Aus den Ländern

Gegen das Honorargutachten angehen

Arbeitgeberverband TGL Nordrhein diskutiert aktuelle Lage

DÜSSELDORF (hb) | Am 31. Januar fand in Düsseldorf die diesjährige Jahreshauptversammlung der Tarifgemeinschaft der Apothekenleiter (TGL) Nordrhein statt. In ihrem Bericht ging die Vorsitzende der TGL Dr. Heidrun Hoch auf das aktuelle politische Szenario ein und sparte dabei nicht mit Kritik, ermutigte die Kollegen aber auch, die Bedrohung durch das Honorargutachten offensiv anzugehen.

Die derzeitige Situation der Apotheken ist aus der Sicht von Dr. Heidrun Hoch, Schermbeck, vom Stillstand nach dem EuGH-Urteil zum Rx-Versandhandel geprägt. Seitdem seien die deutschen Apotheken den Exzessen eines in höchstem Maße unfairen Wettbewerbs ausgesetzt. Mit einer Unterstützung durch die Krankenkassen sei diesbezüglich nicht zu rechnen, meint Hoch, denn der GKV-Spitzenverband vertrete trotz der einheitlichen Preisvorschriften im Rahmenvertrag den Standpunkt, dass dieser nun „europarechtskonform ausgelegt werden müsse“.

Ganzheitlicher Versorgungs­auftrag wird ignoriert

Verstärkt wird die Bedrohung der Apotheken durch das Honorargutachten. Würden die Empfehlungen eins zu eins umgesetzt, so könnte dies für viele Apotheken das Aus bedeuten, befürchtet Hoch. In dem Gutachten werde versucht, die Leistungen der Apotheken in Teilbereiche zu zerlegen, um dann für jeden Arbeitsvorgang einen eigenen Preis festzusetzen. Eine Gegenrechnung der erbrachten Leistungen, wie etwa die Einsparungen durch Rabattverträge, die Betreuung bei Bagatellerkrankungen, die Vermeidung von Krankenhausaufenthalten, Arzneimittelchecks und die Compliance-Förderung durch die persönliche Ansprache, werde darin jedoch nicht vorgenommen. So ignoriere das Gutachten ganz einfach den ganzheitlichen Versorgungsauftrag der Apotheke, obwohl dieser gesetzlich verankert sei.

Foto: H. Blasius
TGL-Vorstand (v. l.): U. Hecht-Neuhaus, Dr. R.-G. Westhaus, W. Wagner, Dr. H. Hoch.

ABDA „unverantwortlich“

Die Verweigerungshaltung der ABDA, in die politische Auseinandersetzung über den Text einzusteigen, wertete Hoch als „Überheblichkeit“ und „in höchstem Maße unverantwortlich“. „Wer sich dem Dialog entzieht, hat nach meinem Dafürhalten die Prinzipien politischer Auseinandersetzung nicht verstanden und sollte darüber nachdenken, sofern er ein öffentliches Amt bekleidet, wofür er eigentlich gewählt worden ist“, betonte die TGL-Vorsitzende. Sie fordert stattdessen, aktiv auf politische oder gesellschaft­liche Widersacher zuzugehen, Ge­spräche zu suchen, Informationen zu vermitteln, Überzeugungsarbeit zu leisten und möglichst auch Empathie aufzubauen. Die Zeit sei reif für eigene Lösungsvorschläge, ist Hoch überzeugt. Nur werde man die Probleme von heute sicher nicht mit den Denkweisen von gestern lösen können.

Es gehe darum, den immateriellen, d. h. den heilberuflichen Anteil der Leistung der Apotheken möglichst gut herauszuarbeiten. Dabei mahnte sie, dass dies auch in der Praxis erlebbar sein müsse.

Neuer Vorstand und Beirat

In der Jahreshauptversammlung wurden Vorstand, Beirat und Kassenprüfer der TGL Nordrhein gewählt.

Vorstand: Dr. Heidrun Hoch (1. Vorsitzende), Constantin Biederbick, Ute Hecht-Neuhaus, Wolf Wagner, Dr. Rolf-Günther Westhaus

Beirat: Dr. Wolfgang Boventer, Dr. Claus Breuer, Alexey Bronov, Brigitte Kleinehanding, Dr. Andrea Ludwig

Kassenprüfer: Axel Bader, Dr. Holger Goetzendorff

„Hauen Sie einen Vorschlag raus, und zwar aus allen Rohren“

Unterstützung bekam Hoch in ihrem Appell zum Handeln von dem Gast­referenten Prof. Dr. Andreas Kaapke von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Standort Stuttgart. Kaapke brachte zunächst einige Kritik an der Erarbeitung des Gutachtens vor. Die Betroffenen im Apothekenbereich seien viel zu wenig einbezogen gewesen, monierte Kaapke, und „das Ding rauszuhauen“, ohne es den Kon­trollgremien noch einmal vorzulegen, sei „ein Skandal“. Angesichts einer ­Bearbeitungszeit von 18 Monaten sei das Ergebnis im Übrigen zu mager. Bei einem branchenfremden Gutachter habe er eigentlich eigene pragmatische Vorschläge erwartet. Stattdessen heiße es „basarmäßig“: „das eine rauf, das andere runter.“ Es sei nun an den Apothekern, rasch einen alternativen ­Vorschlag zu präsentieren, und zwar besser einen 80prozentigen, als jetzt noch mal vier bis fünf Monate lang „rumzuoptimieren“. „Hauen Sie einen Vorschlag raus, und zwar aus allen Rohren“, lautete Kaapkes unmissverständlicher Appell, „jetzt ist Stürmen angesagt“. Außerdem riet Kaapke dringend dazu, hierbei den Schulterschluss mit dem Großhandelsverband Phagro zu suchen und sich damit hinsichtlich der Wertschöpfungskette nicht auseinanderdividieren zu lassen.

Moderater Tarifabschluss und Überarbeitung von LOB

Die TGL-Vorsitzende ging bei der Tagung auch auf den „moderaten“ Tarifabschluss mit der Apothekengewerkschaft Adexa ein. Hiermit habe die TGL für die anstehenden zwei Jahre ­eine gute Grundlage geschaffen, auf der die Apothekenleiter planen können, führte Hoch aus. Mit den Erhöhungen, die durchgängig etwas über dem Abschluss des Bundesverbandes ADA mit Adexa liegen, wolle die TGL eine Vorreiterrolle einnehmen und gleichzeitig ein Zeichen setzen, dass man bereit sei, die Leistungen der Mitarbeiter anerkennend zu honorieren. Mit den Änderungen, die seit Januar 2018 wirksam sind, sei außerdem für alle Berufsgruppen eine neue Gehaltsstufe (ab 10. Berufsjahr) eingeführt worden (siehe DAZ 2017, Nr. 50, S. 26 und 97).

In diesem Jahr will die TGL laut Hoch ihr Modell der leistungsorientierten Bezahlung (LOB) unter dem Arbeits­titel „LOB light“ überarbeiten und vereinfachen. Dabei denke man an bestimmte Leistungspakete mit besonderen Mitarbeiter-Qualifikationen, wie etwa auf den Gebieten Seniorenbetreuung, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit oder Betriebswirtschaft, die noch im Einzelnen zu definieren sind. Bei der nächsten Jahresversammlung der TGL will der Vorstand eine ab­stimmungsreife Vorlage hierzu präsentieren. |

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