DAZ aktuell

„Ärzte verschreiben Fluorchinolone zu leichtfertig!“

„Stern TV“ warnt vor den Risiken von Ciprofloxacin und Co.

ms | In der öffentlichen Diskussion über die schwerwiegenden Nebenwirkungen von Fluorchinolonen hat sich nun auch die Sendung „Stern TV“ zu Wort gemeldet. Zu Gast waren eine betroffene Patientin sowie Prof. Dr. Gerd Glaeske. Die Sendung wies auf die Folgeschäden hin, die durch die Therapie mit Fluorchinolonen entstehen können. Das Hauptproblem sei, dass die Antibiotika zu häufig und oft unnötig verschrieben werden.
Foto: Schwanen Apotheke, Stuttgart
Umstrittene Antibiotika: Immer mehr Patienten berichten von schwerwiegenden Einschränkungen nach einer Fluorchinolon-Behandlung.

Fluorchinolone sind Breitband-Antibiotika mit sehr guter Wirksamkeit. Für öffentliches Aufsehen sorgen sie derzeit aber vor allem wegen ihrer teils schwerwiegenden Nebenwirkungen. Dazu zählen unter anderem Sehnenrupturen der Achillessehne oder QT-Zeit-Verlängerungen am Herzen sowie ihr neurotoxisches Potenzial. Derzeit berichten immer öfter betroffene Patienten über ihre Erfahrungen. So auch in der RTL-Sendung „Stern TV“ am vergangenen Mittwoch. Zu Gast war Birgitta Anton. Sie bekam vor zwei Jahren Ciprofloxacin zur Behandlung ihrer Blasen- und Nebenhöhlenentzündung verschrieben. Sie berichtete, dass sie seit der Behandlung unter Angst­attacken, chronischem Muskel­abbau und einer Gastroparese, einer Motilitätsstörung des Magens, leide. Es sei für sie nicht mehr möglich, normal zu essen und zu trinken. Ein massiver Nährstoffmangel sei die Folge und sie habe acht Kilogramm Gewicht verloren.

Fluorchinolone unter Verdacht

Keine Wirkung ohne Nebenwirkung, das gilt auch für die Fluorchinolone. So sind schädigende Wirkungen auf das muskuloskelettale System zwar bekannt, wurden bislang aber in Kauf genommen. Doch immer mehr Patienten melden sich zu Wort, die seit der Behandlung mit schweren Einschränkungen leben müssen. Stimmt die Nutzen-Risiko-Bilanz noch? Der Schwerpunkt in der DAZ 2018, Nr. 4, S. 33 geht der Frage nach.

Glaeske kritisiert hohe Verordnungszahl

Komplikationen durch Fluorchinolone sind allerdings nichts Neues. Etliche Vertreter der Substanzklasse wurden aufgrund von Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen, Rote-Hand-Briefe und Indikationseinschränkungen begleiten auch die noch verbleibenden Wirkstoffe Ciprofloxacin, Levofloxacin, Moxifloxacin und Norfloxacin. Derzeit läuft ein europäisches Risikobewertungsverfahren, das insbesondere die Persistenz aufgetretener unerwünschter Fluorchinolon-Wirkungen evaluieren will. In der Sendung zu Gast war auch Prof. Dr. Gerd Glaeske, Arzneimittelversorgungsforscher der Universität Bremen. Er kritisierte, dass Fluorchinolone zu leichtfertig und zu häufig verschrieben werden. Der Marktanteil dieser Antibiotika liegt laut „Stern TV“ bei rund 16 Prozent. Eigentlich sind Fluorchinolone als Reserveantibiotika eingestuft, sollen daher nur dann eingesetzt werden, wenn andere Antibiotika nicht anschlagen, betonte Glaeske. Laut einer in der Sendung erwähnten Studie von Glaeskes Institut der Universität Bremen würde aber die Hälfte der Frauen, die ihre Blasenentzündung mit Antibiotika therapieren, ein Fluorchinolon verschrieben bekommen. Dass diese Reserveantibiotika in dieser Häufigkeit verschrieben werden, hat Glaeske überrascht, zumal die Nebenwirkungen seit Langem bekannt sind. Birgitta Anton erzählte, dass sie niemand auf die Risiken hingewiesen habe, weder Arzt noch Apotheker. Den Beipackzettel habe sie selbst auch nicht zurate gezogen. „Jedes Medikament hat natürlich zigtausend Nebenwirkungen. Dann könnte man ja nichts mehr nehmen“, erklärte Anton. Sie habe sich daher auf Arzt und Apotheker verlassen. Glaeske wünscht sich eine Leitlinie für Ärzte, damit sie wissen, wann sie welches Antibiotikum verschreiben können. Er forderte außerdem mehr Aufklärung: „Ein Arzt müsste die Nebenwirkungen ansprechen. Das passiert viel zu selten!“.

USA: Nebenwirkungen als eigenes Krankheitsbild

Auch den Vergleich zu anderen Ländern zog „Stern TV“. Die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA warnte bereits 2016 in einer groß angelegten Kampagne vor unter Umständen dauerhaften Schäden durch Fluorchinolone. Zudem ist in den amerikanischen Produktinformationen und auf der Packung eine sogenannte Black-Box-Warnung enthalten, die Patienten auf das Risiko potenziell irreversibler körperlicher Behinderungen hinweist. In der Sendung wurde auch darauf verwiesen, dass in den USA die Nebenwirkungen von Fluorchinolonen als eigenes Krankheitsbild anerkannt sind. Im Jahr 2015 hatte die FDA das Sym­ptomenspektrum von dauerhaften ­körperlichen Einschränkungen unter dem Begriff „Fluoroquinolone-Associated Disability (FQAD)“ zusammengefasst. Zu betonen ist, dass FQAD keine Diagnose ist, sondern ein Cluster von Symptomen, das nach Chinolon-Einnahme beobachtet wurde. |

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