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Kongresse

Laumann: Rx nur über öffentliche Apotheken!

Bericht vom Zukunftskongress öffentliche Apotheke

BONN (diz) | „Wir wollen, dass der Handel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln nur über die öffentliche Apotheke läuft“, sagte Karl-Josef Laumann (CDU), Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, auf dem 10. Zukunftskongress öffentliche Apotheke. Und der Philosoph Richard David Precht machte den Apothekern Mut: Empathieberufen gehört die Zukunft – der Apothekerberuf gehört dazu. Über 450 Teilnehmer waren am 17. Februar 2018 ins World Conference Center nach Bonn gekommen, um sich Gedanken zur Zukunft der Apotheke zu machen.

Thomas Preis, Vorstandsvorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein, hofft auf eine baldige Regierungsbildung. Der Koalitionsvertrag beinhalte entscheidende Passagen, mit denen die Vor-Ort-Apotheken gestärkt würden. So setze sich der Vertrag für gleichwertige Lebensbedingungen in Stadt und Land ein, insbesondere auch im Bereich Gesundheits- und Pflegeversorgung. Die Apotheken leisteten schon immer einen ­Beitrag dazu, so Preis, und könnten dies auch weiterhin, wenn, wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, die Preisgleichheit bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln erhalten bleibe und ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln umgesetzt werde, wie es der Koalitionsvertrag vorsehe. Preis: „Dieses Statement war über­fällig, jetzt muss schnell gehandelt werden.“

Der Koalitionsvertrag spricht sich ­außerdem für die Schulgeldfreiheit aller Berufe im Gesundheitswesen aus, d. h. also auch für PTA-Schulen – auch dies trage zur Stärkung der ­öffentlichen Apotheken bei.

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Thomas Preis, Vorsitzender des AV Nordrhein, freute sich über den großen Zuspruch: Der Zukunftskongress öffentliche Apotheke fand bereits zum zehnten Mal statt.

Außerdem sieht der Koalitionsvertrag vor, die Digitalisierung voranzutreiben. Die Heilberufe schließen sich dem gerne an, solange die Digitalisierung die heilberuflichen Tätigkeiten unterstützt, wie Preis erläuterte, aber die heilberuflichen Entscheidungen von Ärzten und Apothekern dürfen nicht durch die Digitalisierung ersetzt werden.

Preis freute sich, dass die Aktivitäten im Bereich Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) gefördert und ausgebaut werden sollen. Dazu gehöre auch, den Apotheker beim Medikationsplan stärker einzubinden.

Das Thema Apothekenhonorar sparte Preis nicht aus: „Wir gehen davon aus, dass dieses Thema neu aufgegriffen wird und zu einer Lösung kommt, wir brauchen Planungssicherheit beim Honorar. Eine Erhöhung des Apothekenhonorars ist eine Kernforderung an die neue Bundesregierung, einen weiteren Honorarstillstand werden viele Apotheken nicht mehr verkraften.“

Auf das beim Wirtschaftsministerium liegende Honorargutachten, nach dessen Berechnung jede Apotheke durchschnittlich mehr als 40.000 Euro zu viel Honorar erhalte, ging Preis allerdings nicht ein. Die ABDA hatte ihre Mitgliedsorganisationen angehalten, das Gutachten nicht mehr zu thematisieren, da es von unzutreffenden Berechnungsgrundlagen ausginge, die keine weitere Basis für Diskussionen biete.

Auch bei der Freiberuflichkeit sehe man die neue Große Koalition, so sie denn kommt, an der Seite der Apotheker, stellte Preis heraus. Die nordrhein-westfälische Landesregierung habe sich für eine Stärkung der Freien Berufe ausgesprochen, auch der berufsständischen Versorgungswerke. Preis’ Wunsch an die Politik: Apotheker brauchen Planungssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen.

Ohne Wenn und Aber für Rx‑Versandverbot

„Die Vor-Ort-Apotheke soll eine ­Zukunft haben“, dafür will sich Karl-Josef Laumann, Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, einsetzen. In seinem Land habe man mit der Arzneimittelversorgung keine Probleme, stellte er fest, keine Briefe von Leuten, die sich über die Apotheken beschwerten. „Das Apothekenwesen ist in Ordnung, da muss man nichts ändern“, folgerte er. Auch die Freiberuflichkeit müsse erhalten bleiben, sie sei für unsere Gesellschaft wichtig.

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Karl-Josef Laumann, Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, will die Struktur der öffentlichen Apotheke erhalten. Ein Rx-Versandverbot ist dazu unabdingbar.

Mit Blick in Richtung Bundespolitik machte er unmissverständlich deutlich: „Wir wollen, dass der Handel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln nur über die öffentliche Apotheke läuft.“ Denn man würde die Struktur der Präsenz-Apotheken verändern, gäbe man dieses Prinzip auf. Dem NRW-Gesundheitsminister ist klar: Wenn man heute etwas verbieten will, braucht man gute Argumente. Und die glaubt er zu haben: Fürs Gesundheitswesen ist es gut, wenn die Abgabe von Arzneimitteln mit Beratung verbunden ist. Gerade verschreibungspflichtige Arzneimittel sind eine besondere Ware, so Laumanns persönliche Überzeugung, und deswegen ist die Abgabe an den besonderen Ort Apotheke gebunden: „Diese Arzneimittel dürfen nicht aus der Apotheke herausgelöst werden, sonst gibt es keine Beratung mehr für die, die sie brauchen, nämlich vor allem die Älteren.“ Es sei zwar gut, dass der Arzt die Anwendung des Arzneimittels erkläre, aber wenn es der Apotheker in der Apotheke nochmal erklärt, sei dies viel besser. Laumann zeigte sich froh darüber, dass der Passus zum Rx-Versandverbot trotz anfänglicher Widerstände der SPD in den Koalitionsvertrag aufgenommen wurde.

Ein großes Anliegen von Laumann ist es zudem, die flächendeckende Versorgung zu erhalten. Es müsse ausreichend Ärzte im ländlichen Bereich geben. Und er will sich dafür einsetzen, dass der Beruf des Hausarztes, des Allgemeinmediziners aufgewertet wird. „Deshalb“, so Laumann, „brauchen wir eine Professur für Allgemeinmedizin“. Man wolle junge angehende Ärzte dafür gewinnen, als Hausarzt zu arbeiten. In einer neuen Fakultät in Bielefeld mit dem Schwerpunkt Allgemeinmedizin sollen zusätzlich Ärzte für diesen Bereich ausgebildet werden. Laumann möchte eine Landarztquote einführen: Zehn Prozent der Studienplätze sollen an junge Menschen vergeben werden, die sich verpflichten aufs Land zu gehen.

Ein weiteres Anliegen Laumanns ist die Verbesserung der Notfallversorgung, hier fehle die Patientennähe. Notfallpatienten gingen immer häufiger sofort ins Krankenhaus statt zur Notfallpraxis. Laumann appellierte an die Krankenhausgesellschaft und die Kassenärztliche Vereinigung, gemeinsam eine sektorübergreifende Lösung zu finden. „Und wir müssen dies mit dem Apothekennotdienst koordinieren“, so Laumann.

Apotheker mit Empathie gefragt!

Der Philosoph Richard David Precht zeichnete in seinem Festvortrag ein Zukunftsszenario: Wir leben in der vierten industriellen Revolution, der digitalen Revolution, auch wenn sich Manches nur langsam verändert, aber die Veränderungen sind da. Precht geht davon aus, dass in einigen Jahren unsere Erwerbsgesellschaft eine andere sein wird, die Arbeit wird weniger, vor allem auch Dienstleistungen werden weniger. Er ist überzeugt, dass wir alle weniger arbeiten. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Der Mensch arbeitete in den letzten Jahren kontinuierlich weniger, früher waren es mal 82 Stunden in der Woche, heute nähern wir uns der 28-Stunden-Woche. Viele Berufe werden wegfallen. Natürlich gilt dies nicht für alle Berufe, sondern eher für „langweilige“ Berufe, z. B. für Fahrberufe wie Busfahrer, Lkw-Fahrer, wenn die selbstfahrenden elektrischen Autos kommen. Precht geht davon aus, dass dann wohl ein Grundeinkommen für alle eingeführt wird. Die Motivation, dann dennoch zu arbeiten, wird allerdings bleiben, denn alles, was man hinzuverdient, kann man behalten.

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Der Philosoph Richard David Precht sieht auch in und nach der digitalen Revolution große Chancen für den Apotheker, wenn er seine Empathie einsetzt.

Die Digitalisierung hat viel positives Potenzial, vor allem im Verkehrswesen und in der Medizin. „Diese Entwicklung wird niemand aufhalten“, so Precht. Wichtig ist, dass Datensicherheit gewährleistet ist. Die neue Datenschutz-Grundverordnung könne man daher nur begrüßen. Anonymisierte Daten erlauben in der Medizin viele Möglichkeiten in Diagnostik und Prognostik. Dennoch, alles nur technisch zu sehen mit den Augen eines Informatikers und mithilfe von Bioalgorithmen, wird nicht die richtige Richtung sein. Ein Mehr an Menschlichkeit wird gefragt sein, so Precht. Daher sieht er für die Gesundheitsberufe eine positive Zukunft voraus, denn es sind Empathie-Berufe. Sie werden in Zukunft noch mehr das machen, was die Menschen dann benötigen, nämlich persönliche Zuwendung. Gesundheitsberufe werden versorgen, sich kümmern und coachen, so Precht. Er ist überzeugt, dass der Hausarzt nicht ausstirbt, im Gegenteil. Man braucht nicht nur Spezialisten, sondern auch Ärzte, die den ganzen Menschen sehen, ihm zuhören, ihn berühren. Die Menschen werden bei aller Digitalisierung in Zukunft, mehr denn je, den Kontakt zum Menschen suchen. Das erfordert Empathie, Zuwendung, vor allem im Gesundheitsbereich. Daher sind auch Apotheker gefragt, die sich um die Menschen kümmern, sich dem Menschen zuwenden, ihn persönlich ansprechen.

Zukunftspreis öffentliche Apotheke

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Die Preisverleihung (v. l.): NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, Stefanie Kaufmann, Gabriele Neumann, Birte Streich und Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein.

Drei beispielgebende Initiativen von Apothekerinnen aus Aachen, Köln und Solingen hat der AV Nordrhein mit dem „Zukunftspreis öffentliche Apotheke“ ausgezeichnet. Im Rahmen der Preis­verleihung lobte Karl-Josef Laumann, Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, die Projekte der drei Preisträgerinnen als beispielgebende Initiativen mit Modellcharakter.

Die Gewinnerinnen des „Zukunftspreises öffentliche Apotheke“:

  • 1. Preis: Apothekerin Gabriele Neumann (Karls-Apotheke, Aachen) für die heilberufliche Kooperation mit der Ärzteschaft zur Gesundheitsprävention „Aachen gegen den Schlaganfall“.
  • 2. Preis: Apothekerin Stefanie Kaufmann (Viktoria-Apotheke, Köln) für das Projekt „Versorgung von Patienten mit Mukoviszidose: individuell und rund um die Uhr“.
  • 3. Preis: Apothekerin Birte Streich (Bergische Apotheke im Kaufland, Solingen) für das Projekt „Selbstmedikation im Fokus – am besten persönlich beraten in der Apotheke“.

Alle setzen auf die Apotheke

Die berufspolitische Diskussion auf dem Zukunftskongress fand mit Gesundheitspolitikern, Mitgliedern des Bundesgesundheitsausschusses aller im Bundestag vertretenen Fraktionen, statt. Dr. Georg Kippels (CDU/CSU) und Dirk Heidenblut (SPD) freuten sich über den erreichten Koalitions­vertrag. Während Kippels das Rx-Versandverbot rundum begrüßt, machte Heidenblut deutlich, dass man es zwar mittragen wolle, aber „es bleibt eine Skepsis, ob es auch die juristischen und wettbewerbsrechtlichen Hürden nimmt“. Bei fast allen Oppositionsparteien stößt das Rx-Versandverbot allerdings nach wie vor auf Ablehnung. Nach Maria Klein-Schmeinck (Bündnis 90/Die Grünen) wird ein solches Verbot europarechtlich nicht zu halten sein. Sie möchte den Apotheken lieber ein neues Honorarsystem schmackhaft machen. Für Katrin Helling-Plahr (FDP) passt ein Versandverbot einfach nicht in unsere Zeit, in der alles in Richtung Digitalisierung zeigt. Ein anderes Honorierungssystem wäre für sie die richtige Richtung. Auch Jörg Schneider (AfD) hält nichts von einem Rx-Versandverbot, setzt aber dennoch auf die Apotheke vor Ort. Nur Sylvia Gabelmann (Die Linke), selbst Apothekerin von Beruf, weiß, dass ein Rx-Versandverbot für die Apotheken, aber erst recht für die Menschen notwendig ist. Für die Abgabe von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ist Beratung vor Ort unabdingbar, so Gabelmann. Einig waren sich alle Oppositionsparteien darin, dass man Apotheken auch in Zukunft braucht. Man sollte die Apotheken allerdings eher durch eine andere Honorarstruktur fördern, z. B. auch Dienstleistungen und Beratungsleistungen honorieren und die Kompetenzen der Apotheker besser nutzen, statt Versandverbote zu erlassen.

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Die berufspolitische Diskussion mit allen im Bundestag vertretenen Parteien zeigte die Unterschiede: Während Union und SPD sich dank Koalitionsvertrag für ein Rx-Versandverbot einsetzen wollen, geben die Oppositionsparteien FDP, Grüne und AfD dem keine Chance. Sie setzen eher auf ein neues Honorierungssystem für Apotheken.

AMTS auf gutem Weg

Die Bemühungen um mehr Arznei­mitteltherapiesicherheit (AMTS) in Deutschland sind auf einem guten Weg. 2008 rief das Bundesgesundheitsministerium den ersten Aktionsplan zur Verbesserung der AMTS ins Leben, 2016 wurde der vierte Aktionsplan aufgelegt mit insgesamt 42 Maßnahmen, die bis 2019 angegangen werden. Prof. Dr. Ulrich Jaehde, Mitglied der Koordinierungsgruppe Aktionsplan AMTS und Leiter des Pharmazeutischen Instituts der Uni Bonn, gab einen Einblick, was in den zehn Jahren AMTS bereits erreicht wurde. Ziel ist es, alle Beteiligten für vermeidbare Risiken der Arzneimitteltherapie zu sensibilisieren. Im Apothekenbereich sind vor allem der Medikationsplan und die Medikationsanalyse hervorzuheben. Der Apotheker kann bereits anhand der Medikationsdaten arzneimittelbezogene Probleme (ABP) lösen. Nimmt er noch die Informationen aus dem Patientengespräch und in der dritten Stufe die klinischen Daten hinzu, so können anhand dieser Informationen die meisten arzneimittelbezogenen Probleme gelöst werden.

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Prof. Dr. Ulrich Jaehde ist überzeugt: Der Medikationsplan ist nicht gescheitert, er kommt.

Den Medikationsplan sieht Jaehde nicht als gescheitert an, aber es gibt Nachbesserungsbedarf, z. B. eine bessere technische Einbindung in den Alltag über eine elektronische Version, die Einbeziehung der Apotheke, klare Regelungen von Verantwortlichkeiten und die Schaffung von Vergütungsstrukturen. Jaehde wies daraufhin, dass derzeit bereits einige Modellprojekte mit Krankenkassen laufen, die zeigen, wie sinn- und wertvoll die AMTS-Leistungen der Apotheken sind, um ABPs zu lösen und zu verringern, wodurch letztlich Kosten gespart werden. Ein weiterer Schritt und Zukunftsaufgabe ist die Stärkung der Patientenkompetenz. |

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