Futurepharm

Von Rockefeller, Gillette und Favre lernen

Was uns diese Pioniere für die Apothekerzukunft sagen

Von Florian Giermann | Dem griechischen Philosophen Heraklit, der um 500 v. Chr. an der Westküste Kleinasiens lebte, wird folgende Lebensweisheit zugesprochen: „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ Und selten war dieser Wandel so spürbar wie momentan: Die Digitalisierung macht etablierte Geschäftsmodelle teilweise oder gar komplett obsolet und stellt ganze Branchen vor bisher ungeahnte Herausforderungen.
Florian Giermann, Noventi GmbH, München

Auch Apotheken bleiben hiervon nicht verschont. Egal, ob elektronisches Rezept, Securpharm oder der befürchtete Eintritt von Amazon in den Versandhandel mit Arzneimitteln – auch unsere Branche wird sich massiv verändern. Doch es gab schon immer kluge Köpfe und Visionäre, denen es gelungen ist, ihr unternehmerisches Potenzial in unbeständigen Zeiten mithilfe von neuen Trends und Erfindungen optimal auszuschöpfen. Die Methoden, mit denen sie Branchen neu erfunden oder gänzlich umgewälzt haben, lassen sich mit ein wenig Phantasie auch auf die Apothekenwelt im Deutschland des Jahres 2019 anwenden. Werfen wir hierzu also zunächst einen kurzen Blick auf drei dieser Pioniere und ihre Erfindungen. Es handelt sich dabei um wahre Innovationen ihrer Zeit, die inzwischen aber als Alltags­gegenstände bekannt sind. Anschließend können wir uns überlegen, welche Schlüsse sich daraus in Bezug auf die Apothekenwelt von morgen ziehen lassen.

Das Rockefeller-Prinzip

John D. Rockefeller war Mitbegründer einer Erdölraffiniere, aus der im Jahr 1870 die Standard Oil Company hervorging. Er war der erste Milliardär der Weltgeschichte und gilt bis heute als reichster Mensch der Neuzeit. Das nach ihm benannte Rockefeller-Prinzip bezeichnet eine Marktstrategie, bei der ein Produkt Folgekosten auslöst, über die der Produktverkäufer den Hauptteil des Gewinns erzielt. Rockefeller stand nämlich vor der Herausforderung, große Mengen eines wertvollen Rohstoffes – raffiniertes Erdöl – zu besitzen, für den es gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nur geringe Nachfrage gab. Er soll dieses Problem dadurch gelöst haben, dass er Öllampen kostenlos bzw. sehr günstig vermarktet hat, um über die unvermeidlichen Nachkäufe von Brennöl einen dauerhaften Absatz seines Rohstoffes sicherzustellen. Erst die zunehmende Verbreitung des Automobils in den ersten Jahrzenten des 20. Jahrhunderts ließen dann den Bedarf an Öl in unermessliche Dimensionen klettern. Dadurch profitierte Rockefeller dann ein zweites Mal von seinem Öl.

Gillette: Die Einwegrasierklinge

King C. Gillette ist bekannt für die Erfindung der Einweg­rasierklinge. Im Jahr 1901 gründete er „The Gillette Company,“ basierend auf seiner Geschäftsidee, einen Wegwerfartikel des täglichen Gebrauchs herzustellen. Bis zu seiner Erfindung war nämlich die tägliche Rasur für Männer eine Qual: Stumpfe Messer und Schnittwunden gehörten zum Alltag. Mit seiner Erfindung hat Gillette nicht nur dieses Problem dauerhaft gelöst, sondern gleichzeitig einen Bedarf für etwas vollkommen Neues geschaffen, etwas, das es bis dahin noch gar nicht gab. So ist es rückblickend kein Wunder, dass die US-Regierung bereits im Jahr 1917 für die im Ersten Weltkrieg kämpfenden Soldaten 3,5 Millionen Apparate (Halterungen) und 36 Millionen Klingen bestellte.

Favre: Der Kopf hinter Nespresso

Eric Favre ist weniger bekannt als die beiden zuvor Erwähnten. Doch auch wenn seinen Namen nur wenige Menschen kennen – seine Erfindung kennt jeder, denn sie wird weltweit täglich millionenfach benutzt. Er hat nämlich die Ansätze von Rockefeller (Umsatz durch Nachkäufe) und Gillette (Wegwerfartikel des täglichen Gebrauchs) kombiniert – mit der Erfindung von Nespresso im Jahr 1976. Wie gut dieses Geschäftsmodell funktioniert, beweist die Marke Nespresso eindrucksvoll. In ihren aufwendig produzierten Werbespots treten Hollywood-Stars wie George Clooney und John Malkovich auf und ihre Ladengeschäfte liegen weltweit in den 1A-Lagen der Innenstädte und Einkaufszentren.

Foto: Patrick Daxenbichler – stock.adobe.com
3D-Druck: Nicht nur eine Option für bunte Kunststoffiguren, sondern auch für Arzneimittel.

Apotheken in der Poleposition

Welche Parallelen gibt es nun zwischen den Geschäfts­modellen von Rockefeller, Gillette und Favre und unseren Apotheken? Zunächst einmal stillen auch Apotheken einen Bedarf des täglichen Gebrauchs, insbesondere bei chronisch kranken Patienten. Denn diese nehmen ihre Medikamente in der Regel täglich. Außerdem haben Apotheken bei Chronikern die Chance, Umsätze durch Nachkäufe zu generieren, denn diese Patientengruppe ist auf eine lückenlose Versorgung mit Nachschub angewiesen. Als erstes Zwischenfazit kann man also festhalten: Was ihr ursprüngliches Geschäftsmodell betrifft, so stehen Apotheken schon heute in der Poleposition.

Jedoch zeichnen sich neue Technologien ab, die das Potenzial haben, die Karten in der Arzneimittelversorgung neu zu mischen. Eine Technologie, die man dabei im Auge behalten sollte, ist der 3D-Druck. Welche Auswirkung hätte es wohl für die Apotheke vor Ort in ihrer heutigen Form, wenn jeder Patient Arzneimittel aus dem eigenen 3D-Drucker selbst drucken könnte? Die hierfür benötigten Chemikalien und Stoffe kann man sich schon heute im Fachhandel besorgen. Und bereits vor über einem Jahr berichtete „Spiegel Online“ über einen Durchbruch beim 3D-Druck von Arzneimitteln.

Rockefeller, Gillette und Favre als Apotheker

Was würden wohl die Herren Rockefeller, Gillette und Favre machen, wären sie heute Apotheker in Deutschland? Rockefeller würde den Menschen vermutlich die 3D-Drucker zum Selbstkostenpreis verkaufen, wenn er sich gleichzeitig exklusive Lieferverträge mit den wichtigsten Herstellern von Rohchemikalien sichern kann. Gillette wiederum würde die am häufigsten vorkommenden Chemikalienkombinationen als Einmal-Konfektionen für gängige 3D-Drucker anbieten. Und Favre? Nun, dessen Arzneimittel-Drucker wäre garantiert ein absolutes Lifestyle-Produkt, das optisch perfekt in jede Wohnung passt. Die Software zur Steuerung des 3D-Drucks würde das Genom jedes Patienten, seine Vorerkrankungen und Unverträglichkeiten individuell berücksichtigen und beim Druck der Arzneimittel mit einkalkulieren. Und der Druck der Arzneimittel wäre ein Erlebnis für sich: Das schichtweise Auftragen der Substanzen bis zur endgültigen Form der Pille würde zelebriert und von stimmungsvoller Musik untermalt werden. Natürlich verlangt so ein Premium-Produkt wohnortnahe, hervorragende und kompetente Beratung in vertrauensvoller Atmosphäre. Deswegen würde es die „Nespresso-Arznei-Kapseln“ mit den Chemikalien für diesen 3D-Drucker exklusiv in der Apotheke vor Ort geben.

Natürlich war im letzten Absatz eine gehörige Portion Phantasie im Spiel. Das ist auch gut so, denn jedes innovative Geschäftsmodell und jeder Wandel hat seinen Ursprung in einer Vision, in einem Blick über den Tellerrand. Und eines ist sicher: Es bleibt auch in Zukunft spannend. Lassen Sie sich daher von Rocke­feller, Gillette und Favre inspirieren! Oder, um diesen Beitrag mit einem Willy Brandt zugeschriebenen Zitat zu beenden: „Der beste Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist, sie zu gestalten.“ |

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