Die Seite 3

Verdächtige Grippesymptome

Foto: DAZ/Kahrmann
Dr. Doris Uhl, Chefredakteurin der DAZ

Es war eine Nachricht, die sicher weit über die lokalen Grenzen hinaus erschüttert hat: Eine vierköpfige Familie wurde leblos in ihrem Einfamilienhaus in Esslingen bei Stuttgart gefunden, vergiftet durch Kohlenmonoxid. Nun kommen solche tragischen Unfälle durch CO immer wieder vor, zum Beispiel wenn in den kalten Wintermonaten im Haus gegrillt wird, Heizanlagen defekt sind oder Zu- und Abluft eines Kamins nicht richtig funktionieren. Das alles ist noch kein Fall für die Apotheke. Doch dann rief uns im Nachgang zu der Esslinger Tragödie der Rettungssanitäter Torsten Moeser an. Er war bei dem Einsatz vor Ort und wollte uns noch einmal ausdrücklich auf eine besondere Beobachtung hinweisen, die er zusammen mit seinen Kollegen gemacht hatte: In dem Einfamilienhaus seien auffallend viele „Grippemittel“ gefunden worden!

Das ist sicher zu Zeiten, in denen Influenza- und Erkältungsviren Hochsaison haben, zunächst nichts, was uns als Apotheker verwundern würde. Doch im Zusammenhang mit der CO-Vergiftung erscheint dieser Fund plötzlich in einem anderen Licht. Denn auch eine schleichende CO-Vergiftung kann zu Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Mattigkeit führen. Diese Symptome können als beginnender Infekt oder als Grippe missinterpretiert werden. Und dafür möchte Moeser uns sensibilisieren. Besonders dann, wenn solche Symptome in einer Wohngemeinschaft bei allen Mitgliedern zeitgleich auftreten, sollte an die Möglichkeit einer CO-Vergiftung gedacht werden, so seine Forderung (s. S. 32).

Ob nun tatsächlich bei dem tragischen Fall in Esslingen die ersten Symptome der Vergiftung falsch gedeutet oder doch von einem grippalen Infekt überlagert worden sind – wir wissen es nicht. Auch ist uns nicht bekannt, wann und wo die im Haus gefundenen Medikamente erworben worden sind. Sollten sie tatsächlich zeitnah zusammen in einer Apotheke gekauft worden sein, hätten in der Apotheke wohl nur dann die Alarmglocken schrillen können, wenn durch intensive Befragung die zeitliche Koinzidenz der Symptome offenkundig geworden und eine CO-Vergiftung in Betracht gezogen worden wäre. Um den Verdacht zu bestätigen, hätte man darauf drängen müssen, dass in dem Haus eine CO-Messung durchgeführt wird.

Aber ist das in Hoch-Zeiten von grippalen Infekten ein realistisches Szenario? Hätte das tragische Unglück, sollte es sich denn so abgespielt haben, durch aufmerksames pharmazeutisches Personal verhindert werden können? Eher unwahrscheinlich! Was wirklich geholfen hätte und tatsächlich schützen kann, ist die Installation von CO-Meldern. Das haben viele begriffen. Die Geräte sollen kurz nach dem Ereignis zumindest in Baumärkten im Stuttgarter Raum ausverkauft gewesen sein.

Doris Uhl

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