Arzneimittel und Therapie

Unterschätzte Selbstmedikation

Verbraucher wissen wenig über Einfluss auf Laborparameter

Wie eine europäische Studie mit 3600 Probanden zeigte, nehmen rund zwei Drittel der Befragten OTC-Präparate oder Nahrungsergänzungsmittel ein. Allerdings ist sich weniger als die Hälfte darüber im Klaren, dass dadurch auch Laborparameter beeinflusst werden können.

In einer multizentrischen Studie wurde untersucht, in welchem Ausmaß OTC-Präparate und Nahrungsergänzungsmittel (NEM) in Europa ein­genommen werden und ob die Kon­sumenten über mögliche Einflüsse dieser Präparate auf Laborparameter informiert sind. Die Studie wurde in 18 europäischen Ländern – Deutschland war nicht darunter – durchgeführt. In jedem Land beantworteten 200 Probanden vor einer Blutentnahme folgende Fragen:

Nehmen Sie eines der aufgeführten OTC-Präparate oder NEM ein, und wenn ja, seit wann (Acetylsalicylsäure [ASS] – nicht auf ärztliche Verordnung, Aloe vera, Cranberries, Rotschimmelreis, Ginkgo, Mineralstoffe, Nonisaft, Omega-3-Fett­säuren, Propolis, Kümmelöl, Mariendistel, Vitamine, grüner Kaffeeextrakt, Appetitzügler, weitere Mittel)?

Ist Ihr Arzt darüber informiert?

Halten Sie es für wichtig, Ihren Arzt darüber zu informieren?

Halten Sie es für wichtig, den Labormediziner darüber zu informieren?

Sind Sie der Meinung, dass bestimmte Lebensstilfaktoren wie intensiver Sport, Alkoholgenuss, Konsum von Coffein, Grapefruit oder Brokkoli vor der Blutabnahme das Ergebnis einer Laborunter­suchung beeinflussen?

Was auf die Laborparameter schlagen kann

Die Einnahme Zimt-haltiger Präparate zwölf Stunden vor einer Blutentnahme kann zu einem signifikanten Abfall der Blutglucose führen und die Insulinsensitivität verbessern.

Mittel zur Gewichtsabnahme

können Cayennepfeffer, Bitterorange und Amphetamine enthalten. Diese Inhaltsstoffe können den Herzmuskel schädigen. Durch die Aktivierung des sympathischen Nervensystems kommt es zu einem Anstieg von Troponin und Creatinkinase-Myokardtyp (CK-MB).

Foto: Voyagerix – stock.adobe.com

Rotschimmelreis und Extrakte aus grünem Tee können zu abnormen Veränderungen der Leberenzyme führen.

Rotschimmelreis enthält unter anderem Monacoline. Monacolin K ist identisch mit dem Arzneistoff Lovastatin, hemmt die Cholesterin-Synthese durch Inhibition des Enzyms 3-Hydroxy-3-methylglutaryl-Coenzym A (HMG-CoA)-Reduktase und kann neben einem Abfall des Cholesterol-Spiegels zu Statin-charak­teristischen Nebenwirkungen führen (s. S. 38).

Cranberries können den PSA-Spiegel senken und beeinflussen die Expression Androgen-assoziierter Gene.

Grapefruit- und Clementinensaft interagieren mit zahlreichen Arzneistoffen und beeinflussen deren Wirksamkeit.

Ginkgo biloba und Mariendistel modifizieren die Aktivität mikrosomaler Enzyme und beeinflussen dadurch den Metabolismus vieler Arzneimittel.

68% der Befragten – mehr Frauen als Männer, die meisten im Alter zwischen 26 und 65 Jahren – gaben an, mindestens ein OTC-Präparat oder ein NEM einzunehmen. Dabei zeigten sich regionale Unterschiede: In der Türkei waren es beispielsweise 94%, in Albanien und Russland 85%, in Portugal lediglich 28%. Am häufigsten wurden Vitamine (38%) eingenommen, gefolgt von Mineralstoffen (34%), Cranberries (20%), ASS und Omega-3-Fettsäuren mit jeweils 17%. Rund die Hälfte der Befragten (49%) erwähnte die Ein­nahme von OTC-Präparaten oder NEM ihrem Arzt gegenüber nicht. 70% bejahten die Frage, ob sie es für wichtig erachten, ihren Arzt darüber zu informieren. 55% der Befragen hielten es für relevant, bei einer Blutuntersuchung die Einnahme von OTC-Präparaten oder NEM zu erwähnen. Die Frage, welche Lebensstilfaktoren die Ergebnisse von Blutuntersuchungen beeinflussen könnten, wurde folgender­maßen beantwortet: 76% bzw. 52% der Befragten nahmen an, dass sich Alkohol bzw. intensive körperliche Aktivitäten auf die Laborergeb­nisse auswirken können; der Verzehr von Grapefruit und Brokkoli wurde als weniger problematisch angesehen (von 30% bzw. 20% der Befragten).

Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen, dass das Bewusstsein für mögliche Auswirkungen einer OTC- oder NEM-Einnahme auf Blutparameter nur in geringem Maß vorhanden ist. Da manche OTC- bzw. NEM-Präparate Laborparameter beeinflussen können (s. Kasten), sind Information und Aufklärung bei der Abgabe solcher Mittel erforderlich – was nur möglich ist, wenn diese auch in einer Apotheke erstanden werden. |

Quelle

Simundic AM et al. Patient’s knowledge and awareness about the effect of the over-the-counter (OTC) drugs and dietary supplements on laboratory test results: a survey in 18 European countries. Clin Chem Lab Med 2018; doi:10.1515/cclm-2018-0579

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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