Arzneimittel und Therapie

Opioide mit geringem Nutzen

Bei nicht tumorbedingten chronischen Schmerzen wenig effektiv

Angesichts der möglichen Nebenwirkungen und des Abhängigkeitspotenzials von Opioiden ist deren Einsatz bei nicht tumorbedingten chronischen Schmerzen umstritten. Den Ergebnissen einer aktuellen Metaanalyse zufolge können durch Opioide zwar signifikante Verbesserungen erzielt werden – klinisch relevant sind diese jedoch nicht.

In den USA lebten 2016 schätzungsweise 50 Millionen Erwachsene mit nicht tumorbedingten chronischen Schmerzen, zu denen beispielsweise neuropathische oder nozizeptive Schmerzen wie Muskel- und Gelenkschmerzen gehören. Gleichzeitig ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Opioiden in den USA der höchste weltweit. Ob Opioide in der Therapie nicht tumorbedingter Schmerzen überhaupt eine Berechtigung haben, war lange unklar.

In einer kürzlich publizierten Metaanalyse ging ein kanadisches Autorenteam der Frage nach, inwieweit Opioide bei nicht tumorbedingten Schmerzen dem Einsatz von Placebo oder alternativen Schmerzmitteln überlegen sind. Hierzu wurden 96 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt über 26.000 Patienten ausgewertet, die beispielsweise an neuropathischen oder nozizeptiven Schmerzen litten. Endpunkte der Analyse waren eine Schmerzreduktion auf der zehn Zentimeter langen Visuellen Analogskala (VAS), wobei ein Unterschied von einem Zentimeter als klinisch relevant angesehen wurde, eine verbesserte körperliche Funktionsfähigkeit sowie das Auftreten von Übelkeit und Erbrechen als unerwünschte Wirkung.

Zwar führte der Einsatz von Opioiden zu einer signifikanten Verbesserung der Schmerzsituation im Vergleich zu Placebo, der Unterschied betrug jedoch im Mittel nur 0,69 cm auf der Visuellen Analogskala. Lediglich 11,9% der Patienten berichteten eine klinisch relevante Schmerzreduktion von mehr als einem Zentimeter. Die körperliche Funktionsfähigkeit wurde mit dem Fragebogen SF-36 erfasst, ein aus acht Bereichen zusammengesetztes Messinstrument zur Beurteilung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Erreicht werden können maximal 100 Punkte. Im Vergleich zu Placebo verbesserten Opioide den Wert im Durchschnitt um etwas mehr als zwei Punkte; als relevant wurde jedoch eine Verbesserung um mindestens fünf Punkte angesehen, was nur bei 8,5% der Patienten erreicht wurde. Eine Dosisabhängigkeit konnten die Autoren nicht feststellen. Erwartungsgemäß erhöhte der Opioid-Gebrauch die Wahrscheinlichkeit von Übelkeit und Erbrechen.

Keine oder nur sehr geringe Verbesserungen

Im Vergleich zu alternativen Schmerzmitteln wie nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), Antikonvulsiva und trizyklischen Antidepressiva fanden die Autoren bei allerdings oft niedriger bis moderater Studienqualität ebenfalls keine oder nur sehr geringe Verbesserungen von Schmerzen und Funktionsfähigkeit durch Opioide.

Bei keiner der ausgewerteten Studien betrug die Laufzeit mehr als sechs Monate, sodass über Langzeitfolgen keine Aussagen getroffen werden können. Vor allem die eventuelle Entwicklung einer Opioid-Abhängigkeit wurde nicht erfasst. Gerade dies ist jedoch angesichts von Millionen Opioid-Abhängigen in den USA hoch relevant. |

Quelle

Busse JW et al. Opioids for Chronic Noncancer Pain. A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA 2018;320(23):2448-2460

Apothekerin Dr. Julia Podlogar

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