Rezension

Was wir aus Skandalen gelernt haben

16 tragische Fälle aus der Medizin und Pharmazie - und deren Folgen bis heute

Medizinskandale haben „das Zeug zur Arznei“ – so lautet die These, die Eckart Klaus Roloff und Karin Henke-Wendt ihrem Buch „Geschädigt statt geheilt“ voranstellen. Der erhellenden Einleitung folgen 16 verschiedene Skandale, die die Autoren in ihrem flüssig geschriebenen und sehr gut lesbaren Buch unter die Lupe nehmen.

Die Auswahl ist gelungen, zumal hier bekannte Skandale (z. B. Contergan) mit eher unbekannten Fällen (z. B. Robodoc-Skandal) vereint werden oder mit solchen, die erst jüngst einiges Aufsehen erregt haben (z. B. Bottroper Krebsmittel-Skandal).

Die These einer potenziell heilsamen Wirkung von Medizinskandalen überzeugt, denn nicht wenige Normen und Standards im Gesundheitswesen sind das mittelbare Ergebnis eines Medizinskandals. Ziel des Buches ist daher auch, das Bewusstsein für Probleme in diesem Sektor zu schärfen. Doch in der Einleitung wird auch ein zentrales Problem deutlich. Unklar bleibt, wie Roloff und Henke-Wendt einen Skandal genau verstanden wissen möchten. Einerseits beziehen sie sich durchaus überzeugend auf die neuere Skandalforschung, die einen Skandal als soziales Phänomen versteht, bei dem ein tatsächlicher oder vermeintlicher Normverstoß zum Gegenstand einer plötzlichen und medial getragenen öffentlichen Empörung wird (S. 12 – 14). Andererseits bezeichnen die Autoren einen Skandal aber auch als das verwerfliche Geschehnis an sich, das unter bestimmten Umständen publik wird, unter anderen jedoch nicht (S. 15). Letztlich changieren Roloff und Henke-Wendt zwischen beiden Begriffsverwendungen: „Skandal“ als Sachbeschreibung eines sozialen Phänomens und als subjektives Werturteil. Diese Unschärfe zieht sich durch das ganze Buch.

Die Kapitel zu den verschiedenen Einzelskandalen sind unterschiedlich aufgebaut. Während etwa der Abschnitt zu Contergan sich vor allem auf eine Ereignischronik beschränkt, sind andere Kapitel eher erzählerisch angelegt. Andere Kapitel (etwa zu Serienmorden in Kliniken und Altenheimen) präsentieren zum Teil schon veröffentlichte Texte. Viele Kapitel sind kenntnisreich geschrieben und lassen sich mit Gewinn lesen. Die Kapitel zum Bluter-Skandal, zu den Organspende-Skandalen und zu den Serienmorden zählen zu den stärkeren Passagen, als ganz vorzüglich sind die Kapitel über Gustl Mollath und den Hochstapler Gerd Postel zu werten.

Es beeindruckt durchaus, wie sich Roloff und Henke-Wendt in die Einzelheiten der 16 verschiedenen Fälle eingearbeitet haben. Alle werden konzis wiedergegeben, sodass man einen guten Überblick über die Skandale erhält. Doch die Vielzahl führt auch zu Schwächen, die man den Autoren freilich nur bedingt anlasten kann. Da Roloff und Henke-Wendt keineswegs alles selbst gründlich aufarbeiten können, müssen sie sich auf andere Literatur stützen. Misslicherweise handelt es sich dabei zum Teil um Presseberichte, die die Skandale überhaupt erst erzeugt haben. Medien müssen dabei aber, wie die Autoren selbst betont haben, „filtern“, was „bis zu Manipulationen, Verzerrungen und einseitiger Personalisierung führen“ kann (S. 13). Indem sie sich zum Teil selbst auf solche Medienberichte stützen, übernehmen sie solche Verzerrungen und Einseitigkeiten.

Als beispielhaft kann hier das Kapitel zu Duogynon stehen. Roloff und Henke-Wendt stützen sich vor allem auf Medienberichte, die im Detail oft ungenau sind, häufig stark selektiv berichten und sich dabei meist auf eine Opfer-Sicht beschränken, die natur­gemäß subjektiv ist. So werden Zitate nicht selten aus dem Zusammenhang gerissen, während relativierende Aussagen unerwähnt bleiben. Hier wäre mehr Skepsis gegenüber dem sensa­tionsorientierten Anklagegestus mancher Medien wünschenswert gewesen, zumal ein akribisches und unvoreingenommenes Quellenstudium oft ein anderes Bild bietet. Zu den weniger überzeugenden Kapiteln zählen auch die anderen „historischen“ Skandale, da die Fälle nicht hinreichend aus den zeitgenössischen Rahmenbedingungen, Kenntnissen und Problemlagen heraus beurteilt werden.

Allen Einwänden zum Trotz ist das Buch aber insgesamt durchaus zu empfehlen. Mit einer gesunden Portion Skepsis gegen moralisierende Gut-Böse-Schematisierungen gelesen, bietet es eine gewinnbringende, informative und kurzweilige Lektüre. |

Dr. Niklas Lenhard-Schramm, Uni Münster

Eckart Klaus Roloff, Karin Henke-Wendt
Geschädigt statt geheilt – Große deutsche Medizin- und Pharmaskandale

56 S., 29 s/w Abb., 15,3 × 23,0 cm
Kartoniert, 22,- Euro
ISBN 978-3-7776-2763-2
S. Hirzel Verlag, 2018




Einfach und schnell bestellen:
Deutscher Apotheker Verlag Postfach 10 10 61, 70009 Stuttgart
Tel. 0711 25 82-341 Fax: 0711 25 82-290
E-Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de
oder unter www.deutscher-apotheker-verlag.de

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Blick auf die Schattenseiten der Medizin und Pharmazie

Himmel und Hölle liegen nah beieinander

Die Gewinner des DAZ-Osterrätsels stehen fest

Wir gratulieren

Ursachen der Präzipitatbildung und Lösungsstrategien

Was tun, wenn der Wirkstoff ausfällt?

Diagnose und Therapie der Hypertonie

Zu viel Druck

Ein Muss für AMTS-Manager, ATHINA-Apotheker und Anhänger der Medikationsanalyse!

Der Patient im Fokus

Mechanismen der Krebsentstehung und Eingriffsmöglichkeiten

Zellen außer Kontrolle

Buchbesprechung: Vorstellung der neuen „Formelsammlung“

Damit können Sie rechnen!

Eine Tour durch Deutschlands Museen für Medizin und Pharmazie

Arznei- und Heilkunde im Museum

Anticraving-Mittel und ihre Bedeutung in der Therapie der Alkoholabhängigkeit

Keine Lust auf Sucht!

Aktualisierungen der Gefahrstoff- (GefStoffV) und der Chemikalienverbotsverordnung (ChemVerbotsV)

Die Konsequenzen sind überschaubar

0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.