisbindung, das die Europäische Kommission Deutschland am 7. März gesetzt hat. Der Vorwurf der Protestler an die EU: „Hier wird Politik gemacht für internationale Großkonzerne und gegen die Menschen im Land.“ Ihre Forderung: „Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen, die es den jungen Pharmazeuten erlaubt, den Menschen vor Ort auch noch in 30 Jahren jederzeit und mit vollem Einsatz zu helfen.“

Es geht also auch hier um nichts Geringeres als die Zukunftssicherung der Apotheke vor Ort. Sie braucht verlässliche politische Rahmenbedingungen. Aber wir müssen uns auf unsere pharmazeutischen Kernkompetenzen besinnen. Diese sind unentbehrlich – nicht nur für die ortsnahe Arzneimittelversorgung – sondern vor allem für eine sichere und erfolgreiche Arzneimitteltherapie in direktem Kontakt mit Arzt und Patient. Deshalb müssen entsprechende Leistungen angemessen vergütet werden. Vor diesem Hintergrund ist der Einstieg in die Honorierung von pharmazeutischen Dienstleistungen ein erster wichtiger Schritt. Damit daraus jedoch eine sichere Existenzgrundlage für die Apotheken vor Ort werden kann, muss wohl noch die ein oder andere Messe gelesen werden. Apothekerliche Fürbitten werden hier hoffentlich noch Gehör finden.

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