Digitalisierung

Künstliche Intelligenz

Freund oder Feind der Apotheker?

Foto: julien tromeur – stock.adobe.com
Von Bernt Knauber | Was verstehen wir unter künstlicher Intelligenz (KI)? Manche denken an einen Roboter, der uns beim Schachspiel besiegen kann. Andere wiederum haben eine Haushaltshilfe vor Augen oder wünschen sich einen Alltagsbegleiter, der sie unterstützt und unterhält. Einsatzgebiete für eine Maschine, die denken, fühlen und entscheiden kann, gäbe es sicher viele – wo wäre KI in der Apotheke möglich?

Erstaunliches vom Taschenrechner

Es waren einfallsreiche Philosophen und Schriftsteller, die schon vor Jahrhunderten mit dem Gedanken spielten, Gottes Handwerk zu erproben – die Erschaffung künstlicher Kopien unserer selbst. Intelligente Gebilde also, die eigenständig denken und handeln. Zwei Varianten wurden dabei immer wieder durchdacht: Intelligente Automaten, die die Schöpfung imitieren, oder künstlich erzeugte Menschenwesen – in der Version Frankenstein mit eher beschränkter Intelligenz.

Zu mehr als schaurig-schönem Grusel aber kam es lange nicht. Die Erzeugnisse blieben Phantasiekreationen. Den Automaten fehlte es an einem Codierungssystem, das intelligente Überlegungen erfassen und verarbeiten kann, an Sprache also, und künstlich erzeugtes Leben steht noch immer auf der Liste unerfüllter Wünsche.

Die Automatentüftler aber haben sich bis nahe an das Ziel herangepirscht. Denn mit der serienreifen Rechenmaschine, dem Vorläufer des Computers, erlebte schon Mitte des 19. Jahrhunderts auch der mathematische Algorithmus seinen Durchbruch. Hard- und „Software“ hatten sich gefunden. Eine formale, programmierbare Sprache, die auf zunächst mechanischen Leitungen in Sekundenschnelle operiert – so konnten kognitive Prozesse künstlich abgebildet werden.

Das elektronische Triebwerk des Taschenrechners hat die Leistungen der Rechenmaschine astronomisch potenziert. Doch war er bereits „intelligent“?

Technisch ausgedrückt, ist Intelligenz die Fähigkeit, Prozesskomplexität zu bewältigen. Die besondere Leistungsfähigkeit innerhalb eines einzigen Anwendungsbereichs ist allerdings noch keine Intelligenz, sie ist nur eine Spezialkompetenz. Intelligenz bemisst sich am Gesamtvolumen unserer geistigen Aufgabenstellungen, am „realen Leben“ also. Sie ist die Leistung, die auf zusätzliche Einflussfaktoren reagieren, mit verschiedenartigen Prozessen zurande kommen kann. Intelligenz ist multiprozessual und kann so mit uns auch interagieren und kommunizieren.

Die Leistung des Taschenrechners hingegen ist eine eindimensionale, die nur einen Bruchteil jener Komplexität verarbeitet, mit der das reale Leben uns konfrontiert. Es ist nur die eine, mathematische Komplexität, die er bewältigt.

Der Taschenrechner ist, wenn man so will, ein „Fachidiot“. Er bleibt immer in seiner kleinen Welt, unfähig, so zu improvisieren oder umzusteuern, wie wir es tun, sobald sich unsere Zielvorgaben ändern. Mit uns auf Augenhöhe zu agieren, vermag er nicht. Der Taschenrechner bleibt ein bloßes Hilfsmittel seines intelligenten Nutzers.

Ganz anders aber sieht es aus, wo das Gerät dazulernt. Lernfähigkeit ist das Königskriterium für Intelligenz. Sie erst macht uns kreativ – die Fähigkeit, sich auch verschiedene Welten zu erschaffen. Und sie hält bereits Einzug in unsere Alltagswelt. Autos bemerken unsere Müdigkeit und ermahnen uns zu einer Kaffeepause. Kühlschränke merken sich unsere Essgewohnheiten und be­stellen unsere Lieblingsspeisen nach. Und in unserer Arbeitswelt erkennen und empfehlen die Systeme 4.0 sinnvolle Justierungen. Die künstlichen Kompetenzen der Zukunft sind damit nicht mehr nur spezieller, sie sind generalistischer Art. Und wo sie unser reales Leben erleichtern, sind es noch immer keine göttlichen, aber doch gute Kompetenzen.

Witz für intelligente Menschen

Prof. Dr. Barbara Hammer von der Universität Bielefeld forscht seit mehr als 20 Jahren an künstlicher Intelligenz. Seit 10 Jahren existiert auch das Center of ExcellenceCognitive Interaction Technology (kurz: CITEC), ein Exzellenzcluster an der Universität Bielefeld. Beim 9. Innovationskongress von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen Anfang November stellte sie anhand eines Witzes dar, dass Computer oder Roboter (im Beispiel der Programmierer) zwar alle Informationen richtig verstehen, aber die kausalen Zusammenhänge falsch deuten können:

„Ein Programmierer wird von seiner Frau gebeten: Gehe bitte zum Laden und kaufe einen Laib Brot. Falls die Eier haben, bringe bitte ein Dutzend mit. Der Programmierer kommt zurück – mit zwölf Laiben Brot.“

Die unverzichtbare Intelligenz der Apotheker

Die Apothekerinnen und Apotheker sind Generalisten par excellence. Sie sind nicht nur Pharmazeuten aus Leidenschaft, sie sind mitunter auch Unternehmer – was bedeutet: Manager, Teamleiter, Kundenberater und Verkäufer in Personalunion. Sie müssen über ein hohes Maß an organisatorischer wie auch sozialer Intelligenz verfügen; dazu über technisches Verständnis, wenn es darum geht, die Apotheke mit Hard- und Software auszustatten und beides auf dem neuesten Stand zu halten. Und sie müssen lernfähig sein. Die sich ständig ändernden Regularien unseres Gesundheitswesens im teils diffizilen Zusammenspiel aller Akteure müssen sie sich selbst und auch ihren Mitarbeitern vermitteln.

Weil aber auch den Apothekern natürliche Grenzen gesetzt sind, sind sie angewiesen auf Zusatzintelligenz, auf Lösungen, die den Arbeitsalltag der Apotheke vereinfachen und ihre perfekte Gesamtaufstellung garantieren. Dabei geht es nicht nur um die interne Apothekenorganisation, sondern auch um die Vernetzung mit Filialen und Gesundheitspartnern sowie um zeitgemäße Methoden der Kundengewinnung und -bindung. Menschliche, kaufmännische und politische Ansprüche wollen in der Apotheke unter einen Hut gebracht sein. Wer kann dies alles auf einmal leisten?

Nicht intelligent aber hilfreich: Das EDV-System

Die klassischen Grundfunktionen werden dabei schon seit Jahrzehnten von den Anbietern entsprechender EDV-Systeme erbracht: Das Erfassen, Speichern, Übertragen und Verarbeiten von Daten ermöglicht Einkauf, Verkauf, Bevorratung sowie den Schnittstellenkontakt zu Lieferanten, Rechenzentren, Steuerberatern. Dabei den detaillierten Überblick zu behalten und die richtigen unternehmerischen Entscheidungen zu treffen, war den Apothekern in der Vergangenheit möglich und wurde ihnen auch zwingend abverlangt. Die traditionellen Leitungs- und Entscheidungsaufgaben musste und konnte bislang noch immer die Chefin / der Chef selbst leisten. Die Zunahme des Komplexitätsgrads und auch des wirtschaftlichen Drucks aber haben dies erheblich erschwert. Heute ist, was einst als klassische Warenwirtschaft begann, ein vielschichtiges Zusammenspiel auch jener feineren Elemente, die sich dem souveränen unternehmerischen Blick entziehen, deren Beherrschung im härter gewordenen Wettbewerb aber genau den entscheidenden Vorteil verspricht.

Des Apothekers „best practice“ ist gefragt – auch angesichts sinkender Preise und wachsender digitaler Konkurrenz. Er muss seine eigenen digitalen Spielräume ausloten und ausnutzen. Nur so wird er weiterhin die ideale Balance finden zwischen seinem Versorgungsauftrag und seinem legitimen ökonomischen Interesse, zwischen hochwertiger Patientenbetreuung und der schlichten Notwendigkeit, wirtschaftlich zu handeln und auch Umsatz und Gewinn zu steigern.

Mehr als 40 Millionen Euro für ein Berliner Startup mit der App „ADA Health“

Wird künstliche Intelligenz bald medizinische Diagnosen stellen können? „Wir maßen uns nicht an, den Arzt ersetzen zu wollen.“ sagt Daniel Nathrath im Gespräch mit dem Handelsblatt. Er und seine Mitgründer entwickeln seit mehr als sechs Jahren die Medizin-App Ada Health, die nun seit einem Jahr auf dem Markt ist. 1,5 Millionen Menschen sind nach eigenen Angaben schon durch Ada diagnostiziert worden. Die kostenlose App stellt ihren Nutzern Fragen zum Befinden und zu Krankheitssymptomen. Das Ziel sei nicht, die Ärzte mit ihrer fachlichen Meinung zu ersetzen, sondern die Patienten, die im Internet nach den Ursachen ihrer Symptome suchen, auf die richtige Fährte zu bringen - und häufig dann doch den Arztbesuch vorzuschlagen.

Foto: ADA Health

Das Unternehmen Ada Health hat mittlerweile mehr als 100 Mitarbeiter und Niederlassungen in Berlin, München und London. Ende Oktober 2017 wurde der Abschluss einer Finanzierungsrunde von mehr als 40 Millionen Euro bekannt gegeben. Angeführt wird die Runde von Access Industries, die globale Investmentgruppe des russischstämmigen US-Milliardärs Len Blavatnik. Die App ist weltweit auf iOS und Android verfügbar. In über 130 Ländern steht sie auf Nummer 1 unter den medizinischen Apps. Seit Anfang Oktober existiert eine deutschsprachige Version.

Entscheidungshilfen wären wünschenswert

Ein einfaches Beispiel ist die Frage nach der Anschaffung eines Kommissionierautomaten. Wann genau lohnt er sich? Welche Vorteile liefert er in der Logistik und in der Arbeitsorganisation? Wie kann ich vorhandene Manpower künftig gezielt verkäuferisch nutzen oder, wo sinnvoll, auch einsparen? Hier schon kommt der Apotheker kaum noch um die Nutzung zusätzlichen Know-hows herum – entweder in Form externer Beratung, die eher sporadisch wirkt, oder eben in Form intelligenter Software, die die Apotheke kontinuierlich durchleuchtet und alle Fragen beantwortet.

Nicht minder anspruchsvoll sind die Themen Sortiment- und Preissteuerung, Einkauf und Verkauf also, sofern auch dies nicht „aus dem Bauch heraus“, sondern gemäß höchsten professionellen Ansprüchen geschehen soll. Auch hier gilt: Je mehr Ebenen in unsere Überlegungen und Berechnungen hineinspielen, desto leichter sind wir überfordert. Die praktikable Einstellung des Verhältnisses von Bevorratung/Lagerhaltungsrisiko auf der einen Seite, Lieferfähigkeit/Besorgungsrisiko auf der anderen, war mit klassischer Kosten- und Leistungsrechnung noch zu bewältigen. Die optimale Einstellung aber, die das Sortiment strafft und die Verfügbarkeit gleichzeitig erhöht, ist schon eine andere Herausforderung. Und auch eine kaufmännisch optimierte Preisstrategie leistet mehr als noch der Taschenrechner. Wenn Abverkaufszahlen und die Margen der unterschiedlichen Warenarten ins Verhältnis gesetzt und standortspezifisch bewertet werden sollen, dabei Herstellerpräferenzen, Vorteilskonditionen und Kundenverhalten berücksichtigt, wenn die Wettbewerbsvorteile des aufstrebenden Versandhandels ebenfalls einbezogen und gegebenenfalls mithilfe von Automatisie-rungslösungen ausgeglichen werden sollen, und wenn schließlich der jeweils ideale Verkaufspreis für Non-Rx-Produkte flexibel ermittelt und aktualisiert werden soll, dann werden fortschrittliche digitale Rechen- und Planungskapazitäten unverzichtbarer denn je.

Künstliche Intelligenz: Möglichkeiten und Grenzen

An dieser Stelle ist zuerst die konzeptionelle Intelligenz der Softwarehersteller gefragt. Die Software selbst muss mit den Veränderungen nicht nur Schritt halten, sie muss sie innovativ gestalten und in möglichst einfache Anwendungen gießen. Ihre Elemente müssen so ineinandergreifen, dass sie nicht nur Reibungslosigkeit in der Apotheke gewährleisten, sondern aus den vielfältigen Prozessen von der Rezeptkontrolle bis zum OTC-Verkauf am Ende auch den optimalen Ertrag für ihren Nutzer generieren. Hilfreich für die Apotheker sind mit wenigen Klicks abrufbare, entscheidungsreife Informationen aufgrund einer präzisen Messung und Analyse der Rentabilitätsgrößen. Ein systematisches Kennzahlenmanagement etwa muss ihnen einen schnellen und genauen Einblick in die wirtschaftliche Entwicklung der Apotheke verschaffen. Es muss Produktivitätsschwachstellen ermitteln und ihnen Synergien und Effizienzen aufzeigen, mit denen sie auf Veränderungen reagieren und das Ergebnis beeinflussen können.

Damit bereits beginnen die künstlichen Systeme intelligent zu werden – auf der Ebene der sogenannten „schwachen“ KI, die mit definierten Anwendungen der menschlichen Intelligenz unter die Arme greift. Die Operationen schwacher KI simulieren intelligente Überlegungen gemäß den programmierten Vorgaben, ohne aber diese selbst „kreativ“ zu verändern. Sie bleiben also stets bei der ursprünglichen „Überlegung“, jede neue müsste als zusätzliche Aufgabenstellung dem Algorithmus hinzugefügt werden. Damit bewegt sich die schwache KI noch fernab den Ansprüchen der „starken“, welche auch die vergleichsweise sprunghaften und intuitiven Leistungen des menschlichen Gehirns, auch emotionale Entscheidungen also, und damit das gesamte menschliche Verhalten einstmals vollständig in künstlichen neuronalen Netzen nachzubilden hofft.

Ob, wie gerne gestritten wird, unsere geistigen Fähigkeiten letztendlich doch unreproduzierbar sind und vermeintlich kreatives Verhalten von Computern immer nur ein simulierendes bleibt, muss uns an dieser Stelle nicht beschäftigen. Entscheidend ist die Fähigkeit zu lernen, die für beide Formen von KI verlangt und auch der schwachen attestiert wird. Ihr primäres Lernverhalten ist das maschinelle, basierend auf Mustererkennung, wie etwa auch das des Google-Algorithmus. Dieses Lernverhalten geschieht stets unselbstständig und gemäß der vorgegebenen Parameter, sprich innerhalb des gesetzten Rahmens. Sein Träger lernt, die Elemente eines begrenzten Baukastensystems zielgerichtet zu ordnen, logische Verknüpfungen herzustellen und daraus Schlüsse respektive Prognosen abzuleiten. So müsste ein intelligenter Schachcomputer sich – im Sinne des „Deep Learnings“ – aufgrund von Erfahrungen permanent selbst verbessern.

Foto: Promosi
Alles virtuell – aber auch schon intelligent? Bei einer virtuellen Sichtwahl, wie hier in der Burg-Apotheke Volkmarsen, können sich die angezeigten Indikationen und Produkte jederzeit ändern. Erst wenn jedoch automatisch erkannt wird, welche Bedürfnisse der jeweilige Patient hat, spricht man von schwacher künstlicher Intelligenz.

Starke und schwache künstliche Intelligenz

Ein Schachcomputer, der nur mit schwacher KI gefüttert wurde, bleibt allerdings immer ein Schachcomputer. Starke KI hingegen würde z. B., um es plastisch zu machen, auch lernen können, dass es Reizvolleres als Schachspielen gibt, und sich vielleicht zu einem Roulette-Tisch fortentwickeln wollen. Oder sie würde das Bedürfnis entwickeln, ein Buch zu schreiben, oder, wie Hollywood-Regisseure uns gerne suggerieren, die Weltherrschaft zu ergreifen. In der Vorstellung von starker KI schwingt also noch viel Fiktion. Schwache KI vermag all das nicht, aber sie vermag eben auch, den Apotheken-„Baukasten“ zu optimieren, indem es seine Variablen im Sinne des gewünschten Ergebnisses justiert.

Die „zweite Welle“ der Digitalisierung ist also imstande, Daten nun auch zu verstehen, zu interpretieren, sie aktiv zu nutzen und am Ende zu monetarisieren. Und so erweist KI ihre Vorzüge darin, dass sie nicht nur Routinearbeiten wie Rezept- und Sortimentskontrolle übernimmt, sondern die Abläufe in ihrem Zusammenwirken planerisch durchdringt und kaufmännisch relevante Lösungen empfiehlt bzw. sie auf Wunsch auch umsetzt. In der Weise interagiert sie mit dem Menschen als „Digitalisierung mit Verstand“ und in einer fernen Zukunft vielleicht auch mit Gefühl. Ob dabei eine Sprachsoftware wie Alexa von Amazon zum Einsatz kommt, ein mehr oder minder hübscher kleiner Roboter oder weiterhin der klassische PC bzw. das mobile Endgerät, ist dabei nur eine Frage der mechanischen Umsetzung, der „Hardware“ also. Der entscheidende Fortschritt ist, dass autonome Systeme Entscheidungen selbsttätig treffen.

Dabei dürfen wir beruhigt auch die noch erheblichen Grenzen der KI feststellen, die dafür sorgen, dass der Mensch noch lange nicht überflüssig wird. Menschliche Intelligenz kennt vier Bereiche: Sie ist kognitiv, senso-motorisch, emotional und sozial. Die beiden Letzteren sind noch in ferner Reichweite, und auch der perfekte menschliche Bewegungsapparat wird noch lange von keinem Roboter kopiert werden können. Der kognitiven menschlichen Intelligenz ist KI aber bereits in vielen Teilen überlegen – wenn etwa der Roboter den Schachweltmeister schlägt – und soll künftig in der sukzessiven Ausprägung der übrigen Bereiche die menschliche Intelligenz wirkungsvoll unterstützen.

In der Apotheke ist kognitive Intelligenz gefragt und kann tatsächlich die erhoffte Vereinfachung bringen. Optimal und umfassend bewährt sich KI, wo sie die Gesamtkontrolle von Lagerwirtschaft, Rezept- und Dokumentenmanagement übernimmt, die Austarierung von Automatisierung und Personaleinsatz, die Abwicklung von Onlinebestellungen, Marketingempfehlungen und schließlich auch ein „smart pricing“. Noch steht all dieses am Anfang, doch das Entwicklungstempo in den Programmierstuben ist rasant. Und dass ein intelligentes Apothekenmanagement der Zukunft am Ende konsequenterweise die autonome Selbststeuerung der Warenwirtschaft verlangt, zeichnet sich schon heute als Anforderung für die Produktentwickler ab. Die digitalen Multimedia-Anwendungen von WhatsApp über Apotheken-Apps und Apotheken-TV bis hin zu virtueller Sichtwahl sind dabei das erste Gesicht der KI und schon heute in der Lage, nicht nur mit dem Apotheker, sondern auch mit seiner Kundschaft zu kommunizieren.

Was ist „Deep Learning“?

Ein großes Problem bei der Entwicklung von künstlichen Intelligenzen war, den Maschinen die menschliche Wahrnehmung beizubringen. Für Menschen ist es ganz natürlich, ein Gesicht zu erkennen und es beispielsweise von einer Maske zu unterscheiden; für Maschinen gestaltet sich der Prozess sehr schwierig. Zu Beginn der KI-Forschung mussten die benötigten Datensätze mühsam per Hand in das System programmiert werden. Der neuere Ansatz – das „Deep Learning“ - sieht vor, den Computern das Lernen von Merkmalen selbst zu überlassen. Dazu simuliert ein Netz von künstlichen Neuronen die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns. Die Neuronen sind dabei auf Ebenen organisiert. Der „input layer“ nimmt die Bildinformationen auf und leitet sie an die nächste Ebene weiter. Von Ebene zu Ebene – den sogenannten „hidden layers“ - werden die dabei verarbeiteten Merkmale komplexer. Angefangen bei der Helligkeit der Bildpunkte, über die Verbindung zu Kanten und dem Erkennen von horizontalen und vertikalen Linien, bis am Schluss im „output layer“ beispielsweise ein Augenpaar erkannt wird. Das neuronale Netz lernt dabei aus Erfahrungen, indem es seine eigenen Regeln von Grund auf erstellt und sich so verschiedene Merkmalsätze aneignet, auf die es zurückgreifen kann.

Der menschliche Faktor

Die Sorge, dass mit all dem ausgerechnet der von einem humanen Ethos getragene Heilberuf des Apothekers ein posthumanes Intelligenz-Zeitalter mit herbeiführt, ist dabei selbst eine Frage der KI, sprich ihres gewünschten Qualitätsniveaus, über das Menschen wie bei allem technologischen Fortschritt sich zu verständigen haben. Die Entscheidungen liegen bei uns – schon was wir als „intelligent“ definieren, auch welche Grenzen wir ziehen möchten, und sie dürfen freilich nicht allein den Forschungsabteilungen von Universitäten oder Unternehmen überlassen werden. Einer dem Menschen dienlichen KI darf nichts Bedrohliches anhaften. Ihre Parameter müssen die einer „freundlichen“ Intelligenz sein. Nur so ist sie vertrauenswürdig und auf einer ersten Ebene auch bereits „sozial“.

Wichtig ist daher bei allem Zutrauen in die schon vorhandene Leistungs- und die beginnende Lernfähigkeit der Systeme, dass der Apotheker eingreifen und regulieren kann, so er denn dafür Bedarf sieht. Der klare und detaillierte Gesamtüberblick, minimale Korrektur und Nacharbeit, dafür spürbarer Komfort und Flexibilität, am Ende mehr Zeit und Lebensqualität für Leitung und Team: Das ist die positive Seite der KI, die als solche niemanden erschrecken muss.

Ihre momentane Begrenzung findet sie in der zwischenmenschlichen – der sozialen und emotionalen – Begegnung, die dann als unproblematisch gelten darf, wenn der moderne Patient auf sie nur noch begrenzten Wert legt. Individualisierung und ein gestiegenes Health-and-Wealth-Bewusstsein (Gesundheit und Reichtum) sind Megatrends, die in diese Richtung zielen. Doch wird KI beispielsweise nicht den qualifizierten Heilberufler ersetzen. Denn sie wird auch künftig in erster Linie ein unkompliziertes Handling, zunehmend auch Fachkompetenz und Kommunikation, nicht aber Empathie bereitstellen. Wo es gilt, einen Menschen aktiv von einer Therapie oder Lebensstilintervention zu überzeugen, wird es immer um Charme, um Einfühlungsvermögen, um eine gewisse Persistenz und jenes kluge Argumentieren gehen, das Computer – zu unseren Lebzeiten – gewiss nicht werden leisten können.

Der „menschliche Faktor“ hat somit weiterhin sein Alleinstellungsmerkmal im Bereich der qualifizierten Beratungsleistung. Und auch dies werden Apothekerinnen und Apotheker als angenehm empfinden, rückt damit doch ihre pharmazeutische Kernkompetenz wieder in den Mittelpunkt, um deretwillen viele den Beruf ergriffen haben. Wobei die Herausforderung an KI aber selbstverständlich auch darin besteht, eine solche qualifizierte Beratung künftig zu ermöglichen und dem Patienten anzubieten. Bis jedoch „pharmazeutische Bots“ auch über therapeutische Befugnis verfügen und qualifiziert über Dosierungsfragen und Interaktionsrisiken Auskunft geben können, werden noch einige Jahre vergehen.

Die künftige Welt der Apotheke

Ganz anders aber ist die Situation, wo es um nur minimale, standardisierbare Beratung, um Service und Support geht. Wo Konsumenten ausschließlich das gewünschte Produkt verlangen oder eine digital konfigurierbare Information, ohne die Zusatzleistung des menschlichen Zwiegesprächs, ist der Siegeszug digitaler Automation auch im direkten Kundenkontakt vorgezeichnet und sind die technologischen Helfer auch bereits nahe an ihrer Marktreife.

Im Patientenverhalten ist auch hier der Wandel bereits erkennbar, ähnlich wie es auch schon beim Arzt der Fall ist. Auch dort haben wir es mit einer dualen Erwartung zu tun. Viele Menschen legen bleibenden Wert auf die persönliche Untersuchung und Beratung, aber auch hier liefert neben Online-Ärzten, virtuellen Sprechzimmern, flankiert von einer Fülle zunehmend intelligenteren Gesundheits-Apps, heute schon die „schlankere“ Variante für diejenigen Patienten, die dies wünschen.

In welchem Umfang künstliche Dienstleistungen im Gesundheitswesen generell sich etablieren werden, ist noch nicht ausgemacht – eben weil auch das Patientenverhalten sich nur langsam wandelt und E-Health natürlich noch immer zwingend auf einen Körper aus Fleisch und Blut trifft. Mit der „Nase im Wind“ kann und wird die erfolgreiche Apotheke aber auch selbst auf Markttrends frühzeitig und flexibel reagieren. Ein attraktiver Webauftritt sowie die Präsenz in den sozialen Medien war nur der allererste, heute schon konservative Schritt. Künftig geht es um die Frage, wie weit die Digitalisierung auch der aktiven Patientenansprache dienen kann. Dabei kommt wie immer visuellen Anreizen eine besondere Bedeutung zu.

Der nächste Schritt ist nur deren technische Verbesserung. Das digitale Angebot muss sich nach den vorhandenen sozialen Wirklichkeiten richten. Und darum wird auch nicht jede Apotheke aus dem vollen digitalen Programm schöpfen müssen. Aber der Megatrend hin zu erlebnisunterstütztem Einkauf, der Gang dorthin, wo auch „etwas geboten“ wird, ist überall schon lange klar und gilt auch für die Apotheke. Genau wie die Notwendigkeit, dort, wo kein unmittelbarer Kunden- oder Patientenkontakt besteht, intelligente Automatisierung für sich arbeiten zu lassen. Während so in der Offizin Produkte und Beratung auf multifunktionalen Flächen spannend inszeniert werden, gelingt es im Lager, Unübersichtlichkeiten und Sortierungsfehler, am Ende des Tages auch Retaxationen, auf Null zu reduzieren.

Der gezielte und intelligente Einsatz von Automatisierung und Digitalisierung hebt die Apotheke auf das Niveau 4.0. Indem KI den Gesamtauftritt der Apotheke perfektioniert, bewährt sie sich heute auch schon als Unternehmensberater. Auf diese Weise ist KI Managementpartner des Apothekers. Bekanntermaßen können ja nicht nur Maschinen, sondern auch Menschen an den Bedürfnissen anderer Menschen komplett vorbei agieren. Darum ist es essenziell für gute KI, dass sie jederzeit plausibel und korrigierbar arbeitet. Und diese Sicherheit wirkt sich positiv auf das ganze Team aus.

In diesem Sinne ist KI kein technologisches Schreckgespenst, sondern der neue Freund des Apothekers. |

Autor

Dr. Bernt Knauber, freier Autor und Referent. Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie und Theologie an den Universitäten Heidelberg und Gießen. Promotion zum Doctor theologiae an der University of South Africa in Pretoria. Leiter der telefonischen Kundenberatung bei Pharmatechnik.

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