Aus den Ländern

Epilepsie – Krankheit mit 1000 Namen

Traditionelle Herbsttagung der DGGP Baden-Württemberg

Das Fachwerkdorf Kehl-Kork, idyllisch zwischen Schwarzwald und Vogesen gelegen, beherbergt neben einem großen Epilepsiezentrum auch das Deutsche Epilepsiemuseum. Die „Krankheit mit den 1000 Namen“ stand daher im Mittelpunkt der traditionellen pharmaziehistorischen Herbsttagung, zu der die Landesgruppen Baden und Württemberg der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie (DGGP) am 20./21. Oktober eingeladen hatten.
Foto: DGGP
Die Organisatoren und Referenten der Tagung (v. l.): Prof. Dr. Marcus Plehn, Dr. Markus Kiefer, Dr. Stefanie Bomann-Degen, Dr. Hansjörg Schneble, Prof. Dr. Michael Mönnich.

Die beiden Vorsitzenden, Professor Michael Mönnich und Professor Marcus Plehn, begrüßten etwa 70 interessierte Kollegen und Kolleginnen aus nah und fern und dankten der Landesapothekerkammer Baden-Württemberg für ihre großzügige Unterstützung.

Vom Fraisenhemd zum Ionenkanalblocker

Im ersten Vortrag führte Dr. Hansjörg Schneble, ehemals Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Epilepsiezentrum Kork und Gründer des Epilepsiemuseums, in spannender Art und Weise in die fast 4000-jährige Geschichte der Epilepsie ein. Die Epilepsie betrifft etwa 3% der Bevölkerung und ist seit dem Altertum bekannt. Verschiedene Hochkulturen gaben ihr unterschiedliche Namen: Die Babylo­nier nannten sie bênu, die Ägypter nśjt, bei den Indern hieß sie Apasmâra. Früher galt die Epilepsie oftmals als heilige, göttliche Krankheit: Morbus Sacer. Priester versuchten, sie durch Gebete zu behandeln, das einfache Volk versprach sich Linderung durch Schutz-Amulette. Kleine Kinder versuchte man durch das Anlegen von Fraisenhemden oder einer Fraisen­kette vor den Krampfanfällen zu schützen („fraisen“ = alte Bezeichnung für Epilepsie). Nicht selten wurde die Krankheit auch dämonisiert – im Extremfall sollte ein Exorzismus die Dämonen vertreiben.

Hippokrates (450 v. Chr.) wandte zur Behandlung der Epilepsie vorwiegend die Diätetik an. Zusätzlich setzten die Ärzte physikalische Maßnahmen wie Bäder und Massagen sowie Aderlässe ein. Auch chirurgische Methoden – Trepanationen – wurden durchgeführt. Als Heilmittel aus dem Pflanzenreich diente vor allem die Pfingstrose sowie Zwiebeln und Pfeffer. Aus dem Reich der Animalia stammten Castoreum, Krebssteine und Menschenblut, an Mineralien wurden Edelsteine und Kupfer eingesetzt. Der Nutzen dieser Arzneimittel dürfte indes gering gewesen sein. Im 16. Jahrhundert führte Paracelsus das Silbernitrat in die Therapie ein. Erst 1857 kam mit dem bis heute noch vereinzelt indizierten Natriumbromid ein nachweislich wirksames Medikament auf den Markt, das erfolgreich bei „Grand-mal“-Patienten eingesetzt werden konnte. Im 20. Jahrhundert folgten die klassischen Antiepileptika wie Phenobarbital (1912), Phenytoin (1938) und Tegretal® (1963) bis hin zu den heutigen Ionenkanalblockern.

Tegretal® und Trileptal® – Meilensteine der Epilepsietherapie

Der in der Industrie tätige Apotheker Dr. Markus Kiefer begann sein Referat mit der Einführung des Neuroleptikums Chlorpromazin durch die Firma Rhone Poulenc im Jahr 1953. Ausgehend davon suchte die Forschungs­abteilung der Firma Geigy AG in Basel in den 1950er-Jahren ebenfalls ein Neuroleptikum. Als Grundstruktur wählte der Chefpharmakologe Robert Domenjoz das Iminodibenzyl (IDB) aus. Er zeigte dem Münsterlinger Psychiater Roland Kuhn diverse Strukturformeln zur Auswahl für klinische Tests. Intuitiv wählte Kuhn das IDB mit der Seitenkette des Chlorpromazins (Imipramin), das sich im Test tatsächlich als starkes Antidepressivum erwies und 1958 unter dem Namen Tofranil® auf den Markt kam.

Mit diesem Erfolg im Rücken synthetisierte Walter Schindler bei Geigy zahlreiche weitere Verbindungen. Als besonders vielversprechend erwies sich das Iminostilbenderivat Carbamazepin (Pat.-Nr. G32883). Es zeigte im Tierexperiment eine stark antikonvulsive Wirkung. Schon sechs Jahre nach der Laborsynthese kam es 1963 als Tegretal® in den Handel und war bald erste Wahl bei fokalen Anfällen. 1966 folgte Keto-Tegretol, das spätere Oxcarbazepin, das jedoch lange wegen unbefriedigender Test zurückgehalten wurde. Erst 1990, nach erfolgreichen neuen Tests mit höherer Dosierung, wurde die Substanz unter dem Namen Trileptal® in Dänemark erfolgreich auf den Markt gebracht. 2000 folgte die Einführung in Deutschland und anderen EU-Ländern. Trileptal® erwies sich als ebenso wirksam wie Tegretal®, besaß aber weniger Nebenwirkungen und ließ sich wegen schwächerer Enzyminduktion besser mit anderen Mitteln kombinieren. Es entwickelte sich zum Mittel der Wahl bei fokalen Anfällen jeden Alters.

Walther Zimmermann, Aufstieg und Fall eines Apothekers

Der abschließende Vortrag von Dr. Stefanie Boman-Degen befasste sich mit dem Apotheker Walther Zimmermann (1890 – 1945). Aufgewachsen in einer verarmten Familie, absolvierte er eine Apothekerlehre in Freiburg. Bereits in dieser Zeit begann er botanische Schriften zu veröffentlichen, wobei er sich vor allem den Orchideen widmete. Nach dem Pharmaziestudium arbeitete er zunächst als Krankenhausapotheker in Freiburg, später als Anstaltsapotheker (1917 – 1937) in der Heil- und Pflegeanstalt in Illenau. Zimmermann war außerordentlich rege publizistisch tätig. Das Spektrum seiner Veröffentlichungen umfasst Botanik über Krankenhauspharmazie bis hin zur Pharmaziegeschichte. Sein berühmtestes Werk ist zweifellos der bis 1970 in vielen Auflagen erschienene „Apothekerpraktikant“. Darüber hinaus engagierte Zimmermann sich in vielen Vereinen und war standespolitisch aktiv. Er war Gründungsmitglied der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie sowie der Vereinigung deutscher Anstalts- und Krankenhausapotheker. Die aufkommende Ideologie des Nationalsozialismus zog Zimmermann massiv in ihren Bann. 1937 siedelte er ohne seine Familie nach Berlin über, um dort in höchster standespolitischer Funktion zu arbeiten. 1941 kehrte er jedoch aus Berlin zurück und erwarb eine Apotheke im badischen Appenweier. Nach Kriegsende 1945 denunzierten einige Dorfbewohner den ehemals glühenden Anhänger des Nationalsozialismus. Zimmermann wurde festgenommen, gefoltert und schließlich ohne Verfahren von französischen Soldaten erschossen. Der Fall wurde später sowohl von den französischen als auch von deutschen Behörden nochmals gerichtlich aufgearbeitet.

Besuch des Epilepsiemuseums

Am Sonntag stand der Besuch des Epilepsiemuseums auf dem Programm. Museumsleiter Dr. Schneble erläuterte nicht nur die medizin- und pharmaziehistorischen Aspekte der Krankheit, sondern auch ihre Darstellung in Kunst und Literatur. Das Museum beeindruckt durch die Fülle seiner Objekte: Geräte zur Diagnose, Arzneimittel von damals bis heute finden sich ebenso wie einschlägige Literatur. Ein eigener Raum ist den Porträts prominenter Epileptiker gewidmet: Die Reihe reicht von Julius Caesar über Fjodor Dostojewskij bis hin zum Fußballstar Ronaldo und DJ Ötzi. Skulpturen zeitgenössischer Künstler zum Thema Epilepsie runden die Ausstellung ab. Sie ist jeden Sonntag geöffnet. |

Dr. Ursula Hirter-Trüb, Basel, Schweiz

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