Interview

„Mehr arbeiten für mehr Geld“ geht nicht

Noweda-Chef Dr. Michael Kuck über die Reformvorschläge von Jens Spahn

eda/jb | Die Pläne von Bundes­gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur Reformierung des Apothekensystems stoßen größtenteils auf Ablehnung. Kammern und Verbände haben bereits kundgetan, dass sie mit der teilweisen Aufhebung der Arzneimittelpreisbindung nicht einverstanden sind. Dr. Michael Kuck, Vorstandsvorsitzender der Apothekergenossenschaft Noweda, äußert sich im DAZ-Interview ebenfalls kritisch. Auch wenn er „nicht alles schlecht an den Vorschlägen“ findet, sieht er durch die Maßnahmen keine Lösung des Versandhandelskonflikts und die Zukunft der flächendeckenden Versorgung mit Apotheken und Großhandlungen nicht gesichert.
Foto: Noweda
Dr. Michael Kuck

DAZ: Wie sind die Pläne für den Apothekenmarkt von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei der Noweda kommentiert worden? Manche Apotheker sprechen ja von einem „Konjunkturprogramm für einen niederländischen Versender“.

Kuck: Das sehe ich schon ähnlich. Man muss es aber vielleicht etwas differenzieren. Es ist sicherlich nicht alles schlecht an den Vorschlägen. Angemessen finde ich zum Beispiel die Erhöhung der Notdienstpauschale. Wenn man sich bewusst macht, wie manche Apotheker ihren Notdienst verbringen – keine Minute schlafen, Patienten die ganze Nacht über versorgen und am nächsten Tag weiterarbeiten – dann hätte die Erhöhung schon längst sein müssen. Das Grundproblem ist aber, dass das Thema Versandhandel nicht endgültig gelöst wird.

DAZ: Die Erhöhung der Notdienstpauschale oder die Honorierung neuer, pharmazeutischer Dienstleistungen taugen ja auch nicht als Kompensation, sondern hätten unabhängig von der Lösung des Versandhandelskonflikts angegangen werden müssen.

Kuck: Richtig. Diese Verbindung „Das eine für das andere“ wird mir bei den Vorschlägen überhaupt nicht klar. 240 Millionen Euro für zusätzliche Leistungen? Wie soll das funktionieren? Am besten müsste sich Herr Spahn mal selbst darüber ein Bild machen, wie viel jetzt schon in Apotheken gearbeitet wird, vor allem in einer, in der Personalmangel herrscht. Wahrscheinlich wird er dann seinen Vorschlag „Mehr arbeiten für mehr Geld“ nochmal überdenken müssen.

DAZ: Also ein grundsätzlich falscher Ansatz?

Kuck: Ja. Es muss doch zunächst mal die Frage gestellt werden, ob die Leistungen, die bereits heute erbracht werden, angemessen vergütet werden. Da sind wir ganz schnell bei dem Thema „Dynamisierung der Vergütung“. Seit Jahren ist da nichts passiert. Mir kommt das immer so vor, als ob sich alle möglichen Kräfte vereinen, um den Apothekern eine angemessene ­Bezahlung für ihren Dienst an der ­Gesellschaft zu verweigern. Dazu kommt, dass der Versandhandels­konflikt damit in keiner Weise gelöst wird – im Gegenteil.

DAZ: Was halten Sie denn von der Absicht, Rx-Boni bei 2,50 Euro zu deckeln?

Kuck: Gar nichts, denn für die Schnäppchenjäger ist es dann immer noch attraktiv bei den ausländischen Versendern zu bestellen. Falls die Rabatte in Deutschland dann irgendwann auch zugelassen werden, würden hier immer mehr Apotheken pleitegehen.

DAZ: Wäre es denn vorstellbar, dass die Rx-Boni weiterhin nur für ausländische Versender gelten?

Kuck: Das ist schwer vorstellbar, denn die inländischen Versandapotheken werden sich das auf Dauer auch nicht gefallen lassen.

„Für mich ist das eine Allianz der Unvernunft und der Verantwortungslosigkeit.“

DAZ: Zu Recht?

Kuck: Das kann letztlich dahingestellt bleiben. So oder so werden die ausländischen Versender weiter vorpreschen und immer mehr Marktanteile gewinnen.

DAZ: Nun haben sich nach der ABDA-Mitgliederversammlung ja nicht wenige Kammern zu Wort gemeldet und gegen das vorgeschlagene Maßnahmenpaket bereits vehement protestiert. So hieß es immer wieder, dass bei Notdienst und pharmazeu­tischen Dienstleistungen etwas passieren müsse, aber nicht, wenn dafür Gleichpreisigkeit und Struktur auf­gegeben werden.

Kuck: Es wird jetzt spannend sein zu sehen, was am 17. Januar angenommen wird von dem Paket. Sicher ist, dass die Vor-Ort-Apotheken immer weiter unter Druck geraten. Es ist ja das erklärte Ziel der ausländischen Versender, den deutschen Markt zu erobern. Sie wollen im OTC-Bereich vorankommen. Sie wollen im Rx-Bereich vorankommen. Und nur deswegen schaffen sie es ja auch, ihre Millionen von den Investoren einzusammeln.

DAZ: Das Amazon-Prinzip …

Kuck: Genau, Strukturen kaputtmachen und dann die Lücke füllen. Unsere Politik lässt das sehenden Auges zu. Da gibt es ja mittlerweile die seltsamsten Allianzen. Ich kann zum Beispiel überhaupt nicht verstehen, wie eine grüne Partei für das internationale Großkapital kämpfen kann, wo sie doch eigentlich kleinen Strukturen wie dem Mittelstand verpflichtet ist und familienfreundliche, wohnortnahe Arbeitsplätze sichern sollte. Mit welcher Begründung? Weil die Menschen offenbar nicht auf den Versand verzichten können? Das ist so abstrus, dass man sich in dem Zusammenhang fragt, welche anderen Gründe es noch gibt, die nicht ersichtlich sind. Genau das Gleiche gilt für die SPD, FDP und für Teile der Union. Für mich ist das eine Allianz der Unvernunft und der Verantwortungslosigkeit.

Das Amazon-Prinzip: „Strukturen kaputtmachen und die Lücke füllen“

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Der Online-Gigant drängt immer mehr in den Gesundheitssektor. Arzneimittelversand, Krankenversicherung oder digitale Analysen – bisher tastet sich der Konzern noch mit vorsichtigen Schritten in das Gebiet vor. Doch Branchenbeobachter gehen davon aus, dass Amazon bald zum großen Schlag ausholen wird – auch in Europa. Lesen Sie weiter auf S. 64.

DAZ: Andererseits kann der Versand eben nicht alles ersetzen. So will der Minister ja gerade die sogenannten Gemeinwohlaufgaben wie die Notdienste oder die Akutversorgung zum Beispiel mit Betäubungsmitteln gesondert honorieren. Sieht man darin nicht eine Tendenz, dass die reine Distribution von Arzneimittelpackungen immer unattraktiver werden soll und die Apotheker dagegen für ihre kognitive Leistung wie Beratung und Betreuung vergütet werden?

Kuck: Ich sehe in all diesen Entkopplungsmaßnahmen, also beim „Honorar weg von der Packung“, eine große Gefahr, weil dann nicht mehr garantiert ist, ob die Patienten tatsächlich noch beispielsweise die Beratung in Anspruch nehmen. Selbst wenn es von den Krankenkassen bezahlt werden würde, ist unklar, ob das Angebot angenommen wird. So gehen Menschen ja auch ungern zu Vorsorgeuntersuchungen, obwohl diese ja durchaus erstattet werden. Die Verknüpfung von Arzneimittelpackung und Honorar mit der Beratung ist doch unter Gesundheitsaspekten unschlagbar und in diesem System alternativlos. Wenn die Menschen vor der Wahl stehen, werden sie oftmals den einfacheren und billigeren Weg einschlagen, der ihnen aber letztendlich schaden könnte.

„Wenn Patientenschutz gefordert wird, dann sollten auch alle mitmachen.“

DAZ: Damit würde ja auch das Prinzip der Mischkalkulation aufgegeben werden, die garantiert, dass auch mal eine Abgabe verweigert werden kann und die Beratung trotzdem vergütet wird, weil sie durch das Packungshonorar anderer Vorgänge gedeckt ist.

Kuck: Im Gutachten zur Apothekenhonorierung, das die Noweda in Auftrag gegeben hat, gibt es ja in dem Zusammenhang einen sehr interessanten Vorschlag. So könnte es einen steuer­finanzierten Bonus geben, den die Krankenkasse bekommt, aber auch der Patient, wenn er sich in der Apotheke beraten lässt. Die Autoren des Gutachtens machen auch nochmal deutlich, wie wichtig es ist, dass man im Zusammenhang mit der Arzneimitteltherapie eine Beratung erhält. Die Monopolkommission oder Verbraucherzentralen befassen sich doch gar nicht mit dieser Thematik, sondern betrachten das Gesundheitssystem rein wirtschaftlich und überblicken nicht, was sie damit anrichten könnten.

DAZ: Bei Ihrer Kritik gegenüber dem Versandhandel geht es aber nicht nur um den ökonomischen Aspekt, sondern auch um die Versorgungsqualität.

Kuck: Tatsache ist doch, dass die Forderung, den Versandhandel weiter so zu betreiben, wie er jetzt ist, zum Schaden der Patienten ist. Die GDP-Leitlinie (Anm. d. Red.: Good Distribution Practice) wurde von der EU zum Schutz des Patienten geschaffen. Der pharmazeutische Großhandel hält sich bis in die Apotheke dran. Die Versandapotheken können dagegen machen, was sie wollen. Das interessiert anscheinend niemanden. Im letzten Sommer hatten wir drei Monate lang über 30 Grad Celsius. Haben wir irgendwann mal davon gehört, dass Kontrollen stattgefunden haben?

DAZ: Was meinen Sie, warum die Apothekerschaft diesen Sachverhalt nicht deutlicher thematisiert hat?

Kuck: Dafür habe ich leider keine ­Erklärung. Wenn Patientenschutz ­gefordert wird, dann sollten auch alle mitmachen. Es kann doch nicht sein, dass der pharmazeutische Großhandel Millionen investieren muss, um in den zwei bis drei Stunden, in denen das Arzneimittel auf dem Weg in die Apotheke ist, alle Vorgaben zu erfüllen, und der Versandhandel, bei dem die Päckchen mehrere Tage unterwegs sein können, gar nicht in die Pflicht genommen wird. Entweder es gilt für beide oder keinen.

DAZ: Herr Dr. Kuck, vielen Dank für das Gespräch. |

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